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Eröffnung des Weltwirtschaftsforums : Ökonomen: kritisch - Frau Rice: optimistisch

  • -Aktualisiert am

In ihrer Eröffnungsrede wirbt Condoleezza Rice für Vertrauen in die amerikansiche Wirtschaft Bild: AP

Zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos dominieren die pessimistischen Stimmen zur Konjunktur in den Vereinigten Staaten. Befürchtet wird auch eine längere Rezession. Condoleezza Rice warb in ihrer Eröffnungsrede jedoch für Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft.

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          Die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice hat in ihrer Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsforums in Davos um Vertrauen in die amerikanische Konjunktur geworben. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten sei stark, ihre Strukturen seien intakt und ihre langfristigen Fundamentaldaten gesund, sagte sie. „Die Vereinigten Staaten begrüßen auch weiterhin ausländische Investitionen und den Freihandel.“

          Rice sprach sich auch für Fortschritte bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) über eine Liberalisierung der Weltwirtschaft (Doha-Runde) aus. „Wir sollten sich entwickelnde Nationen nicht als Objekte unserer Politik betrachten“, sagte sie vor 2500 Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Politik. Sie seie „ebenbürtige Partner in einem geteilten Bemühen um Würde“. Präsident George W. Bush und sie seien entschlossen, die seit Jahren stockenden Verhandlungen zum Abschluss zu führen. „Wir erwarten von unseren Partnern, dass sie sich unserem Bemühen anschließen, Doha zu einem Erfolg zu machen“, sagte Rice.

          Kritik an der Fed

          Insgesamt startete das Weltwirtschaftsforum jedoch mit scharfer Kritik an der Zinspolitik der amerikanischen Notenbank Fed und einem düsteren Ausblick auf die mittelfristige Entwicklung der Weltwirtschaft. Ökonomen warnten vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten, die zwangsläufig den größten Teil der anderen Volkswirtschaften belasten werde. Ausgeschlossen wurde allerdings, dass die gesamte Weltwirtschaft in eine Rezession abgleiten könnte.

          Der indische Handelsminister Kamal Nath blickt in Davos optimistisch in die Zukunft
          Der indische Handelsminister Kamal Nath blickt in Davos optimistisch in die Zukunft : Bild: REUTERS

          Die Zinssenkung der Fed vom Dienstagmorgen sei übereilt gewesen und habe zu sehr das Wohlergehen der Anleger an den Börsen im Auge gehabt. „Wir haben es mit einer amerikanischen Zentralbank zu tun, die nicht auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertraut“, sagte Stephen Roach von der Investmentbank Morgan Stanley. „Die Fed beschäftigt sich zum wiederholten Mal damit, nach dem Zerplatzen von Spekulationsblasen aufzuräumen, anstatt zu verhindern, dass sie überhaupt entstehen“, sagte Roach.

          Wie hart wird die Landung sein?

          „Schon rufen alle amerikanischen Präsidentschaftskandidaten nach weiteren Stützungsprogrammen für die Konjunktur, schon wird auf der nächsten regulären Sitzung der Fed eine weitere Zinssenkung erwartet“, sagte Roach. „Und das alles nur, um die Amerikaner davon zu überzeugen, dass sie weiter noch mehr Sachen kaufen, die sie überhaupt nicht brauchen.“ Alle Maßnahmen würden aber ohnehin nicht ausreichen, um die Vereinigten Staaten vor einer Rezession zu bewahren.

          Dem pflichtete Nouriel Roubini, Chef des Beratungsunternehmens Roubini Global Economics, bei: „Wir müssen hier nicht darüber reden, ob es eine harte oder weiche Landung der amerikanischen Konjunktur geben wird, sondern darüber, wie hart die Landung sein wird.“ Nach seiner Meinung wird Amerika sogar bis zu vier Quartale lang in eine Rezession abgleiten. „Bald werden die Leute die Kredite für ihre Autos und die Raten für ihre Kreditkartenschulden nicht mehr bezahlen können. Dann erleben wir die nächste Runde des Abschwungs“, sagte Roubini.

          Auswirkungen auf Europa und China

          Diese Entwicklung wird nach der Meinung von Roach und Roubini nicht ohne Auswirkungen auf Europa bleiben, wo es in Ländern wie Großbritannien, Irland oder Spanien ebenfalls völlig überhöhte Häuserpreise gebe, die noch manchen Kreditnehmer in Schwierigkeiten bringen könnten.

          Auch die aufstrebende Volkswirtschaft Chinas werde betroffen sein: „Die Abhängigkeit Chinas von der Nachfrage aus dem Ausland ist überwältigend“, sagte Yu Yongding von der Chinese Academy of Social Sciences. Es werde für die chinesische Regierung sehr schwierig werden, zwischen den Polen einer ohnehin schon hohen Inflation, der Verpflichtung, kontinuierlich neue Arbeitsplätze in großer Zahl zu schaffen, und der richtigen Reaktion auf die Entwicklung in den Vereinigten Staaten die Balance zu finden.

          Staatsfonds sorgen für Stabilität

          Kamal Nath, der indische Handelsminister, blickt etwas optimistischer in die Zukunft: „Es gibt trotz aller Sorgen auch weiterhin zwei starke Wachstumstreiber auf der Welt: Indien und auch China. Hinzu kommen die Mittel der Staatsfonds, die nun nicht mehr nur in den Vereinigten Staaten geparkt werden, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt und so für Stabilität sorgen können.“

          Der Einfluss der Staatsfonds aus dem Nahen Osten und anderen Schwellenländern für die Stabilität der Industriestaaten ist auch auf einer Veranstaltung des Fernsehsenders CNBC überwiegend positiv beurteilt worden. Angel Gurria, der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), warnte vor einem neuen Protektionismus gegen Beteiligungskäufe, der unter anderem in Deutschland spürbar ist. Der Wirtschaftswissenschaftler Fred Bergsten äußerte sich hingegen warnend. Die Staatsfonds würden künftig über die Wechselkurse von Dollar und der neuen Weltwährung Euro entscheiden.

          Der Ölpreis wird sinken

          Für die weitere Entwicklung des Dollar geht Roach davon aus, dass er kurzfristig gegenüber dem Euro an Wert gewinnen, langfristig aber weiter verlieren wird. „In diesem Umfeld werden allerdings sowohl der Ölpreis als auch die Preise für diverse andere Rohstoffe weiter sinken“, sagten Roach und Roubini. Relativ optimistisch beurteilt auch John Snow von Cerberus Capital Management die Konjunkturaussichten in den Vereinigten Staaten. „Es wird höchstens zu einer kurzen und milden Rezession kommen“, sagte er in Davos voraus. Die amerikanische Notenbank habe mit ihrer jüngsten Zinsentscheidung mutig gehandelt, ergänzte er.

          Jacques Aigrain, der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Rückversicherers Swiss Re, findet allerdings, dass die Leitzinssenkung zunächst den Unternehmen zugutekomme, die - mit Ausnahme des Bankensektors - gut dastünden. Den amerikanischen Verbrauchern nütze sie hingegen in der aktuellen Lage wenig.

          Greenspan habe Fehler gemacht

          Auch Dieter Wemmer, Finanzvorstand des Versicherungskonzerns Zurich Financial, ist nicht pessimistisch. „Ganz ohne Rezession wird es in den Vereinigten Staaten nicht abgehen“, schränkt er allerdings ein. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verwies Wemmer auf die gute Wirtschaftslage in vielen Industrieländern, darunter nicht zuletzt in Deutschland.

          Desgleichen sei er zuversichtlich, dass sich in Asien weiterhin eine kräftige Binnenkonjunktur entfalte, „wenngleich manche Aktienkurse in der Region die Gewinne der nächsten dreißig Jahre vorwegnehmen“. Die Entscheidungen in Amerika bestätigen nach seinen Worten den Ernst der Lage, böten aber zugleich die Chance für eine mittelfristig milde Entwicklung.

          Nobelpreisträger Joseph Stiglitz meinte in einer der WEF-Veranstaltungen, die jüngste Zinsentscheidung werde sich erst nach sechs bis achtzehn Monaten auswirken. Wie auch Roach und Roubini sieht Stiglitz den wesentlichen Fehler im Handeln des früheren Notenbankpräsidenten Alan Greenspan, der eine Niedrigzinspolitik für Konsumenten in einer strukturell schwachen Volkswirtschaft verfolgt habe.

          Der deutsche Verleger Hubert Burda zieht aus seinen jüngsten Gesprächen die Schlussfolgerung, dass eine Rezession in Amerika sich 2009 auch in Deutschland auswirken werde. Dies treffe dann nicht zuletzt das Anzeigengeschäft der Zeitungen und Zeitschriften, wie er in Davos sagte.

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