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Erzwungene Gleichstellung : So viele Frauen fehlen noch in den Aufsichtsräten

Chefin? Solche Schilder sind noch selten - viele Führungspositionen sind noch mit Männern besetzt. Bild: dpa

30 Prozent sollen es sein, derzeit ist in Dax-Konzernen aber erst jeder vierte Aufsichtsratsposten in Frauenhand. Derweil zeigt vor allem ein großer Staatskonzern, dass die Regierung ihre eigenen Ziele bisher vernachlässigt hat.

          Nach Rentenpaket und Mindestlohn will die Bundesregierung noch vor Jahresende ein weiteres Gesetzeswerk auf den Weg bringen, das für Unmut in der Wirtschaft sorgt. Am 11. Dezember wird das Bundeskabinett das Regelwerk zur Einführung einer gesetzlichen Frauenquote verabschieden, das Justizminister Heiko Maas und Familienministerin Manuela Schwesig (beide SPD) erarbeitet haben. Das vereinbarten die Spitzen von Union und SPD auf ihrem Koalitionstreffen und gaben damit, von kleinen Änderungswünschen abgesehen, grünes Licht für das Gesetz.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dessen Kern ist zum einen eine zwingende Quotenvorgabe von 30 Prozent für die Aufsichtsräte von gut 100 großen Aktiengesellschaften: Für alle von 2016 an stattfindenden Aufsichtsratswahlen soll festgelegt werden, dass mindestens 30 Prozent der Mandate an Frauen gehen. Gelingt das nicht, sollen die betreffenden Sitze nicht an die gewählten Männer gehen, sondern leer bleiben. Theoretisch könnte es so passieren, dass die Anteilseigner eines Unternehmens die Mehrheit im Aufsichtsrat an die Arbeitnehmerseite verlieren. Sie glaube aber nicht, dass die Sanktion angewendet werden müsse, sagte Ministerin Schwesig an diesem Mittwoch.

          Zum anderen werden 3500 mittelgroße Unternehmen mit dem Gesetz verpflichtet, sich selbst Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils zu setzen – nicht nur für den Aufsichtsrat, sondern auch für Vorstand und oberes Management. Wie im Koalitionsvertrag festgelegt, sollen sie erste Steigerungen im Jahr 2017 nachweisen und ihre Ziele später nicht nach unten korrigieren dürfen. Beide Quotenregeln stoßen auf scharfe Kritik in Wirtschaft und Industrie; eine feste gesetzliche Quote sei „nicht im Interesse einer guten Unternehmensführung und schadet Unternehmen wie Beschäftigten“, warnt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

          Daneben will sich die Regierung auch für Bundesverwaltung und bundeseigene Unternehmen strengere Ziele setzen. Formal gelten dort schon lange sehr strenge Vorgaben: Seit dem Jahr 1994 fordert das „Bundesgremienbesetzungsgesetz“, dass der Bund bei der Besetzung von Verwaltungs- und Aufsichtsräten sowie allerlei anderer Gremien und Kommissionen „darauf hinwirkt“, dass eine „gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Gremien geschaffen oder erhalten wird“. Für den Staat sind bisher aber keine Strafen vorgesehen, falls er seine Ziele verfehlt.

          Die Bahn hinkt hinterher

          Künftig soll für die Aufsichts- und Verwaltungsräte öffentlicher Unternehmen im Gesetz näher vorgegeben werden, dass 30 Prozent der vom Bund zu besetzenden Mandate an Frauen gehen. Vom Jahr 2018 an soll hier sogar das „Ziel“ einer Quote von 50 Prozent gelten. Strafe bei Zielverfehlung: Die Verantwortlichen müssen sich schriftlich beim Bundesfamilienministerium rechtfertigen. Davon abgesehen soll auch das Bundesgleichstellungsgesetz so geschärft werden, dass bei der Besetzung von Stellen im Staatsdienst Frauen insgesamt eher zum Zuge kommen als bisher.

          Vergleicht man die tatsächlichen Frauenanteile in den Aufsichtsräten, dann liegt die öffentliche Hand zwar im Durchschnitt knapp vor der Privatwirtschaft, ist aber ebenfalls noch deutlich von 30 Prozent entfernt. Die 30 im Deutschen Aktienindex gelisteten Unternehmen kommen im Durchschnitt derzeit auf einen Frauenanteil von 25 Prozent. Betrachtet man eine Gruppe der 150 bis 200 größten Unternehmen, sind es weniger als 20 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnete für die 200 Größten einen Wert von 15,1 Prozent im Jahr 2013. Die Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fidar) kam für die Unternehmen in den Aktienindizes Dax, M-Dax, S-Dax und Tec-Dax, etwa 160 an der Zahl, auf 19 Prozent.

          Diese erweiterte Gruppe von Privatunternehmen ist in der Größenstruktur am ehesten mit den Bundesunternehmen vergleichbar. Für die Aufsichtsräte von 65 wichtigen Bundesunternehmen ermittelte „Fidar“ in diesem Jahr einen Frauenanteil von knapp 21 Prozent. Ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass die Regierung ihre eigenen Ziele bisher vernachlässigt hat, ist die Deutsche Bahn. Dort gab es bis vor Kurzem auf der vom Bund zu besetzenden Anteilseigner-Seite keine einzige Frau; erst neuerdings sind dort zwei von zehn Mandaten in Frauenhand. Insgesamt erreicht die Bahn heute 15 Prozent.

          Einige Dax-Konzerne haben indes die Marke von 30 Prozent schon klar überschritten. So sind beim Konsumgüterkonzern Henkel schon 7 von 16 Aufsichtsräten Frauen, was einem Anteil von 44 Prozent entspricht. Auch der Versicherungskonzern Munich Re (40 Prozent) und der Pharmakonzern Merck (38 Prozent) können in dieser Hinsicht als Vorbilder gelten. Deutsche Bank, Lufthansa, Deutsche Post und Deutsche Telekom folgen mit 35 Prozent. Insgesamt haben 9 der 30 Unternehmen das Quotenziel schon erreicht.

          Wesentlichen Anteil daran hat die Arbeitnehmerseite – sie kommt im Schnitt der 30 Dax-Unternehmen auf 28,5 Prozent. Umgekehrt ist erkennbar, dass sich Unternehmen aus stark technisch geprägten Branchen – vor allem Industrie- und Energiekonzerne – mit der Frauenquote schwerer tun. Auf branchenspezifischen Besonderheiten will die Bundesregierung allerdings keine Rücksicht nehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich schon kürzlich überzeugt gezeigt, dass es „genügend interessante und spannende Frauen“ in der Wirtschaft gebe. Ministern Schwesig plant indes schon das nächste Regelwerk mit Zündstoff: Im Frühjahr will sie ein Gesetz gegen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen auf den Weg bringen.

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