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Erklär mir die Welt (34) : Warum sind Monopole gefährlich?

  • -Aktualisiert am

Das Ziel bei „Monopoly”: Nur einer bleibt übrig Bild: picture-alliance/ dpa

Das Schlimmste an Monopolisten: Sie verlangen überhöhte Preise. Und sie bremsen den technischen Fortschritt. Doch Kontrolle ist schwer.

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          Viele werden sich noch an die Einheits-Streichholzschachteln erinnern, die es bis Anfang der achtziger Jahre in der Bundesrepublik gab. Sie wurden unter dem Namen „Welthölzer“ von der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft vertrieben. Andere Streichhölzer konnte man nicht kaufen, denn es handelte sich tatsächlich um ein Monopol. Seinen Ursprung hat es im Jahr 1930, als der schwedische Zündholzkönig Ivar Kreuger der Reichsregierung einen Kredit in Höhe von 500 Millionen Reichsmark zu günstigen Konditionen gab. Im Gegenzug durften fortan nur noch die Einheitszündhölzer verkauft werden. Erst 1983 endete das Monopol.

          Wie alle Wettbewerbsbeschränkungen verschaffte auch das Zündwarenmonopol dem schwedischen Unternehmer riesige Gewinne. Zwar brach sein Imperium aufgrund unsolider Finanztransaktionen schon wenig später zusammen, und Kreuger nahm sich 1932 das Leben. Aber die Verbraucher und die vom Markt ausgeschlossenen Konkurrenten hatten volle 53 Jahre lang unter dem Monopol zu leiden.

          Lästige Konkurrenten

          Es war beileibe nicht das einzige Monopol und auch nicht das erste. Schon immer waren Unternehmen, aber auch Staaten daran interessiert, lästige Konkurrenten möglichst von ihren Märkten fernzuhalten. So kontrollierte die Niederländische Ostindien-Kompanie während des gesamten 17. und 18. Jahrhunderts den lukrativen Gewürzhandel von Indien nach Europa.

          Ein Monopol weniger: Früher gabs nur „Welthölzer”

          Zur Zeit der Industrialisierung und auch später während der Weimarer Republik war es gang und gäbe, dass wichtige Güter von nur einem oder wenigen Unternehmen angeboten wurden, die überdies untereinander die Preise absprachen. In letzterem Fall spricht man von Kartellen, die in ihrer wettbewerbsbeschränkenden Wirkung den Monopolen kaum nachstehen. Das war ein wichtiger und berechtigter Kritikpunkt am kapitalistischen Wirtschaftssystem, auch aus Sicht von liberalen Ökonomen.

          „Plan zur Erhöhung der Preise“

          Schon Adam Smith, der Urvater der klassischen Volkswirtschaftslehre, erkannte die Gefahr: Unternehmer aus demselben Gewerbe kämen selten zusammen, „ohne dass ihre Unterhaltung mit einer Verschwörung gegen das Publikum oder einem Plan zur Erhöhung der Preise endigt“, schrieb er 1776.

          Es dauerte allerdings noch mehr als 100 Jahre, bis die Vereinigten Staaten mit dem Sherman Antitrust Act von 1890 als erstes Land entschlossen gegen marktbeherrschende Unternehmen vorgingen. Deutschland folgte dem Beispiel erst 1957 mit dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, wobei man viele Ausnahmen machte.

          Wettbewerbshüter oft in schwieriger Beweislage

          Was ist nun eigentlich so schlimm an Monopolisten? Ganz einfach: Sie verlangen praktisch immer überhöhte Preise, gemessen an den tatsächlichen Kosten. Das geht nicht nur zu Lasten der Verbraucher, es mindert auch den Zwang, sich um Effizienz und gute Qualität der Produkte zu bemühen. Bei Streichhölzern mag das nicht so schlimm sein. Aber wenn es um die marktbeherrschende Stellung eines Software-Unternehmens wie Microsoft geht, hört der Spaß auf. Zumal ein so marktmächtiger Anbieter auch dazu neigt, sinnvolle Produkte anderer Anbieter durch technische Tricks vom Markt fernzuhalten. Es sind schon zahlreiche Prozesse wegen solcher Machenschaften geführt worden. Die Wettbewerbshüter sind dabei allerdings oft in schwieriger Beweislage.

          Ein Problem besteht darin, überhöhte Preise von ganz normalen Marktreaktionen abzugrenzen. Wenn etwa wieder einmal das Benzin an der Tankstelle teurer wird, kann das ja auch an steigenden Rohölpreisen, einem höheren Dollarkurs oder höheren Steuern liegen. Auch dass alle Tankstellen mehr oder weniger gleichzeitig die Preisschilder auswechseln, ist noch kein Beweis für Preisabsprachen. In einem echten Wettbewerbsmarkt würde bei steigenden Einkaufspreisen nämlich genau das Gleiche passieren.

          Monopolkontrolle in der Praxis ziemlich schwierig

          Auch ein Vergleich der Preise mit den Kosten hilft nicht immer weiter. Denn die Kosten können von den Unternehmen leicht nach oben manipuliert werden, indem sie teure Bürotürme bauen und überhöhte Gehälter - vorzugsweise an Vorstände - zahlen. Augenfällige Beispiele dafür sind in Deutschland Energieversorgungsunternehmen, aber auch kommunale Stadtwerke mit ihren Gebietsmonopolen.

          Darum ist Monopolkontrolle in der Praxis ziemlich schwierig. Besser ist es allemal, marktbeherrschende Stellungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Aber auch das ist einfacher gesagt als getan. So hat der österreichische Ökonom Josef Schumpeter schon 1911 darauf hingewiesen, dass im Grunde jeder Erfinder eines neuen Produktes zunächst eine Monopolstellung gewinnt. Darin bestehe ja gerade der Anreiz, als Pionierunternehmer immer wieder neue Güter auf den Markt zu bringen. Im Laufe der Zeit werden allerdings zunehmend Imitatoren auftreten, so dass die anfänglichen Gewinne im Konkurrenzkampf schmelzen. Dieser ständige Wettlauf zwischen Innovation und Imitation, den Schumpeter als „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ bezeichnete, ist wohl das Wichtigste an der Wettbewerbsidee.

          Monopole in Staatshand halten sich am längsten

          Ein schönes Beispiel dafür ist die Hammond-Orgel mit ihrem elektromagnetischen Tonerzeugungsverfahren. Sie wurde 1934 von Laurens Hammond zum Patent angemeldet und war bis in die sechziger Jahre absolut marktbeherrschend. Die Monopolstellung brachte Hammond anfangs zwar hohe Gewinne, aber die technische Entwicklung hin zu rein elektronischen Orgeln und Keyboards hat die Firma verschlafen. Heute sind ganz andere Anbieter auf dem Markt erfolgreich, während Hammond ein Schattendasein führt. Ähnlich ist es IBM gegangen, deren Heimcomputer in den achtziger Jahren noch das Maß aller Dinge auf dem PC-Markt waren. Nicht zuletzt aufgrund ihrer hohen Preise wurden sie schon in den neunziger Jahren aus ihrer führenden Position verdrängt. Auch andere Giganten wie General Motors, AEG oder Krupp mussten unter dem Druck neuer Konkurrenten schließlich ihre marktbeherrschende Stellung räumen oder sind gar ganz vom Markt verschwunden.

          Am längsten halten sich meist Monopole, die in Staatshand sind. So gilt noch heute in Deutschland das staatliche Glücksspielmonopol und auch das Branntweinmonopol, obwohl es dafür kaum überzeugende Gründe gibt. Bei manchen Gütern wie zum Beispiel Eisenbahnen, Stromversorgung und Telefon war man sogar lange Zeit der Meinung, dass es hier prinzipiell keinen Wettbewerb geben könne. Das Argument war immer das gleiche: Es sei nicht sinnvoll, mehrere Eisenbahngleise, Telefonleitungen oder Postlinien parallel zu unterhalten, nur um Wettbewerb zu schaffen. Deshalb wurde jeweils nur ein Unternehmen als Anbieter solcher Güter zugelassen. Ein angenehmer Nebeneffekt für den Staat waren die Monopolgewinne, an denen er kräftig partizipierte.

          Fortschritt gedeiht unter Wettbewerbsbedingungen

          Inzwischen denkt man anders über die natürlichen Monopole. Vor allem die EU macht seit den achtziger Jahren Druck, auch diese Märkte zu liberalisieren. Schließlich können auf einem Schienennetz durchaus mehrere Eisenbahnunternehmen fahren, und bei Strom und Gas ist es nicht viel anders. Die bequemen Versorgermonopole geraten dadurch zunehmend unter Wettbewerbsdruck, und das ist gut so.

          Wie heilsam sich die Öffnung für mehrere Anbieter auswirkt, hat nicht zuletzt die Liberalisierung des Telefonmarktes gezeigt: Während zu Zeiten der Bundespost ein farbiges Tastentelefon der Gipfel des Komforts in Deutschland war, ist die heutige Angebotsvielfalt an Endgeräten gar nicht mehr zu überblicken. Gleichzeitig sind auch noch die Preise für das Telefonieren kräftig gefallen und Abertausende neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Das hat zwar auch etwas mit der technischen Entwicklung zu tun. Aber auch der technische Fortschritt kommt unter Wettbewerbsbedingungen viel schneller voran als unter einem trägen Monopolisten, der mangels Konkurrenz nur noch sein Geld zählen muss.

          Monopol oder nicht?

          Microsoft hat mit Windows ein Quasimonopol für PC-Betriebssysteme: Es gibt zwar noch andere Anbieter, aber Microsoft besitzt eine marktbeherrschende Stellung. Das hat schon für viel Ärger gesorgt sowie Behörden und Gerichte beschäftigt. Weil der Softwarehersteller Wettbewerber nur unzureichend über den Programmcode des weltweit dominierenden Betriebssystems informierte, stand zeitweise seine Zerschlagung zur Debatte.

          Brause ist Brause? Keineswegs. Coca-Cola ist anders. In der deutschen Gastronomie besitzen die Amerikaner jedenfalls ein Quasimonopol für Cola-Getränke. Das koffein- und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränk ist auch weltweit die erste und umsatzstärkste Cola-Marke, eine Ikone westlichen Lebensstils. Immer wieder verklagte der Getränkekonzern Nachahmer - oft mit Erfolg.

          Die Deutsche Bahn besitzt ein Monopol in Deutschland. Europas größtes Eisenbahnunternehmen verdankt seine beherrschende Stellung dem Staat. In ihrer Preisgestaltung ist die Bahn unabhängig vom Wettbewerb - sehr zum Verdruss der Kunden.

          Lego besitzt ein Quasimonopol für Steckbausteine, jene bunten Kunststoff-Klötzchen, mit denen sich alles Erdenkliche bauen lässt. Verschiedene Hersteller imitierten zwar Lego. Und in Deutschland machten die Richter 2004 den Weg für kompatible Lego-Produkte frei - doch die Dänen blieben Marktführer.

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