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Erklär mir die Welt (39) : Warum ist Überalterung unser Glück?

  • -Aktualisiert am

Wie eine Zwiebel sieht die Altersstruktur unserer Gesellschaft aus Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Die Alten werden ärmer, und die Jungen müssen für sie zahlen. So muss es nicht kommen. Solange wir unser Geld da anlegen, wo die Wirtschaft blüht.

          Überalterung sei unser Glück, heißt es hier? Übervorteilung, Überforderung, Überbesteuerung - was dem Menschen unter der Herrschaft des „Über“ geschehen kann, das löst im Allgemeinen keine Glücksgefühle aus. Und da soll Glück aus der Überalterung winken? Wer die Demographiedebatte so kennt, wie sie in Deutschland geführt wird, mit Ängsten und Endzeiterwartungen, der mag sich über diese Frage wundern.

          Seit Jahrzehnten hat die Demographiedebatte in Deutschland nicht zu einem produktiven Gleichgewicht zwischen Sorge und der Vorsorge gefunden. Noch Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte Prognosen von Geburtenrückgang und Bevölkerungsschwund politisch ungestraft mit der Bemerkung kommentieren: Das mache nichts, das gebe mehr Platz auf den Parkbänken. Der Nonchalance im Umgang mit Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsbildern ist später die Panik gefolgt, dann aber ziemlich unvermittelt. Heute prägt die Panik einen beträchtlichen Teil der Publizistik. Und sie bestimmt weithin die Prozesse der Urteilsbildung und der politischen Willensbildung.

          Die Ängste sind berechtigt

          Alterung, Überalterung? Wessen oder von was? Einiges wäre schon gewonnen, wenn für die Folgenabschätzung genauer zwischen dem individuellen Älterwerden und der Veränderung des Bevölkerungsbildes unterschieden würde. Filme aus Altersheimen und Pflegestationen zeigen - bis auf die gewohnten Klagen über steigende Kosten - nichts über die gesamtwirtschaftlichen Probleme einer Gesellschaft, in der die Alten älter und die Kinder seltener werden. Sie zeigen unabhängig vom demographischen Bild etwas über das Schicksal des Alterns in einer Gesellschaft, die den Siebzigjährigen vom Krebs heilen, aber nicht den Neunzigjährigen gegen Demenz schützen kann.

          Der Greis, der uns in solchen Filmen aus dem Jenseits ansieht, verdämmert bei gutem körperlichem Zustand. So erschütternde Bilder sind geeignet, die finanziellen und die wissenschaftlichen Kräfte der Gesellschaft zu mobilisieren, um zu erforschen, wie es zu diesen Entwicklungen kommt und wie ihnen gegenzusteuern ist.

          Die Ängste, die solche Bilder über die Perspektiven einer alternden Gesellschaft auslösen, sind berechtigt. Sie können als Anstoß zur Besserung wirken und so produktiv sein. Aber mit dem wirtschaftlichen Teil des sogenannten Demographieproblems haben sie so gut wie nichts zu tun. In der Demenz zu enden wäre auch dann eine erschreckende Aussicht, wenn die Gesellschaft ihre Alten selbst pflegen könnte und dafür nicht auf die sprichwörtlich gewordene Polin zurückgreifen müsste.

          Wie offen ist das Land?

          Das wirtschaftliche Demographieproblem der alternden Gesellschaft kommt nicht vom individuellen Älterwerden, sondern von der Veränderung der Altersklassen der Bevölkerung, ausgedrückt im Bild der Bevölkerungspyramide - oder der Bevölkerungszwiebel. Da geht es um Fragen wie diese: Wer zahlt den langlebigen Alten ihre Renten, wer backt ihr Brot, wer chauffiert sie in die Ferienresorts? Das sind Fragen, die sich an die Ökonomen richten. Und die werden gute Antworten geben, wenn sie gute Ökonomen sind. Es sind Antworten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie den Markt nutzen, um den wirtschaftlichen Teil des Demographieproblems zu lösen.

          Dass es, in Zahlen gemessen, ein Demographieproblem in Deutschland gibt, ist nicht zu bestreiten. Mit den heutigen Geburtenzahlen und bei unveränderter Zuwanderung wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2050 von jetzt 82 auf dann 70 Millionen sinken. Und schon im Jahr 2030 wird jeder Dritte älter als 60 Jahre sein, jeder Zwölfte älter als 80 Jahre. In der Demographie können solche Fortschreibungen erkennbarer Trends als einigermaßen zuverlässig gelten. Doch wenn man Bevölkerungszahlen vorhersagt und daraus errechnet, wie stark verschiedene Altersgruppen in der Bevölkerung sind, dann sagt das noch nichts über die wirtschaftlichen Verhältnisse aus, die damit verbunden sein können.

          Ob es zur relativen oder gar absoluten Verarmung kommt, ob es den Alten an nachwachsenden Jüngeren oder an Zuwandernden fehlt, die für sie Waren produzieren und sie pflegen: das hängt davon ab, wie die Altersvorsorge organisiert ist und wie offen das Land ökonomisch ist.

          Letzte Ration Hartkeks aus Südamerika

          Eine Bevölkerung, die zügig auf ein höheres Durchschnittsalter zustrebt, wird ohne sozialen Schaden darüber nachdenken können, ob das Rentenalter sich nicht doch mit dem steigenden Lebensalter bewegen sollte, jedenfalls über eine gewisse Strecke. Im Übergang zur kapitalgedeckten Rente läge die Chance, mit dem Kapital etwas zu verdienen. Und das Kapital muss nicht zwingend in den Ländern arbeiten, in denen die Bevölkerung schrumpft.

          In einer ökonomisch offenen Welt kann das angesparte Kapital gegen Zinsen in die Länder geschickt werden, die höhere Geburtenraten aufweisen und deren Bevölkerung im Schnitt jünger ist, denen aber das Kapital fehlt, um produktiver zu werden und schneller zu wachsen. So würden die alten Länder - teilweise jedenfalls - von den Zinsen leben, die die jungen Länder zahlen, und zwar für das Kapital, mit dessen Hilfe die jungen Länder wirtschaftlich schneller aufholen können.

          Gewiss ist es keine schöne Vision, dass irgendwann einmal der letzte Deutsche die letzten Zinsen aus Asien bekommt und sich für das Geld eine letzte Ration Hartkeks aus Südamerika kommen lässt. Aber das Gespenst des letzten Mümmelns ist ja auch keine realistische Vorhersage.

          Zuwanderer willkommen

          Eine mental und ökonomisch offene Gesellschaft stirbt nicht einfach aus. Sie verhungert nicht im Wohlstand ihrer Kapitalbildung. Sie weiß sehr wohl die Ergebnisse von Forschung und Bildung in ihren Dienst zu stellen. Sie begrüßt leistungsfähige und arbeitswillige Zuwanderer auf unreglementierten Arbeitsmärkten.

          Alt werden in einer Welt, in der Arbeits- und Kapitalleistungen zwischen den Jungen und den Alten ausgetauscht werden können, ohne dass sie an Grenzen aufgehalten werden - sei es zu Lande, zu Wasser oder in den Protokollen von Quotenvereinbarungen: Wäre das nicht in der Tat ein Stück vom Glück?

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