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Europäische Union : Hat der Nationalstaat wirklich ausgedient?

Plutokratie, also die Herrschaft der Reichen, ist ein bis heute wiederkehrender antikapitalistischer Topos in den Texten der deutschen Europafreunde. Europa gewinnt Maß und Mitte im Kampf gegen Bolschewismus und Kapitalismus. Wirsing vertritt keine Einzelmeinung. Auch Walther Funk, in Personalunion Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident beginnt seine programmatische „Rede vor der Universität Königsberg“ mit einer Invektive auf den „anglo-amerikanischen Geldimperialismus (wir nennen ihn auch Plutokratie)“: „Wir werden es nicht dulden, dass der Wert unseres Geldes von einer ausländischen Regierung oder von den Bankiers der Wallstreet bestimmt wird, und wir werden es nicht zulassen, dass die deutschen Preise an der Chicagoer Getreidebörse festgelegt werden“.

Ideen für eine künftige Europabank

Gegen diesen „Geld- und Dollarimperialismus“ plädiert Funk für eine künftige europäische Wirtschaftsordnung, wie ihn schon der sogenannte Schlotterer-Ausschuss seines Staatssekretärs Gustav Schlotterer ab 1940 entwickelt hatte. Man war sich darin einig, dass der innerdeutsche Handel von Zoll- und Währungsgefällen befreit und das Ruhrgebiet mit Nordfrankreich und den Benelux-Ländern zu einem „natürlichen Wirtschaftsraum“ zusammengeschlossen werden sollte. Grundlage sei ein privatwirtschaftlich zu organisierendes Produktionskartell, das als „wirtschaftliches Paneuropa“ bezeichnet wurde.

„Von Antieuropa kann jedenfalls bei diesen Protagonisten kaum die Rede sein; die Montanunion hatte eine korporative Vorgeschichte, die das Dritte Reich einschloss“ sagt der Historiker Thomas Sandkühler. Die Nazis entwickelten Ideen für eine künftige Europabank mit Sitz in Wien, die in vielem der EZB von heute ähnelte, wenn schon damals daran gedacht war, dass die Bank auch ermächtigt sein würde, überschuldeten Mitgliedsstaaten Kredite zu gewähren. Minister Funk machte zugleich differenzierte Pläne für ein multilaterales „Clearingsystem“ auf Reichsmarkbasis, das die Zahlungsbilanzen der europäischen Länder intern ausgleichen und es erlauben sollte, auf direkten Geldverkehr zu verzichten.

Der Historiker Sandkühler bemerkt, dass diese ambitionierten Pläne Funks, die dieser im Kern bereits 1940 in einer Rede zur „Wirtschaftlichen Neuordnung Europas“ entworfen hat, weit über das Kriegsende hinausweisen und zumindest gedanklich die heutige Gemeinschaftswährung vorweg nahmen. Es wird Zeit, dass wir damit aufhören, die europäische Einigung und die weitere Zentralisierung der EU ausschließlich als historisches Lernprogramm und Konsequenz aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus zu begründen.

„Let Europe arise“

Nicht Diskontinuität, sondern unaufgeklärte Kontinuität zeichnete das europäische Denken nach 1945 aus. Es sei der blinde Fleck Europas, dass es sich gerade nicht mit seiner Geschichte auseinandergesetzt habe, hat die französische Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva vor einen Jahr in einem bemerkenswerten Interview in der F.A.Z. erklärt: „Solange dieser verborgene Schatten nicht erforscht und einer Kritik unterzogen worden ist, wird Europa nicht voran kommen, sondern ist sogar dazu verdammt, Rückschritte zu machen.“

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