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Europäische Union : Hat der Nationalstaat wirklich ausgedient?

Nichts ausplaudern: Die glitzernde Idee von Europa würde durch Nazi-Vergleiche beschmutzt Bild: dpa

Es ist eine verstörende Geschichte: Die Nazis träumten einst von einem vereinten Europa. Und wenn wir uns fragen, welches Europa wir wollen, steht auch wieder die Frage an: Müssen gute Europäer den Nationalstaat wirklich überwinden?

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          Die Zeitschrift „Junges Europa“ veröffentlichte im Mai 1942 einen Aufsatz unter dem Titel „Verfall und Größe der europäischen Idee“. Als Verfasser zeichnet ein gewisser Dr. Peter Coulmas. Die regelmäßig erscheinende Zeitschrift nennt sich im Untertitel „Blätter der Frontkämpfer der Akademischen Jugend Europas“. Coulmas tritt ein für die „Neugründung Europas“, deren Erfolg abhänge von einer konstruktiven europäischen Idee und einer Führerschicht. Zu überwinden sei der von der Französischen Revolution in die Welt gebrachte Nationalismus und der kleinliche Chauvinismus, der sich bis in die Versailler Verträge durchziehe.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Einheit in der Vielfalt“, heißt Coulmas’ Motto für das neue Europa, welches er bei seinen Lesern bewirbt. Coulmas, geboren 1914 unter dem Namen Petros Koulmassis als Sohn eines griechischen Zigarettenfabrikanten in Dresden, hatte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und arbeitete von 1936 an als Assistent an der Universität Athen. Nach dem Krieg wurde er leitender außenpolitischer Redakteur des WDR, galt als Kosmopolit und engagierte sich gegen die Militärdiktatur in Griechenland.

          Ein wahrer „Europa-Rausch“ nach 1940

          Coulmas wurde eine publizistische Figur der Nachkriegsrepublik, er kämpfte für den Weltfrieden, war befreundet mit Willy Brandt, Gustav Heinemann und Walter Scheel. Coulmas’ Text ist typisch, keine Ausnahme. Er spiegelt den Geist der Zeit. Während nach 1918 die deutsche Rechte anti-europäisch war, brach nach dem Sieg über Frankreich 1940 ein wahrer „Europa-Rausch“ aus, wie der Freiburger Historiker Ulrich Herbert erzählt. Der Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 entfesselte erst recht Vorstellungen über die „Rettung Europas vor dem Ansturm barbarischer Horden“. Goebbels Rede im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943 sprach vom „Ansturm der Steppe gegen unseren ehrwürdigen Kontinent“.

          Es gehe um die Rettung Europas vor dem Bolschewismus. Eine der wirkmächtigsten Legenden, die schon lange über Europa erzählt wird, behauptet, die Idee der europäischen Einigung sei 1945 - vorbereitet in den Jahren davor von italienischen Antifaschisten - wie eine Erlösungsformel über die Völker des vom Krieg zerstörten Kontinents gekommen. Dass aber auch die Nazis Europäer gewesen sein sollen, das auszuplaudern ist bis heute verboten: Dass nämlich Europa zu einer „Leitvokabel“ (Ulrich Herbert) der Nazis werden konnte, darf in den friedlichen Gründungsgeschichten der EU nicht vorkommen, in den Festschriften und Wahlplakaten dieser Tage vor der Europawahl schon gar nicht.

          Die schöne Legitimationsgeschichte wäre beschmutzt

          Es würde die ganze schöne Legitimationsgeschichte Europas verschmutzen. Die Europavision der Nazis taugt nicht zum Material für Karlspreisreden. Zu leicht macht es sich, wer die Europa-Idee der Nationalsozialisten einer bösen „antiliberalen“ Tradition zuordnen würde, um sie dem „guten“ liberalen Europa der Antifaschisten entgegenzustellen. Dazu sind die Vorstellungen auch nach 1945 insgesamt viel zu widersprüchlich: Der Gedanke einer Einheit Europas birgt konservative, sozialistische, korporatistische, also allesamt eher anti-liberale Denkbruchstücke in sich. Zugleich fiele es schwer, das „Junge Europa“ der Nazis als ausschließlich und eindeutig „antiliberal“ oder rechtsfaschistisch ab- und auszugrenzen.

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