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EU-Kommission lenkt ein : Ein Urlaub darf auch auf einmal bezahlt werden

Auch in Zukunft bleiben Flug, Hotel und Mietwagen auf einer Rechnung. Die EU-Kommission hat die geplante Pauschalreiserichtlinie gekippt. Bild: dpa

Flug, Hotel und Mietwagen zusammen bezahlen – eine neue EU-Richtlinie hätte das verhindert. Nach heftigem Protest hat die Kommission jetzt nachgegeben.

          Urlaubern bleibt für die Zukunft bei der Reisebuchung einiges an Ungemach erspart. Sie können auch künftig für eine im Reisebüro zusammengestellte Reise alle Einzelteile vom Flug über das Hotel bis zum Mietwagen in einem Rutsch bezahlen. Was Kunden seit jeher gewohnt sind, stand im Zuge der Reform der EU-Pauschalreiserichtlinie vor dem Aus. Doch zwei Wochen bevor sich die Branche zum Gipfeltreffen auf der Berliner Reisemesse ITB trifft, scheint ein für Außenstehende skurril wirkender Streitpunkt zum Regelwerk, das von Mitte 2018 an gelten soll, ausgeräumt. Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesjustizministerium, informierte Branchenvertreter in Berlin, dass sich die EU-Kommission nicht mehr gegen eine Gesamtabrechnung von aus Einzelbausteinen zusammengestellten Reisen stelle.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In jahrelangen Debatten war in Brüssel die neue Reiserichtlinie entwickelt worden. Das alte Regelwerk stammte aus einer Zeit ohne Online-Reiseportale. Doch was als Stärkung des Verbraucherschutzes gedacht war, verstanden dann sogar Verbraucherschützer nicht mehr. Deutsche Reisebüros fürchteten Einschnitte in ihr Geschäft. Sie hätten für jede Teilleistung separat kassieren müssen. Andernfalls wäre im rechtlichen Sinne automatisch eine Pauschalreise entstanden – mit weitreichenden Folgen.

          Wird ein Anschlussflug verpasst, droht ein Unwetter am Ferienstrand: Immer hätten sich auch kleine Drei-Personen-Reisebüros kümmern müssen, als wären sie Pauschalreisekonzerne wie TUI. Laut einer Umfrage des Deutschen Reiseverbandes (DRV) hätte das in jedem dritten Reisebüro mindestens die Hälfte der Buchungen betroffen.

          „Das hilft unseren Reisebüros sehr“

          Zu den Merkwürdigkeiten der Debatte gehörte, dass die Bedenken aus der Branche und der Politik erst laut wurden, nachdem die Richtlinie in Brüssel beschlossen war. In Berlin kursierte die Sorge, dass man auf ein EU-Vertragsverletzungsverfahren zusteuere, sollte in der deutschen Umsetzung festgeschrieben werden, dass Reisebüros wie bisher kassieren dürfen. Diese Bedenken wurden nach Billens Worten in Gesprächen mit der EU-Kommission nun ausgeräumt. DRV-Präsident Norbert Fiebig zeigte sich erleichtert: „Das hilft unseren Reisebüros sehr. Praktisch heißt das, dass Reisebüros ihr Geschäftsmodell im Großen und Ganzen so weiterführen können wir bisher.“

          Die Richtlinien-Debatte hatte auch zu Zerwürfnissen in der Branche geführt. So entstand der neue Verband unabhängiger selbständiger Reisebüros (VUSR), der dem DRV vorwarf, nicht entschlossen genug gekämpft zu haben. Eine vom VUSR initiierte Petition fand 50.000 Unterstützer. Vor der Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages scheint nun aber der Hauptkritikpunkt entfallen. Ganz zufrieden ist die Branche dennoch nicht. Urlauber sollen von 2018 an nicht zwei Monate lang Regress für Reisemängel fordern können, sondern zwei Jahre. Reiseunternehmen hatten argumentiert, nicht nachprüfen zu können, ob es in so lange zurückliegenden Urlauben Mängel gegeben habe. Doch an diesem ausgeweiteten Kundenrecht will die Bundesregierung festhalten.

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