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Europäische Union : Hat der Nationalstaat wirklich ausgedient?

Man wird viel eher von Kontinuität als von Diskontinuität der Europaidee vor und nach 1945 sprechen müssen. Sie ist politisch ziemlich unempfindlich und ideologisch robuster als die Guteuropäer heute es gerne hätten. Wichtiger als die Integration nach innen war stets die Formierung nach außen. Ein einzelner kleiner Nationalstaat sei schließlich schwerlich in der Lage, den politischen und ökonomischen Mächten in Russland oder Amerika Paroli zu bieten, heißt es stereotyp. Nur ein geschlossenes Europa sei dafür gerüstet.

Dieser Reflex ist bis heute lebendig. „Die russische Aggression zwingt die Europäer zusammen“, ist dieser Tagen häufig zu lesen: Seit der Krimkrise des Frühjahrs 2014 stehe Europa plötzlich, anders als in der Schuldenkrise, ziemlich einig da, wird gesagt. Kanzlerin Angela Merkel, jetzt plötzlich die Anführerin der Europäer, beschwört den Dreiklang des Krisenmanagements: Gespräche mit Moskau suchen, Sanktionen verhängen und weitere androhen, Hilfe für die Ukraine anbieten (politisch und finanziell). „So schweißt der Konflikt der Ukraine die notorisch uneinigen EU-Mitglieder zusammen.“

Nazi-Deutschland gebärdete sich pro-europäisch

Europa als Bollwerk –, das ist ein geläufiger Topos. Nazideutschland gebärdete sich, spätestens seit 1940, pro-europäisch. Neben dem Hauptfeind „Bolschewismus“ im Osten fungiert schon damals der Kapitalismus Amerikas als Gegner im Westen. Nur ein geschlossenes Europa sei einer solchen Zwei-Fronten-Auseinandersetzung gewachsen. Dafür hier ein weiterer Beleg: „Europa in der Entscheidung“ heißt ein Aufsatz von Dr. Giselher Wirsing im Juliheft 1944, dem letzten erschienenen Heft des eingangs zitierten „Jungen Europa“. Im Vergleich zu Asien, Amerika und der Sowjetunion sei Europa arm an Rohstoffen und natürlichen Reichtümern, weshalb der Kontinent nur bestehen könne, „wenn die Europäer es selbst wollen“.

Gegen den „Sowjetismus“, den „Amerikanismus“, den „Überkapitalismus“ und die „Diktatur der öffentlichen Meinung“ müsse sich Europa als „geistiger Begriff“ formen, verlangt Wirsing. Scharf richtet er sich gegen den Nationalismus der europäischen Völker: „Hier stehen wir abermals vor der Schicksalsfrage: Werden sich die europäischen Völker in ihrem Nationalismus ersticken lassen oder werden sie, trotz der vielfach unerfreulichen Zwangslagen, die der Krieg geschaffen hat, erkennen, dass die großen außereuropäischen Weltmächte aufgrund der ihnen innewohnenden Dynamik überhaupt nichts anderes erstreben können, als die völlige Entmachtung beziehungsweise die Aufsaugung ganz Europas“.

Sturmbannführer Wirsing, geboren 1907, war von 1930 bis 1941 Mitherausgeber der Monatszeitschrift „Die Tat“, außerdem gab er die Zeitschrift „Das XX. Jahrhundert“ heraus. Im Krieg war Wirsing irgendwie verbandelt mit der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Später, von 1954 bis 1970, war er Chefredakteur der Zeitschrift „Christ und Welt“, die eine Zeitlang die auflagenstärkste Wochenzeitung der jungen Bundesrepublik war. Wirsings Bestseller „Der Aufstieg der Plutokratie in den USA“, bereits 1942 erschienen, mehrfach nach dem Krieg neu aufgelegt und in andere Sprachen übersetzt, geißelt die „entartete“ Mischung von „Puritanismus und asozialem Freiheitsbegriff“ Amerikas, „der nur dem Lebensstil der Finanzoligarchie dient“.

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