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EU-Fischereipläne : Zielfische und Fischziele verfehlt

Lebensgrundlage: Gefangener Dorsch im Hafen Barhöft, Vorpommern Bild: ZB

Die Fischereipolitik der EU hat auf ganzer Linie versagt. EU-Kommissarin Damanaki will sie deshalb grundlegend reformieren und orientiert sich dabei an Norwegen.

          Das Urteil ist vernichtend. „Die EU-Fischereipolitik hat ihr Ziel nachhaltiger Fischerei in allen ihren Dimensionen – Umweltschutz, Wirtschaft und soziale Stabilität – verfehlt“, urteilt die Europäische Kommission in einem internen Papier. 63 Prozent der Fischarten in Gewässern der EU seien so stark überfischt, dass ihr Bestand bedroht sei. Gleichzeitig verdienten die meisten Fischer in Europa kaum genug, um zu überleben, weil es große Überkapazitäten gebe. 30 bis 40 Prozent der Fischereibetriebe seien unprofitabel.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Staaten erlaubten den Fischern deshalb trotz anderslautender Empfehlungen von Fachleuten und Kommission Jahr für Jahr zu hohe Fangmengen. Zudem setzten die EU-Regeln falsche Anreize, so dass 30 bis 80 Prozent jedes Fangs – meist tot – wieder im Meer landeten, da die falschen Fische ins Netz gingen. Weil das insbesondere Jungfische betreffe, könne sich der Bestand kaum noch erholen.

          „Es ist Zeit für eine grundlegende Reform der Fischereiregeln“, sagt EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki. Am Mittwoch will sie einen konkreten Reformvorschlag vorlegen. Der hat zwei Kernelemente: Erstens sollen die Staaten die jährlichen Höchstfangmengen oder Fischquoten für die verschiedenen Sorten künftig strikt nach wissenschaftlichen Vorgaben und für einen Zeitraum von mehreren Jahren festlegen. Zweitens will sie verbieten, den Beifang – ins Netz gegangene Fische, die zu klein zur industriellen Weiterverarbeitung sind oder nicht zur gewünschten Sorte gehören – zurück ins Meer zu werfen. Jeder Fisch, der gefangen wird, soll auch angelandet werden.

          Volatile Bestände: Dänischer Schollenfischer auf der Nordsee

          Bisher läuft die Verteilung der Fangquoten alljährlich nach dem gleichen Muster ab. Die Kommission schlägt für jedes EU-Land und jede Fischssorte Quoten vor, die den Fischbestand wie international vereinbart bis 2015 auf ein nachhaltiges Niveau bringen sollen. Die Fischereiminister, die das letzte Wort haben, halten sich aber oft nicht daran, sondern legen höhere Quoten fest.

          Durchschnittlich 47 Prozent mehr als empfohlen erlaubten sie den Fischern in den vergangenen acht Jahren zu fangen. Die Vertreter der EU-Staaten verstünden sich eben traditionell als Verteidiger der Fischer, nicht des Fisches, sagt Rainer Froese vom Leibniz-Institut in Kiel. Dabei verlören auch die Fischer langfristig ihre Lebensgrundlage, wenn sich die Bestände nicht mehr erholten. „Die Wissenschaftler haben keine Ahnung“, sagt Lorenz Marckwardt vom Landesfischereiverband Schleswig-Holstein. Sie entnähmen die Proben, um den Bestand zu prüfen, nach uralten Fahrplänen und nie vor 8 Uhr. „Wo wir in der Früh noch volle Netze hatten, finden sie dann nichts mehr und warnen vor Überfischung.“

          In einem Jahr heiße es dann, der Dorsch stehe vor dem Aussterben, und im Jahr darauf gebe es dann viel zu viel davon – so dass andere Sorten gefährdet würden, weil der Dorsch sie fresse.

          Die Bestände seien eben aus verschiedensten, oft rein biologischen Gründen sehr volatil, sagt der Fischer John Munch. Das müsse man bei der Festlegung der Quoten berücksichtigen. Damanaki will deshalb mit ihrem Vorschlag zunächst vor allem die wissenschaftliche Basis stärken. Die EU-Staaten sollen mehr Daten erheben und nach Brüssel liefern. Dann aber sollen, wo möglich, die Fangmengen auf dieser Basis langfristig fixiert werden, um den jährlichen „Kuhhandel“ der Staaten über höhere Quote zu beenden. Falls sich ein Bestand dann doch schneller erhole als erwartet, könne man immer noch nachbessern, heißt es in ihrem Umfeld.

          Orientierung an Norwegen

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