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Europäische Union : Hat der Nationalstaat wirklich ausgedient?

Dass es 1945 keine Stunde Null gegeben hat, ist bekannt. Dass dies aber auch auf den Europadiskurs zutrifft, ist immer noch überraschend. Winston Churchill prägte 1946 nicht nur das Wort vom Eisernen Vorhang, sondern forderte ein neues, vereintes Europa, von dem keine Nation ausgeschlossen werden dürfe: „Wir müssen eine Art Vereinigter Staaten von Europa aufbauen. Bei dieser dringenden Aufgabe müssen Frankreich und Deutschland die Führung übernehmen. Ich sage Ihnen Let Europe arise.“

Churchill, der – wie Hans Magnus Enzensberger spöttisch bemerkt – mit Ausnahme der Inder kein Volk unsympathischer fand als die Deutschen, hatte weniger das Wohl der Deutschen (und schon gar nicht die Beteiligung der Briten) im Auge als die sowjetische Bedrohung. Ihr sollte das Projekt der Vereinigten Staaten Europas Einhalt gebieten: Nicht als Friedensprojekt, sondern als Verteidigungsbollwerk diente Europa hier. Die „Idee Europa“ hatte sich auch nach dem Krieg in den sicherheitspolitisch-strategischen Dienst zu stellen, nicht anders als bei den Nazis in den letzten Kriegsjahren.

Ein Begriff mit großer Konjunktur

Solch „europäisches Denken“ war die Nachkriegsdevise, die auch den deutschen Kriegsheimkehrern gar nicht so fremd klang, waren sie doch mit der Idee der „Lebensgemeinschaft Europas“ in jenen Krieg gezogen, aus dem sie jetzt als Verlierer zurück kamen. Jetzt sollten sie von Ortega Y Gasset, Ernst Rudolph Curtius von „Europa als sittlicher Idee“ überzeugt werden und sich Halt verschaffen an den Wurzeln des wahlweise christlich oder antik vereinigten

„Abendlandes“ – ein Begriff, der wie schon im Krieg, so auch nach dem Krieg große Konjunktur hatte. „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen“, schwärmte am 16. September 1950 Bundespräsident Theodor Heuss bei einer Festrede auf einer Schulfeier in Heilbronn.

Kein Wunder, dass die Europa-Idee nach 1945 bei den Deutschen so rasch und problemlos Akzeptanz finden konnte. Hier mussten sie wenig umdenken und schon gar nicht umerzogen werden. Kein Wunder, dass die Deutschen sich immer als besonders glühende Europäer gebärdeten. Es war nicht nur die Kompensation ihres schlechten Gewissens, es war zugleich Ausdruck einer Kontinuität von Integrationszielen, gewiss mit anderen Vorzeichen.

„Transnationalisierung“ heißt das Zauberwort

Solche Kontinuitäten der europäischen Idee vor und nach 1945 nehmen der heutigen Europadebatte ihre Unschuld. Sie kratzen an dem Bild der Europäischen Einigung als Friedensprojekt, wird doch deutlich, dass mehr als die Pazifierung nach innen der Zusammenschluss von Anfang an auf einen gemeinsamen Gegner von außen zielte – die Russen und die Amerikaner. Dieser Reflex hat sich bis heute gehalten. Noch viel wichtiger aber ist, dass einem Missverständnis aufsitzt, wer behauptet, die Lehre der Europäischen Einigungsbewegung sei es, den Nationalismus aufzugeben und den Nationalstaat zu überwinden. „Transnationalisierung“ heißt das Zauberwort, dass der deutsche Chefintellektuelle Jürgen Habermas zum Kampfbegriff für ein künftiges Europa ausgerufen hat.

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