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Erneuerbare-Energien-Gesetz : Das Milliardending

Nicht nur, wenn es um Arbeitsplätze geht, macht es die Branche ihren Kritikern leicht. Man muss nur ein paar Zahlen ins richtige Verhältnis setzen. Es beginnt mit der Einspeisevergütung. In den kommenden zwei Jahrzehnten müssen die deutschen Stromverbraucher für eine dreistellige Milliardensumme aufkommen – und das auf der aktuellen Basis für einen Sonnenstromanteil an der Gesamtstromproduktion in Deutschland von gerade mal 4 Prozent.

Die Branche schwächelt

Bemerkenswert ist auch das Verhältnis der erneuerbaren Energien untereinander. Der Beitrag der Windkraft zur Energiebereitstellung in Deutschland lag 2010 gut dreimal über dem der Photovoltaik, die Wasserkraft erreichte noch fast das Doppelte. Und das mit viel weniger Mitarbeitern: Für Windparks auf dem Land und im Meer ermittelten die Forscher für das Umweltministerium rund 96.000 Beschäftigte – Tendenz rückläufig – , für den Bereich Wasserkraft wurden gar nur 7600 Mitarbeiter gezählt. Auch mit Blick auf die Investitionen in Anlagen marschiert die Photovoltaik mit Abstand vorneweg. Von den 27,9 Milliarden Euro, die 2010 in Erneuerbare-Energien-Anlagen flossen, entfielen 19,5 Milliarden Euro auf den Bereich Solar und gerade 2,5 Milliarden Euro auf das Segment Wind. Das alles wäre vielleicht noch zu verteidigen, ginge es der Branche gut. Das Gegenteil ist der Fall, und nicht nur Q-Cells darbt. Im Dezember beantragte mit Solon ein großer Mitspieler Insolvenz.

Auch in der deutschen Windindustrie sind die Zeiten des ungebremsten Erfolgs vorüber, aber von der Misere der Solar-Kollegen sei man weit entfernt, versichern Unternehmen und Verbände gleichermaßen. Zwar bestreitet niemand, dass die Hersteller und Zulieferer der Windturbinen im Glauben an einen global immer weiter kräftig wachsenden Markt zu viele Werke errichtet haben. Aber Windparks seien Kraftwerksprojekte und damit etwas völlig anderes als Solarzellen auf Hausdächern, sagt Jochen Ahn, Vorstandsmitglied der Wiesbadener Projektierungsgesellschaft Abo Wind. „Windturbinen lassen sich nicht in Serienfertigung in China herstellen und dann hierzulande irgendwo aufstellen. Deshalb ist Deutschland weiterhin ein sehr gesunder Windmarkt“, sagt er.

Trotzdem müssen die Hersteller der Turbinen, ähnlich wie die Solarmodulproduzenten, aufgrund der Überkapazitäten mit einer wahren Preisschlacht klarkommen, die sich eher noch verschärfen wird. Die Windbauer verfügen zwar nicht über eine so starke Lobby wie die Solarindustrie, doch bei Gelegenheit rufen auch sie gerne nach dem Staat. Große Hoffnungen verbindet die Branche derzeit mit dem Gang aufs Meer. Anlagen mit insgesamt bis zu 30 Gigawatt sollen nach dem Willen der Bundesregierung bis 2030 in der deutschen Nord- und Ostsee stehen. Derzeit zögern jedoch Banken und andere Geldgeber, diese Offshore-Parks zu finanzieren. „Die Investoren zögern, weil es keine Garantien gibt, dass der Netzanschluss zum richtigen Zeitpunkt gewährleistet ist. Hier muss der Staat mit Bürgschaften vorangehen“, fordert Thorsten Herdan vom Maschinenbauverband VDMA.

Das dürfte nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten für die Energiewende sein, die RWE-Chef Jürgen Großmann auf 250 bis 300 Milliarden Euro beziffert. Ökonomisch sei der schnelle Ausbau nicht, fügt er hinzu. Sollte dies wahr sein, würde gegen das EEG selbst verstoßen: Paragraph 1 nennt als dessen Zweck unter anderem, die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung zu verringern.

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