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Europa friert : Druckabfall an der Gasschleuse

Hier hat keiner am Hahn gedreht: Unter der Absperrarmatur fließt seit 1973 russisches Gas. Im Hintergrund die deutsch-tschechische Grenze Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Waidhaus ist ein Nest an der tschechischen Grenze. Hier kommt das Gas aus Russland an. Normalerweise. Halb Europa friert und fragt sich: Welche anderen Wege können wir gehen?

          6 Min.

          Ein dünnes weißes Rauchfähnchen verliert sich im Winterhimmel. Binnen Minuten hat es sich aufgelöst. Dann glänzt der wolkenlose Himmel über dem grauen Metallschlot wieder bayrisch-blau. So blau wie über den anderen Abluftschächten, die, von übermannshohem, mit Stacheldraht bewehrtem Metallgitterzaun gesichert, den Wald zur nahen tschechischen Grenze überragen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Über Nacht ist das Thermometer auf unter 20 Grad minus gefallen. Gefallen ist am Morgen auch der Gasdruck an Deutschlands wichtigster Grenzübergangsstelle für russisches Gas in Waidhaus. Der Zusammenhang ist, wenn es einen gibt, kein meteorologischer. Wer für den Druckabfall im Leitungssystem verantwortlich war, das seit 1973 russisches Gas bis über die tschechische Grenze transportiert, lässt sich auch Tage danach nicht klären. War es die Ukraine, die am Mittwoch um 2.30 Uhr das Transitsystem gesperrt hat, wie Moskau behauptet? Oder waren es die Russen, die die Einspeisung um 7.44 Uhr unterbrochen haben, wie in Kiew behauptet wird?

          Glücklich ist, wer mehrere Lieferanten hat

          Den Schaden haben vor allem die Europäer. Durch die vier Transitleitungen über ukrainisches Gebiet fließen normalerweise 80 Prozent des Gases, das die EU aus Russland bezieht. Sie deckt ein Viertel ihres Erdgasbedarfs aus russischen Quellen oder über das russische Gasnetz, in Ost- und Südosteuropa ist es sogar erheblich mehr. Länder wie Bulgarien oder Rumänien hängen ganz von den Lieferungen ab. Dort frieren Menschen in kalten Häusern. Schulen werden geschlossen, große gasverbrauchende Betriebe werden zur Drosselung der Produktion angehalten.

          Waidhaus am Donnerstag: Ein Teil der Gasverdichtungsanlage steht still, weil kein russisches Gas mehr durch die Ukraine kommt

          Glücklich ist, wer mehrere Lieferanten hat, über gut gefüllte Speicher verfügt und auf alternative Versorgungsrouten umschalten kann wie die Bundesrepublik. Deutschland bezieht seit Donnerstag mehr Gas über die nördlich verlaufende Jamal-Pipeline, die über Weißrussland nach Polen führt und bei Frankfurt die Oder quert. Russlands Gasprom hat die Leitungskapazität auf 8 Millionen Kubikmeter am Tag verdoppelt. So umgeleitet, fließt Gas über Polen, Deutschland und Tschechien auch bis Waidhaus.

          Wo wenig Gas ankommt, kann auch nur wenig verdichtet werden

          Das kleine Dorf in der Oberpfalz ist eine große Adresse für die Gasversorgung. 50 Millionen Kubikmeter Erdgas kämen hier zu normalen Zeiten täglich an, sagt Eon-Ruhrgas-Vorstandschef Bernhard Reutersberg. Es stammt aus Sibirien oder Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, wird gepresst durch drei Röhren mit einem Durchmesser von bis zu 1,20 Meter. Donnerstag kam nur noch ein Drittel der üblichen Menge unter dem tschechischen Grenzzaun hindurch. Druckabfall an der Gasschleuse. In einigen der von einem Schneepanzer überzogenen Metallröhren rauscht es wie zur Bestätigung.

          Doch die beiden Verdichterstationen, die Eon für den eigenen Bedarf und zusammen mit Gaz de France in der gemeinsamen Gesellschaft Mitteleuropäische Gasleitungsgesellschaft auf dem 18 Hektar großen Areal unterhält, laufen nur eingeschränkt. Hier wird das Gas auf seiner langen Reise gefiltert, gemessen, getrocknet, bevor es in haushohen Verdichteranlagen einen gewaltigen Schubs verpasst bekommt, damit es wieder ein paar hundert Kilometer Richtung Westen fließt. Ausgelegt sind die Anlagen und Rohrleitungen für eine Kapazität von bis zu 3,8 Millionen Kubikmeter Gas in der Stunde. Doch wo wenig Gas ankommt, kann auch nur wenig für den Weitertransport aufbereitet werden. So steigen in diesen Tagen nur wenige weiße Wölkchen auf über den Abwärmeschloten der Verdichterstationen.

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