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Europäische Union : Hat der Nationalstaat wirklich ausgedient?

Und die meinungsführende Intelligenz folgt dem Philosophen. Die Herstellung größerer und immer größerer Einheiten ist für solchen Phantasien die Logik des naturwüchsigen Weltprozesses.
Dahinter steht die irrige Annahme, der Nationalsozialismus sei ein Nationalismus gewesen, weshalb der Nationalstaat böse sei und vor allem von den Deutschen überwunden werden müsse. Doch wer gegen die Nation ist und befindet, die Völker Europas müssten im Interesse ihrer Einigung sich transnationalisieren und Souveränität abgeben, sollte sich zur Begründung besser nicht auf den „bösen Nationalismus“ der Nazis berufen.

Weder mit der Nation, noch mit dem Sozialismus viel im Sinn

Es gab ihn nämlich gar nicht. Gerade die Nazis polemisierten, wie wir gesehen haben, gegen kleinlichen Nationalismus, an dem man nicht ersticken wolle. „Wir sind traumatisiert durch Hitler. Dabei verachtete Hitler die Nationen“, wirft Alain Finkielkraut in die Debatte: Der französische Intellektuelle erinnert zu Recht daran, Hitler habe die Nation durch die Rasse ersetzen wollen. „Heute aber lassen wir die Nationen für Hitlers rassistische Maßlosigkeit büßen.“ Die Forderung, Vereinigte Staaten von Europa zu schaffen und dafür nationale Souveränität zu opfern, kann sich zur Begründung nicht auf das angeblich schlechte Vorbild der deutschen Nationalsozialisten berufen.

Die „National-Sozialisten“ hatten weder mit der Nation, noch mit dem Sozialismus viel im Sinn. Die deutschen Euromantiker und Entnationalisierer merken gar nicht, dass sie, bei aller antinationalistischen Rhetorik, deren nationalistischem Pathos auf postnationaler, europäischer Ebene selbst aufsitzen. „Der Verzicht auf die europäische Einigung wäre auch ein Abschied von der Weltgeschichte“, lautet Jürgen Habermas Bekenntnis zu Europa, wobei ihm offenbar die neoimperiale Größenphantasie dieses Satzes (bloß kein Abschied von der Weltgeschichte!) verborgen geblieben ist.

Es sind immer vor allem französische Intellektuelle, welche die Deutschen warnen: „Wir sind nicht so begierig darauf, uns von den Deutschen sagen zu lassen, wir sollten unsere Souveränität verlieren“, sagt Emmanuel Todd, ein französischer Historiker. Todd spürt sehr genau den hegemonialen Unterton, der sich hinter der unschuldig vorgetragenen Bescheidungsgeste („Abgabe von Souveränität“) verbirgt.

Nachbarn sehen sich deutschem Erziehungsdiktat unterworfen

„Die deutsche Dominanz über Europa dauert an“, heißt der Vorwurf Todds in einem Anfang des Jahres im amerikanischen Magazin „Harper’s“ erschienenen bemerkenswerten Beitrag zum Thema „Wie die Deutschen Europa zurück eroberten“. Wir Deutschen finden das grob ungerecht. Da wären wir bereit, aus der Nazizeit zu lernen, unsere Souveränität aufzugeben und dem veralteten Nationalismus abzuschwören. Aber die hellhörigen Nachbarn spüren heraus, dass die Deutschen unter der Maske der guten Europäer abermals ihren alten Eroberungsgelüsten frönen.

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