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Erklär mir die Welt (31) : Warum ist der Marxismus außer Mode?

Bei Demos werden sie noch hochgehalten: Marx, Engels und Lenin Bild: REUTERS

Karl Marx war Pflichtlektüre für Milliarden. Heute ist er nahezu bedeutungslos. Die sozialistische Utopie überzeugt niemanden mehr.

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          Man könnte es sich bei diesem Thema leichtmachen: Ein Kollege schlug vor, unter der Überschrift „Warum ist der Marxismus außer Mode?“ lediglich ein großes Bild verfallender Häuser oder Fabriken aus der Endzeit der DDR abzubilden und darunter nur ein Wort zu schreiben: „Darum“. Wir wollen es etwas ausführlicher versuchen.

          Denn man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie einflussreich Karl Marx (1818 bis 1883) postum einmal war. „Kaum eine andere Persönlichkeit hat die politischen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse in der Welt des 19. und 20. Jahrhunderts so nachhaltig beeinflusst wie Karl Marx“, schrieb der Tübinger Ökonom Alfred Ott, der kein Marxist war, vor rund 20 Jahren. Marx-Statuen standen nicht nur in der Sowjetunion und in China, die mit ihren Satellitenstaaten vorgaben, dem Vorbild des Meisters aus Trier zu folgen.

          Anhänger an Universitäten und in den Medien

          Die Hauptthese von Marx, der privatwirtschaftliche, durch freie Märkte geprägte Kapitalismus beute die Arbeiter aus und sei zum Untergang verdammt, an den sich eine kommunistische Idylle anschließen werde, war populär.

          Auch im Westen besaß Marx Anhänger, vor allem an Universitäten und in Medien. Noch in den siebziger und frühen achtziger Jahren waren viele Soziologen, Politologen und Literaturwissenschaftler in Deutschland marxistisch inspiriert. In der Ökonomie sah es nicht ganz so schlimm aus, aber auch hier gab es Marx-Fans mit Schwerpunkten in Marburg und Bremen, denen die Marktwirtschaft ein Graus war.

          Zufällig war das Scheitern nicht

          Und heute? Nichts mehr. Nordkorea ist ein politisches Kuriosum; was aus Kuba nach Castro wird, ist unklar; und Chávez mag sich ein paar Torheiten leisten können, weil Venezuela über Ölquellen verfügt. Doch der Marxismus ist nicht nur politisch tot, auch als Lehre hat er ausgedient. Marxistisch inspirierte Begriffe wie Imperialismus, Ausbeutung, Proletariat oder Bourgeoisie sind aus der Sprache weitgehend verschwunden.

          Der wesentliche Grund für das Debakel des Marxismus war der Untergang der Staaten, die sich dem real existierenden Sozialismus verschrieben hatten. Was nützte die erbittertste Kritik am Kapitalismus, wenn der eigene Laden zusammenbrach? (Der Sozialismus mit seinem starken Staat wurde als eine Vorstufe des staatsfreien Kommunismus verstanden.) Zufällig war das Scheitern nicht: Der Liberale Ludwig von Mises hatte schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass Planwirtschaft nicht funktionieren kann, weil der Staat nicht über genügend Wissen verfügt, um eine Wirtschaft zentralistisch zu steuern.

          Kapitalismuskritik ist nicht verstummt

          Dennoch bleibt die Frage, inwieweit Marx und seine Lehre für das Fiasko in der Praxis verantwortlich sind. Denn der Marxismus ist überwiegend eine Darstellung und Kritik des Kapitalismus. Über die dem religiösen Paradiesgedanken entlehnte Vorstellung einer kommunistischen Idylle hatten sich Marx und sein Kompagnon Friedrich Engels (1820 bis 1895) nur an wenigen Stellen ausgelassen und auch da nur ziemlich vage.

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