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Kommentar : Bargeld und die Phantasie der Notenbanker

  • -Aktualisiert am

Würde Bargeld abgeschafft, könnten die Zinsen beliebig weit gesenkt werden. Bild: dpa

Die Pläne für begrenzte Barzahlung und Abschaffung des 500-Euro-Scheins könnten schwerwiegende Folgen haben. Nicht nur das Vertrauen in den Euro steht auf dem Spiel.

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          Bargeld ist mehr als Freiheit, weil es den Bürger vor mehr als „nur“ der Kontrolle durch den Staat oder die Digitalkonzerne schützt. Bargeld ist für viele auch ein Wertspeicher. In Krisen- oder Weichwährungsländern, in denen Menschen aus guten Gründen kein Vertrauen in den Staat oder das Geld haben, sucht das Vermögen Zuflucht in Dollar, Euro oder Schweizer Franken.

          Dabei handelt es sich meist nicht um Kriminelle, wie es das Bundesfinanzministerium unterstellt, sondern um normale Leute, die mit Banknoten ihr erarbeitetes oder erspartes Vermögen – ob klein oder groß – vor einer Entwertung oder einer Enteignung schützen wollen. Im ehemaligen Jugoslawien war etwa die D-Mark beliebt, heute ist es der Euro im Kosovo oder in der Türkei und selbst in Argentinien gibt es mehr 500-Euro-Scheine als in vielen Euroländern. Ja, auch Kriminelle mögen große Scheine, aber dunkle Geschäfte sind die Ausnahme, nicht die Regel.

          Wer soll noch an den Euro glauben?

          Die Freunde des Kontrollwahns unterstellen den Freunden des Bargelds gern, Freunde von Kriminellen zu sein. Da trifft es sich, dass der Präsident der Deutschen Bundesbank, Weidmann, der krimineller Umtriebe gänzlich unverdächtig ist, Zweifel anmeldet, ob Terroristen oder Kriminelle an illegalen Taten gehindert werden, weil Bargeldzahlungen ab einem bestimmten Betrag verboten oder große Scheine abgeschafft werden. Er erinnert auch daran, welche wichtige Rolle der 500er in der Finanzkrise spielte, als es fast zu einem Run auf die Banken gekommen wäre.

          Was wäre damals ohne Bargeld passiert? Die Pläne für begrenzte Barzahlung und Abschaffung des größten Scheins untergraben das Vertrauen in den Euro. Wer soll noch an den Euro glauben, wenn überlegt wird, ob der größte Schein irgendwann seine Gültigkeit verliert? Wen soll man dann noch davon überzeugen, dass die Währungsunion Bestand haben wird?

          Manche Befürworter des gläsernen Bürgers verweisen die Sorgen vor den Folgen negativer Zinsen mit all den geldpolitischen Motiven für einen schrittweisen Abschied vom Bargeld ins Schattenreich der Verschwörungstheoretiker. Auch dazu hat Weidmann, den man mit seiner Nüchternheit getrost als Kontrastprogramm zu jedweder Verschwörung bezeichnen kann, etwas Passendes gesagt. Das schwierige wirtschaftliche Umfeld rege die Phantasie an, wie sich die Beinfreiheit für die Geldpolitik erhöhen lasse. Durch Bargeld gibt es eine Untergrenze für die Zinsen. Sinkt diese zu stark in den negativen Bereich, wird es für die Bankkunden attraktiver, das Geld in Cash zu halten. Würde Bargeld abgeschafft, könnten die Zinsen beliebig weit gesenkt werden.

          Das Kuriosum ist schon lange die neue Normalität

          Wer immer noch glaubt, von den Negativzinsen der Notenbanken nicht getroffen zu werden, muss mit Blindheit geschlagen sein. Am Kapitalmarkt haben Anleihen im Wert von etwa sieben Billionen Euro inzwischen negative Renditen. Das Kuriosum ist schon lange die neue Normalität. Seit vier Jahren zahlen die Anleger Geld dafür, dass sie dem Bund einen Kredit geben dürfen. Über Pensionskassen, Lebensversicherungen oder Fonds zahlt der Kleinsparer mit. Inzwischen muss sogar der Gesundheitsfonds Strafzinsen berappen.

          Die Hoffnungen der Zentralbanken, negative Zinsen brächten die Konjunktur in Schwung und die Inflation ins Laufen, trogen. Zunehmend breitet sich Ratlosigkeit, gar Verzweiflung aus. Was können die angeblich allmächtigen Notenbanker noch tun, wenn eine Rezession droht?

          Hier kommen die Vorschläge zur Abschaffung des Bargelds ins Spiel, die unter anderen der ehemalige amerikanische Finanzminister Summers und der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds Rogoff vorantreiben. Dann könnte man die Strafzinsen weit ins negative Terrain drücken. Das wäre der Traum aller Schuldner und ein Paradies für die Schuldensünder der Währungsunion. Auf diese Weise könnte man Sparer in den Konsum zwingen und Gläubiger schrittweise enteignen, niemand könnte mehr ins Bargeld fliehen.

          Gefahr für einen Währungskrieg könnte steigen

          Eine ähnliche Wirkung könnte eine Orientierung der Notenbanken an elektronischem Geld haben, die der Währungsfonds in einer aktuellen Analyse durchspielt. Darin kann man nachlesen, welche Folgen es hätte, wenn alle Preise und Löhne am neuen Fixpunkt hingen – dem elektronischen Geld – und das Bargeld von der Zentralbank nach Belieben abgewertet würde.

          Wem solche Überlegungen noch nicht schräg genug sind, der kann die Debatte über Helikoptergeld verfolgen, die ebenfalls aus Amerika nach Europa schwappt. Wenn nichts mehr hilft, soll die Zentralbank einfach frisch gedrucktes Geld unter das Volk bringen. Auch diese Vorschläge sind keine Verschwörungstheorie, sondern können in radikale Geldpolitik münden – wie die Negativzinsen zeigen.

          Bevor man vor seinem geistigen Auge schon EZB-Präsident Draghi aus dem Hubschrauber Euro abwerfen sieht, sollte man kurz auf die gewaltigen Nebenwirkungen blicken. Im Abwertungswettlauf stiege die Gefahr für einen Währungskrieg, die Banken gerieten noch stärker unter Druck, an den Vermögensmärkten vergrößerten sich Anlagenotstand und Blasenbildung. Vor allem aber verlören die Menschen den Rest von Vertrauen in den Euro.

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