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Essay: Jürgen Trittin : Die Realitäten der Atomenergie

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Jürgen Trittin (Mi.) ist Bundestag-Spitzenkandidat für Bündnis 90/Die Grünen und - ebenso wie der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn (3.v.r) - alles andere als ein Freund der Atomkraft. Bild: dpa

Der Historiker Arnulf Baring hat in einem vieldiskutierten F.A.Z.-Beitrag einen „neuen Energierealismus“ gefordert. Doch dazu ist es nötig, sich den Realitäten der Atomenergie zu stellen, findet der frühere grüne Umweltminister Jürgen Trittin - und wirft den Atombefürwortern Realitätsverweigerung vor.

          12 Min.

          Arnulf Baring sieht die historische Auseinandersetzung um die Atomenergie als Ausdruck eines Paradigmenwechsels, der sich in den siebziger und achtziger Jahren vollzog. Mit dem Abschied von einer naiven Wachstumsgläubigkeit zerstoben auch die euphorischen Hoffnungen auf die Segnungen der zivilen Nutzung der Kernenergie. Diesen Wandel in der Einstellung beschreibt Baring als "Geschichte eines Realitätsverlustes".

          Allerdings besteht der Realitätsverlust für ihn nicht in der euphorischen und überzogenen Erwartung, die sich schon mit dem Einstieg in die Atomtechnologie verband und die sich seither immer wieder Bahn bricht, sondern in der erfolgten Abwendung. Dem Allparteienkonsens stand plötzlich ein großer gesellschaftlicher Dissens entgegen. Im Zuge dieses Abwendungsprozesses gründete sich sogar eine neue Partei, und am Ende ist es eine übergroße Mehrheit der Bevölkerung, darunter viele Wähler von CDU/CSU und FDP, die die Kernenergie ablehnt und sie höchstens noch übergangsweise dulden will.

          Realitätsverweigerung attestiert Baring ausschließlich den Kritikern der Kernenergie. Dabei müssten den Historiker gerade die von ihm selbst bemühten Quellen eines Besseren belehren. Denn der von Baring genüsslich zitierte SPD-Parteitagsbeschluss von 1956 spiegelt eben nicht nur die Euphorie des einstigen Allparteienkonsenses wider, sondern auch die Geschichte einer Illusion. Weder hat die Atomenergie entscheidend geholfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen, noch wurde das Atomzeitalter das Zeitalter von Frieden und Freiheit für alle.

          Die Hoffnungen der Atom-Befürworter haben sich nicht erfüllt, sagt Grünen-Spitzenpolitiker Jürgen Trittin
          Die Hoffnungen der Atom-Befürworter haben sich nicht erfüllt, sagt Grünen-Spitzenpolitiker Jürgen Trittin : Bild: REUTERS

          Im Gegenteil: Die Atomenergie hat uns bis heute - siehe Iran, siehe Indien - ungelöste Proliferationsrisiken eingebracht. Eine realistische Geschichte der Atomenergie muss deshalb feststellen, dass sich ein Großteil der Hoffnungen der Befürworter nicht erfüllt hat und dass die energiepolitische Bedeutung der Kernkraft bis heute weit überschätzt wird. Da stehen die Kritiker der Atomenergie vergleichsweise als Realisten da. Sicher, manche ihrer Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet - Gott sei Dank. Aber Harrisburg und Tschernobyl waren schlimm genug.

          Fast alle Entwicklungskosten trug der Steuerzahler - bis heute

          Schon beim Einstieg in die Kernenergie gab es deutliche Indizien, dass die euphorischen Hoffnungen wenig mit der - vor allem ökonomischen - Realität zu tun hatten. Der Einstieg war vor allem eine politische Entscheidung. Die Energiekonzerne wollten ihn anfangs gar nicht mitgehen. Die Frage, wie diese Unternehmen dann doch noch von der Atomkraft überzeugt wurden, streift der Zeithistoriker nicht einmal. Seine Geschichte schreibt Baring fast unter Ausklammerung ökonomischer Realitäten. Dabei waren es handfeste ökonomische Gründe, die aus deutschen Energiekonzernen Atomkraftwerksbetreiber machten. Sie bekamen nämlich dafür viel Geld vom Staat.

          Fast alle Forschungs- und Entwicklungskosten wurden vom Steuerzahler übernommen - bis heute: Allein der Abriss der ehemaligen Forschungsstätten und Wiederaufarbeitungsanlagen in Karlsruhe schlägt mit mindestens 11 Milliarden Euro zu Buche. Die Rechnung für die in radioaktiver Lauge absaufende Asse ist noch nicht geschrieben, sie wird aber weit über 2 Milliarden Euro liegen.

          Die Bundesregierung veranschlagt die bisher geflossenen direkten staatlichen Subventionen für die Atomwirtschaft auf gut 30 Milliarden Euro. Mit den absehbaren Kostensteigerungen für Rückbau und Lagersanierung dürfte die Summe auf etwa 40 Milliarden Euro steigen. Hinzugerechnet werden müssen freilich noch die Privilegien der Atomwirtschaft, etwa die Steuerbefreiung für die Atommüll-Rückstellungen in einer Größenordnung von über 26 Milliarden Euro.

          Alle davon nicht gedeckten Kosten der Atomenergie - von der Anlage in Wackersdorf bis zur Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague - durften die Energiekonzerne im vollen Umfang ohne jeden Abzug auf die Strompreise umlegen - jedenfalls bis zur Liberalisierung des Strompreises im Jahr 1998. Der Auf- und Ausbau der atomaren Energieerzeugung verband sich also mit einem Fördersystem, von dem die erneuerbaren Energien heute träumen würden. Nur durch diese gewaltigen Subventionen und die Verlagerung der Kosten auf die Allgemeinheit konnte der Einstieg in die Technologie überhaupt gelingen. Und eine wichtige Voraussetzung waren staatlich abgesicherte Monopole sowie der faktische Ausschluss von Wettbewerb. Diese Realität hat sich heute entscheidend geändert.

          Ein Knall bei Vattenfall

          Anderes hat sich nicht geändert. Zum Beispiel die Störanfälligkeit von Kernanlagen. Und je älter die Anlagen werden, desto störanfälliger werden sie. Biblis, Brunsbüttel, Neckarwestheim - die ältesten laufenden deutschen Atomkraftwerke kommen im Laufe ihres Betriebs jedes für sich auf rund 400 Störfälle. Das neueste Sorgenkind der Atomindustrie, das Kraftwerk Krümmel (ein Reaktor jüngeren Datums), kommt auf mehr als 300 Störfälle.

          Nachdem Vattenfall zwei Jahre gebraucht hatte, um den nach einem Trafobrand abgeschalteten Reaktor Krümmel wieder zum Laufen zu bringen, endete das Unterfangen mit einer Schnellabschaltung. Ein erneuter Trafoschaden war die Ursache. Der Betreiber hatte schon 2001 versucht, eine Wasserstoffexplosion im AKW Brunsbüttel vor den Aufsichtsbehörden zu verschleiern. Nun unterließ es der Konzern bei dieser Schnellabschaltung einfach, die Aufsicht zu informieren. So viel Unvermögen ließ es selbst dem F.A.Z.-Kommentator Andreas Mihm angeraten erscheinen, die Abschaltung von Krümmel zu fordern.

          Aber solcher Energierealismus ist Barings Sache nicht. Stattdessen attestiert er den Befürwortern des Atomkonsenses von 2001 en passant "Wirklichkeitsverweigerung". Ein schlechtes Zeugnis, das er damit auch den Vorständen und Aufsichtsräten von RWE, Eon, ENBW und Vattenfall ausstellt. Denn diese haben die Vereinbarung nicht in einer Art Blackout unterschrieben, sondern auf der Basis einer nüchternen Kalkulation. Mit dem Konsens wurden die einst unbegrenzten Laufzeiten (übrigens ein deutscher Sonderweg) begrenzt. Die Konzerne verzichteten auf eine Klage und bekamen dafür die Strommenge von 32 Betriebsjahren bei Betrieb nach dem Stand von Wissenschaft und Technik gesichert.

          Die Tugend des ehrbaren Kaufmanns - und die heutigen Manager

          Während es früher zur Tugend des ehrbaren Kaufmanns gehörte, zu seinem Wort zu stehen, sehen das die heutigen Vorstände der Stromkonzerne offensichtlich anders. Sie haben das Vereinbarte einseitig aufgekündigt und erwarten vom Gesetzgeber Willfährigkeit gegenüber ihren Wünschen. Die Laufzeit von so störanfälligen Anlagen soll um acht oder mehr Jahre verlängert werden. Manche fordern gar die Verdoppelung der Laufzeiten.

          Die Gründe für ihren Meinungswandel hat die Landesbank Baden-Württemberg, die die Atomkraft befürwortet, ausgerechnet: Eine Laufzeitverlängerung würde den vier Kernkraftwerksbetreibern zwischen 38 Milliarden Euro und 200 Milliarden Euro zusätzlich in die Kasse spülen, je nach Dauer und geschätztem Strompreis. Zugleich würde die Laufzeitverlängerung deren marktbeherrschende und damit preisdominierende Position auf dem deutschen Energiemarkt gegenüber ihren Wettbewerbern ohne abgeschriebene Altanlagen massiv stärken.

          Auch diese Wahrheiten blendet Baring einfach aus. Er interpretiert den Wunsch nach Laufzeitverlängerung unkritisch nur als Folge neuer Realitäten, die sich nach 2001 entwickelt hätten. Ein legitimer Hinweis. Aber schauen wir uns diese neuen Realitäten etwas gründlicher an.

          Die neuen Realitäten sind zunächst immer auch alte Realitäten: Keines der laufenden Atomkraftwerke der Welt ist vor einem Super-GAU sicher. Fast nirgends in der Welt ist das Problem der Atommüllentsorgung gelöst. Im Gegenteil, in den Vereinigten Staaten wurde das Endlager Yucca Mountains endgültig gerichtlich gestoppt. Dort produzieren heute gut 100 Atomkraftwerke bis zu 60 Jahre radioaktiven Müll, ohne dass es eine gesicherte Entsorgung gibt.

          Das ursprüngliche Ziel der Attentäter: eine Nuklearanlage

          Gleichwohl hat sich die Welt seit 2001 verändert. Allerdings ist es verwegen zu behaupten, dass diese veränderte Situation zugunsten der Atomenergie spricht: Die gravierendste Zäsur waren die Terroranschläge vom 11. September 2001. Der Untersuchungsbericht des amerikanischen Senats stellte fest, dass Atta und seine Mittäter ursprünglich planten, in eine Nuklearanlage bei New York zu fliegen. Sie gaben diesen Plan auf, weil sie fälschlich annahmen, sie würden dort abgeschossen werden.

          Das Bundesumweltministerium hat infolge des 11. September ein solches Szenario für Deutschland untersuchen lassen. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) kommt zu dem Ergebnis, dass keines der deutschen Atomkraftwerke dem Absturz eines Verkehrsflugzeuges standhalten würde. Allerdings gibt es zwischen den Anlagen noch beachtliche Unterschiede. Die ältesten sieben sind so schlecht gesichert, dass es in diesem Fall zu einer katastrophalen Freisetzung von Radioaktivität kommen würde. Ein Gegengutachten der von den Pro-Atom-Ländern Hessen, Baden-Württemberg und Bayern bezahlten Internationalen Länderkommission Kerntechnik (ILK) bestätigt wider eigenes Erwarten für Biblis exakt diesen Befund.

          Ein neuer Energierealismus darf die neuen Gefahren des Terrorismus ebenso wenig ausblenden wie die Gefahren, die sich aus dem völkerrechtlich verbrieften Recht auf Anreicherung und Wiederaufarbeitung ergeben. Ein Recht, welches Deutschland einst in seiner Atomeuphorie in den Nichtverbreitungsvertrag hinein verhandelt hat - zur heutigen Freude der Ahmadineschads der Welt.

          Beim Tempo des Ausbaus erneuerbarer Energien habe ich mich geirrt

          Eine realistische Betrachtung der Energiepolitik muss auch die eigenen Irrtümer benennen. Ich räume freimütig ein, dass ich mich beim Tempo des Ausbaus erneuerbarer Energien in der Vergangenheit geirrt habe. Das erste Erneuerbare-Energien-Gesetz von 1999 forderte noch, dass 12,5 Prozent unseres Stroms im Jahre 2010 erneuerbar erzeugt werden sollten. Das galt damals als höchst ambitioniert. Und trotzdem wurde dieses Ziel von der Realität widerlegt.

          2008 stammten schon 15,1 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Die Entwicklung verlief sehr viel stürmischer als erwartet, weshalb selbst die große Koalition das Ziel für 2020 aufgestockt hat. CDU/CSU und SPD erwarten nun, dass im Jahr der letzten Atomkraftwerke "mindestens 30 Prozent" des Stroms erneuerbar erzeugt werden. Damit gibt Frau Merkel selbst die Antwort auf Barings Frage, woher denn nach dem Ausstieg der Strom kommen solle. Ein Anteil von 30 Prozent erneuerbaren Stroms ist deutlich mehr, als die Kernenergie 2001 hatte, dem Jahr, als der Ausstieg beschlossen wurde. Die große Koalition hat sich - bei allem energiepolitischen Streit - faktisch selbst verordnet, Atomenergie komplett durch erneuerbaren Strom zu ersetzen.

          Mag man über Prognosen noch streiten, ist das angesichts realer Entwicklung schwierig. Seit 2001 tut sich in Deutschland Erstaunliches. Einst ein Land mit einer ausgeglichenen Strom-Import/Export-Bilanz, wird es zunehmend zum Stromexporteur: 2007 exportierte Deutschland netto 19 Terawattstunden Strom, das entspricht der Jahresleitung von rund vier Großkraftwerken. 2008 waren es sogar 22,5 Terawattstunden Strom netto - und das, obwohl bis zu sechs Atomkraftwerke parallel wegen Pannen und Wartungsarbeiten stillstanden. Der mit der Energiewende 2001 eingeleitete Investitionsboom in Deutschland, insbesondere bei erneuerbarer Energie, hat die Versorgungssicherheit in Deutschland so stark erhöht, dass selbst der aktuelle Ausfall von rund 50 Prozent der Kernkraftwerkskapazität kaum Auswirkungen auf den Strompreis an der Leipziger Börse hat.

          Renaissance der Ankündigungen

          "Wer die Realität nicht zur Kenntnis nimmt, landet im Desaster" - bei Baring ist es ein argumentatives. Er verweist darauf, dass überall auf der Welt Politiker Neubauprogramme für Atomkraftwerke ankündigen. Das stimmt. Der naheliegenden Frage, ob den lauten Ankündigungen auch Taten folgen, geht der Zeithistoriker aber nicht nach.

          Sehen wir genauer hin und schauen auf die Vereinigten Staaten: Als George Bush und Dick Cheney im Jahr 2000 an die Regierung kamen, kündigten sie den Bau von bis zu 50 neuen Kernkraftwerken an. Nicht ein einziges wurde danach geordert. Seit den späten siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - seit Harrisburg - wurde dort kein neues Atomkraftwerk in Auftrag gegeben. In der EU 27 ist die Zahl der Atomkraftwerke rückläufig. Waren 1988 noch 177 Anlagen in Betrieb, sind es heute nur noch 145. Im Bau sind zwei - eines in Frankreich sowie eines in Finnland. Die Kosten in Finnland sind schon explodiert: Statt der vereinbarten 3 Milliarden Euro wird es eher 4,5 Milliarden Euro kosten. Auch auf der französischen Baustelle gibt es Probleme: Kurz nach dem Baubeginn wurde wegen mangelnder Betonqualität der Fundamente ein gerichtlicher Baustopp erlassen.

          Im Rest der Welt sieht es nicht anders aus: Laute Ankündigungen sind die Begleitmusik zu realer Stagnation, ja sogar von Rückgang. Seit 2002 hat sich die Zahl der Atomkraftwerke weltweit von 444 auf 436 verringert. Weitere Reaktoren werden altersbedingt vom Netz gehen. Wollte man nur den Ersatzbedarf decken, so müssten laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) bis zum Jahr 2015 etwa 70 neue Kernkraftwerke fertig gebaut sein. Tatsächlich sind nur 34 im Bau, darunter etliche, an denen schon seit zwanzig Jahren gearbeitet wird und bei denen man getrost von Bauruinen sprechen kann. Weitere Atomkraftwerke sind nicht einmal bestellt, obwohl doch auf ihren Baustellen heute schon hart gearbeitet werden müsste, um einen Termin 2015 zu halten. Nein, es führt kein Weg an dieser einfachen Wahrheit vorbei: Der Anteil der Atomenergie an der Weltenergieversorgung wird eher weiter sinken. Das Gerede von der Renaissance ist das Pfeifen im Wald der Atomlobbyisten.

          Neue Atomkraftwerke sind nicht wettbewerbsfähig

          Schon heute ist der Anteil der Atomkraft an der Energieproduktion weltweit bescheidener, als uns das Gerede ihrer Befürworter glauben machen will. Gerade mal 2,5 Prozent der weltweit genutzten Endenergie stammen aus Spaltmaterial. Entsprechend vernachlässigbar sieht der Beitrag der Atomenergie zum Klimaschutz aus. Die G 8 haben sich gerade mit den wichtigsten Schwellenländern darauf verständigt, bis zu 50 Prozent der Treibhausgase einzusparen. Das entspricht 40 Milliarden Tonnen pro Jahr. Wollte man nur 5 Milliarden Tonnen davon durch den Einsatz von Atomenergie einsparen, müsste man bis 2050 etwa 1200 Atomkraftwerke neu bauen. Das wird nicht passieren. Auch diese Wahrheit gehört zu einem Energierealismus.

          Der Grund dafür ist kein ideologischer, sondern ein kaufmännischer: Neue Atomkraftwerke sind nicht wettbewerbsfähig. Sie waren es schon beim Einstieg in die Atomenergie nicht, und es ist nicht absehbar, dass sie es jemals werden. Hohe Kapitalkosten und extrem lange Kapitalbindungszeiten machen Atomkraftwerke für Investoren unattraktiv - was sich im Zuge der Weltfinanzkrise weiter verschärfen dürfte. Ohne dauerhafte Subventionen läuft gar nichts -, und Subventionen haben selbst die von Baring angeführten Schweden explizit ausgeschlossen. So dürfte die Renaissance der Atomenergie das bleiben, was sie ist: eine Renaissance der Ankündigungen.

          Es ist natürlich leichter, à la Gordon Brown den Wiedereinstieg in die Atomenergie im Fernsehen anzukündigen und damit Aktivität zu suggerieren, als die tatsächlich erforderlichen energiepolitischen Schritte zu gehen. Die würden voraussetzen, real in Erneuerbare, in Energieeffizienz und Energieeinsparung zu investieren. Großbritannien hat es versäumt, rechtzeitig in Wind, Sonne und Wasser zu investieren. Nun sitzen sie da mit zu Ende gehenden Gasvorräten und überalterten Atomkraftwerken. Deutschland ist hier besser aufgestellt als viele europäische und außereuropäische Länder. Allein in die Erneuerbaren werden bis 2020 bei uns 200 Milliarden Euro investiert werden.

          Klimaschutz oder Atomenergie

          Deutschland hat 2001 eine Entscheidung getroffen und sich damit von einem von vielen Seiten auch ideologisch geführten Streit verabschiedet - vielleicht ganz untypisch deutsch. Es hat sogar das Kunststück fertiggebracht, das arithmetische Mittel zwischen unendlich und sofort zu finden: 32. Für eine unendliche Betriebserlaubnis plädierten die Energiekonzerne, für einen Sofortausstieg stritten die Atomkraftgegner. Man einigte sich auf 32 Jahre Laufzeit nach Betriebsbeginn.

          Parallel dazu hat die Bundesrepublik einen beispiellosen Ausbau der erneuerbaren Energien auf den Weg gebracht. Diese Branche beschäftigt heute 280000 Menschen und spart jährlich 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein. Das kostet die Bevölkerung rund 1,50 Euro pro Person und Monat. Schon heute liefern erneuerbare Energien, gemessen am Gesamtverbrauch, mit 9,7 Prozent mehr Energie als die Atomkraft. Rückwärtsgewandte Diskussionen um eine vermeintliche Nischentechnologie verweigern die Wahrnehmung dieser neuen Realität und drücken sich vor einer ernsten Frage: Wie kann man das Ziel der Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2050 samt einer verursachergerechten Lastenteilung erreichen? Verursachergerechte Lastenteilung bedeutet eine Reduktion der Treibhausgase in Europa bis 2050 um 80 Prozent. Anders gesagt: Bis zur Mitte des Jahrhunderts muss hier der ganze Energiebedarf für Strom, Wärme und Mobilität erneuerbar oder CO2-frei bereitgestellt werden.

          Eine Schlüsselfrage lautet deshalb, ob der dafür notwendige und beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren mit einem Festhalten an der Atomenergie zusammengeht. Die Antwort ist einfach. Sie lautet: nein. Es sind die Atombefürworter selber, die diese klare Antwort geben. Niemand anderes als Eon forderte, den Ausbau erneuerbarer Energien in Großbritannien auf 33 Prozent zu deckeln, weil es sonst nicht in die Erneuerung der britischen Atomkraftwerke investieren will.

          Atomenergie ist keine „Brückentechnologie“

          Der Hintergrund für diese Forderung ist einfach, und er lässt sich in Deutschland heute schon nachvollziehen: Der wachsende Anteil von erneuerbar erzeugtem Strom setzt neben einem intelligenten, europaweiten Netz auch einen flexiblen Kraftwerkspark voraus, um die Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage ausgleichen zu können. Die heutige Grundlast - auch dies eine entscheidende Änderung seit 2001 - ist bereits erneuerbar. Der Strom, der zuerst eingespeist wird, ist der aus erneuerbaren Quellen. Flexibel ist ein nukleares Kraftwerk gerade nicht. Im Gegenteil: Fährt man seine Leistung zu schnell runter, können sogar die Brennelemente, wie jüngst in Krümmel geschehen, Schaden nehmen.

          Es wäre eine Energieabsurdität sondergleichen, Windräder, Wasserkraft, Biomasse oder Solaranlagen vom Netz zu nehmen und ihren weiteren Ausbau zu verhindern, nur damit Kernkraftwerke weiterlaufen können, also Anlagen, die radioaktiven Müll für Jahrtausende produzieren, von dem wir immer noch nicht wissen, wo und wie wir ihn sicher endlagern können; die störanfällig sind mit einem gewaltigen Risiko für das Leben auf der Erde; die abgeschrieben sind aufgrund riesiger staatlicher Subventionen und die zwei Drittel ihrer Primärenergien zur Aufheizung von Flüssen und zur Wolkenproduktion verschwenden. Es wäre absurd, jetzt auf Anlagen zu setzen, die am Ende doch nicht ewig laufen werden, weshalb die Investitionen in Erneuerbare ohnehin getätigt werden müssen. Nicht ohne Grund sind nicht nur Erneuerbare-Energien-Technologien, sondern auch das Erneuerbare-Energien- Gesetz mittlerweile selbst zu regelrechten Exportschlagern geworden. In mehr als vierzig Ländern wurden unsere Regelungen inzwischen übernommen.

          Nein, Atomenergie ist keine "Brückentechnologie", wie uns jetzt viele Befürworter weismachen wollen. Atomkraft ist längst zur Bremse für den Klimaschutz geworden. Ein Festhalten an der Atomenergie hieße, die Brücke hin zu einer sicheren, klimaverträglichen Energieversorgung abzureißen. Deutschland ist mit dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Ausbau der Erneuerbaren auf einem guten Weg. Arnulf Baring kann darin nur einen "deutschen Sonderweg" entdecken. Es wäre nicht einmal der schlechteste. Aber andere sehen das ohnehin anders. Sie sehen Deutschland mit der grünen Energiewende in einer Vorreiterrolle für die Welt. Höchste Zeit, dass wir uns von einer altmodischen atomaren Nischentechnologie verabschieden, ganz pragmatisch und unideologisch.

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