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Erklär mir die Welt (41) : Warum ist die Oper billiger als das Musical?

Musical ohne Geld vom Staat: „We Will Rock You” in Köln Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Opern bekommen Geld vom Staat, Musicals nicht. „Auch die Armen müssen sich die Oper leisten können“, sagen Politiker. Doch das Geld kommt gar nicht bei den Armen an.

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          Wer sich am Sonntag abend in der Kölner Oper Rossinis „Barbier von Sevilla“ ansieht, hat dafür auf dem besten Platz höchstens 55 Euro gezahlt. Ein paar hundert Meter weiter, im Musical Dome, sitzt man bei „We will rock you“ zum gleichen Preis ganz am Rand oder sehr weit hinten. Denn das Ticket im Musical ist nicht mit Steuergeldern bezuschusst, das in der Oper dagegen schon. Mit eigenen Einnahmen decken die deutschen Opernhäuser und Theater nur rund 20 Prozent ihrer Kosten. Der Rest ist aus öffentlichen Kassen finanziert, zum größten Teil aus denen des Landes und der Stadt - insgesamt kostet das den Steuerzahler rund zwei Milliarden Euro im Jahr.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es müssen sich ja auch die Armen die Oper leisten können“, sagen Kulturpolitiker gerne. Darum dürften die Preise für Opernkarten nicht steigen - und deshalb müsse der Staat die Kosten der Oper decken. Doch wer sich einmal bei „Fidelio“ und „Così fan tutte“ im Opernfoyer umschaut, merkt schnell: Das Geld, das in die Oper fließt, kommt gar nicht bei den Armen an. Dort steht die Mittel- und die Oberschicht. Im Musical dagegen sind die Besucher gleichmäßiger verteilt - obwohl das Ticket dort viel mehr kostet.

          „Subjektförderung“ oder „Objektförderung“?

          Da wäre es doch sinnvoller, sagen viele Ökonomen, das Geld aus der Opernförderung direkt den Armen zu geben. Und die können sich dann das Abendprogramm leisten, auf das sie am meisten Lust haben. „Subjektförderung“ nennen die Ökonomen das: Das bekommen die Bedürftigen. Der Staat hat sich in diesem Fall aber der „Objektförderung“ verschrieben - er fördert lieber das Objekt, nämlich die Oper.

          Dafür wiederum haben Leute wie der Saarbrücker Ökonom Werner Pommerehne und sein Züricher Kollege Bruno Frey einen Grund gefunden. Sie sagen: Dass es Opern und Theater gibt, bringt auch den Leuten etwas, die gar nicht hingehen. Das sollen diese Leute auch mit bezahlen. Und das lässt sich am einfachsten organisieren, indem der Staat mit ihren Steuern Subventionen an die Opern und Theater zahlt.

          Subventionen führen zu breiterem Angebot

          Zum Beispiel verbessern gute Opern das Ansehen ihrer Stadt und ihres Landes. Die Mailänder Scala ist so ein Fall. Dieser Effekt lässt sich sogar wirtschaftlich nutzen: Wenn ein Unternehmen seine Büros und Fabriken in einer Stadt mit reichem kulturellen Angebot hat, findet es leichter Mitarbeiter.

          Auch für die Bildung sind Opern gut. Lehrer können sie nutzen, um Schülern etwas über Musikepochen beizubringen. Und die Opernbesucher kommen in der Vorstellung auf neue Gedanken, die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten, und von diesen Ideen können wiederum andere profitieren.

          Außerdem können viele Menschen ihren Geschmack an der Oper noch entdecken, wenn es so viele davon gibt - vor allem dann, wenn die Häuser öffentlich finanziert sind. Wenn sich die Intendanten nicht so ganz direkt nach dem Publikumsgeschmack richten müssen, bringen sie nach der Analyse von Pommerehne und Frey ein breiteres Angebot auf die Bühne und experimentieren mehr als die Chefs privat finanzierter Opern. Umso leichter können neue Stile entstehen, die dann vielleicht auch neue Interessenten ansprechen.

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