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Migrationsdruck : Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit

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Doch der Begriff beschreibt mehr als nur technische Innovation. Es ist ein anderes Wort für die „kreative Zerstörung“ von Joseph Schumpeter. Diese unglaubliche Erneuerungskraft der Marktwirtschaft treibt den technischen, politischen und wirtschaftlichen Wandel voran und sorgt für neues Wachstum. Zwar „muss sich alles ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist“, wie der italienische Schriftsteller Tomasi di Lampedusa schrieb. Doch Disruption hat auch einen Preis, der oft verschwiegen wird. Wer die Veränderungsgeschwindigkeit nicht mithalten kann, der verliert, dem droht der soziale Absturz.

Die Globalisierung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war so etwas wie eine politische Disruption. Von der Integration vieler Märkte und Staaten in den Welthandel profitierten neben den Schwellenländern vor allem exportstarke Nationen wie Deutschland. Ihre Unternehmen setzten sich im internationalen Wettbewerb durch. Auch dort wuchs die Zahl unzufriedener oder ängstlicher Bürger, aber in den angelsächsischen Dienstleistungsgesellschaften sammelten sich mehr Verlierer der Globalisierung.

Die Erfolgsgeschichten im Silicon Valley, in New York, London oder Oxford können nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer mehr Menschen in Amerika und Britannien nur den Mindestlohn verdienen. Die schönen Bilder aus den dynamischen Wachstumszentren mögen in den Medien besser klicken als der triste Alltag im amerikanischen Rostgürtel. Aber sie bilden die Realität nicht ab. Vor einem Jahr hat Deutschland erlebt, wie auf dem Höhepunkt der medialen „Willkommensbegeisterung“ emotionale Bilder sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mitrissen. Doch auch diese mediale Stimmung war alles andere als repräsentativ für die Bevölkerung.

In Kapitalismuskritik geht es um Schutz vor zu schneller Veränderung

In den alten Industriegesellschaften läuft der Wohlstandszuwachs der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg aus. In Amerika schließt der soziale Abstieg auch Millionen weiße Männer ohne Hochschulabschluss vom Arbeitsmarkt und vom Heiratsmarkt aus. Deren Verbitterung ist nachvollziehbar, auch die der jungen Europäer, die in den Krisenstaaten des Euroraums ohne Perspektive aufwachsen. Die neue Normalität in den alten Industriestaaten heißt Stagnation oder gemächliches statt starkes Wachstum.

Viele Menschen machen die neue Erfahrung, dass Realeinkommen stagnieren oder dauerhaft sinken. Dem Pew Research Center zufolge lag 2014 in vier von fünf amerikanischen Metropolregionen das Medianeinkommen der privaten Haushalte niedriger als 1999, obwohl die durchschnittliche Wirtschaftsleistung pro Kopf um ein Drittel gestiegen war.

Folglich ändert sich die Verteilung des Wohlstands: Der Anteil der Rentner wächst, die Angst vor Altersarmut steigt, und die Einwanderung verschärft den Kampf am Arbeits- und Wohnungsmarkt. Im Zuge der Globalisierung werden Arbeitsplätze in großer Zahl von Amerika oder Europa nach Asien exportiert, während der technische Wandel die traditionellen Geschäftsmodelle in zahlreichen Branchen bedroht.

Wie sollen Politik und Wirtschaft auf diese soziale Bewegung reagieren, die sich gegen Eliten, Wettbewerb und Fortschritt richtet? Können die Abgehängten überhaupt von den Vorteilen des freien Handels oder der Migration überzeugt werden? Könnte man wie früher auf die Vorteile der Marktwirtschaft gegenüber dem Sozialismus verweisen, wäre es einfach, da diese auf der Hand liegen. Doch in der neuen Kapitalismuskritik geht es nicht um den Wettbewerb der Systeme, sondern um den Wunsch nach Bewahrung, um die Verteidigung des erreichten Wohlstands, um den Schutz vor zu schneller Veränderung.

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