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EU-Neuzulassung : Nicht einmal die Bauern sind sich einig beim Glyphosat

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Ein Landwirt bringt auf seinen Feldern Pflanzenschutzmittel aus: Glyphosat bleibt in Deutschland umstritten. Bild: dpa

Glyphosat ist eines der beliebtesten Herbizide in der Landwirtschaft. Doch sein weiterer Einsatz in Europa ist ungewiss. Denn das Mittel hat auch viele Gegner.

          Darf der Unkrautvernichter Glyphosat in Europa weiter zum Einsatz kommen? Zum zweiten Mal innerhalb eines Vierteljahres versuchen Vertreter der EU-Staaten, in Brüssel eine Einigung zu finden. Eine mögliche Abstimmung wurde aber erst für den Donnerstag erwartet. In Berlin übergab die Umweltschutzorganisation BUND am Mittwoch eine Liste mit mehr als 142.000 Unterschriften an das Bundeslandwirtschaftsministerium, um die Wiederzulassung des umstrittenen Pflanzengifts im letzten Moment zu stoppen.

          BUND-Pestizidexpertin Heike Moldenhauer erklärte, ein deutsches Nein in Brüssel oder eine Enthaltung wären „ein klares Signal, dass mit diesem Gift etwas nicht stimmt“. Die Substanz steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Moldenhauer sieht den Verdacht bislang nicht ausgeräumt. Naturschützer sehen auch Gefahren für die Umwelt.

          Deutschlands Votum hat Gewicht

          Ob und wie sich die Bundesregierung positioniert, war im Vorfeld unklar, da die große Koalition in dieser Frage zerstritten ist. Am Mittwochvormittag sprachen die SPD-Minister, die vergangene Woche ihr Veto zur Neuzulassung angekündigt hatten, noch einmal über das Thema. Regierungssprecher Seibert sagte, in der Sitzung des Bundeskabinetts sei das Thema nicht besprochen worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilt nach Seiberts Worten die Auffassung von Schmidt, der für die Neuzulassung ist, während sich SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel bereits auf die Seite seiner Parteikollegin Barbara Hendricks geschlagen hatte, die die abermalige Genehmigung ablehnt.

          Die Sozialdemokraten führen mögliche Gesundheitsrisiken an. Aus dem Agrarministerium hieß es jedoch, die Befürchtungen der Umweltschützer würden nicht geteilt. Wenn sich die Regierung nicht einigt, wird Deutschland sich im Falle einer Abstimmung wohl enthalten. Das deutsche Votum hat in Brüssel großes Gewicht, da bei der Mehrheitsregelung auch die Bevölkerungsgröße zählt.

          Der Grüneneuropaabgeordnete Martin Häusling verwahrte sich mit scharfen Worten gegen eine mögliche Neuzulassung: „Es gibt überhaupt keinen Grund, diesen äußerst umstrittenen, unter Krebsverdacht stehenden Stoff erneut zu genehmigen. Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat ist möglich, das beweisen Tausende von Bio-Bauern in Deutschland und anderen Teilen Europas.“

          Im sogenannten Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel sitzen Vertreter der 28 Mitgliedstaaten. Ob die nötige Mehrheit für eine Neuzulassung erreicht wird, war im Vorfeld völlig unklar. Die EU-Kommission will die Frage nur zur Abstimmung stellen, wenn eine Mehrheit absehbar ist. Die Zeit drängt, weil die EU-Zulassung für Glyphosat, eines der weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizide, am 30. Juni ausläuft. In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird das Herbizid vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet. In Deutschland kommt es auf rund 40 Prozent der Felder zum Einsatz.

          Auch Bauern sind sich uneinig

          Die einen halten den Unkrautvernichter für unverzichtbar, die anderen für gefährlich und überflüssig. Auch die Bauern in Deutschland sind beim Umgang mit Glyphosat gespalten wie die Politik.

          „Glyphosat ist ein einfacher Problemlöser“, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) für Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, Franz Joachim Bienstein. Der Landwirt aus der Nähe von Wismar setzt das Gift gelegentlich ein, um stark verunkrautete Äcker zu behandeln. Die AbL-Bundesvorsitzende Gertraud Gafus aus Bayern hingegen fordert von der Bundesregierung, sich gegen die Wiederzulassung des Wirkstoffs in der EU auszusprechen.

          „Vernünftige Landwirtschaft braucht kein Glyphosat“, ist auch der Bio-Landwirt Jens Rasim überzeugt. Bio-Bauern dürfen kein Glyphosat anwenden. Der Geschäftsführer des Gutes Gallin im Landkreis Ludwigslust-Parchim meint, eine gute Fruchtfolge und die mechanische Bodenbearbeitung machten das Gift auf dem Acker überflüssig. „Es ist nicht der richtige Weg, immer mehr Dünger und Chemie einzusetzen“, mahnt er.

          Glyphosat ist bodenschonend

          Doch ohne Glyphosat wäre der Verzicht auf den Pflug unmöglich. Bio-Bauer Rasim gibt zu, dass das Pflügen Humus abbaut. In Betrieben mit Tierhaltung wie in Gallin falle aber genügend organischer Dünger an, um das wieder auszugleichen. Der 1000-Hektar-Bio-Betrieb hält 400 Rinder und 130 Schweine. Auch baue er keinen humuszehrenden Mais für Biogas an, sondern Kleegras als Futter. Rasim moniert, die konventionellen Bauern hätten nicht aufgehört zu pflügen, weil sie dem Boden Gutes tun wollten, sondern um Kosten zu sparen. Einen Hektar zu pflügen, koste etwa doppelt so viel wie das Spritzen.

          Ein großer Vorteil von Glyphosat ist für Bohl, dass es Getreide gleichmäßiger reifen lässt und Unkraut abtötet, so dass die Halme besser geerntet werden können. Das Spritzen wenige Tage vor der Ernte sieht der AbL-Vertreter Bienstein kritisch: Es sei dann kein Wunder, wenn Glyphosat im Brot oder Bier und schließlich im Urin von Menschen nachzuweisen ist.

          Wer Glyphosat ablehnt, kann dennoch nicht sicher sein, dass keines auf seinen Flächen landet. Hecken helfen, meint Rasim. Wichtig sei aber vor allem, dass Glyphosat nicht bei Wind ausgebracht wird und dass Sicherheitsabstände eingehalten werden. Mancherorts gibt es Beschwerden, wie die Umweltorganisation BUND angibt. Nicht selten vernichte von Feldern abdriftendes Gift sogar Pflanzen in Hausgärten.

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