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Erklär mir die Welt (28) : Warum ist Egoismus gut?

Laut Philosoph Hobbes ist der Mensch dem Menschen ein Wolf Bild: F.A.Z.-Fosshag

Nur an sich zu denken gilt als unanständig. Doch niemand sollte den Egoismus verachten: In Gesellschaften, die auf Eigennutz basieren, muß das Gemeinwohl nicht auf der Strecke bleiben. Letztlich profitieren alle.

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          Weihnachten feiern die Menschen ihr besseres Ich. Im Gedenken an die Geburt Jesu Christi macht der Eigennutz Pause zugunsten des selbstlosen Austauschs von Geschenken und des besinnlichen, rücksichtsvollen Miteinanders. Könnte nicht immer Weihnachten sein? Wäre eine Welt, die auf dem Prinzip des reinen Altruismus aufbaut, nicht ein besserer Platz? Vielleicht.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Dem freilich steht die menschliche Natur entgegen. Sie widersetzt sich bisher allen Versuchen, gerade auch der Kirchen, sie nach dem Ideal des hilfreichen Samariters zu formen. Erleichtert gehen die meisten nach den Weihnachtstagen wieder ihren Interessen und Geschäften nach, froh, sie selbst sein zu dürfen. Sie tauschen die Geschenke um, über die sie sich am Heiligabend angeblich noch freuten, sie drängeln im Verkehr und an der Kasse.

          Mensch als Marionette seiner „egoistischen“ Gene

          Natürlich bemüht sich so mancher auch im Alltag, die Forderungen der Bibel zu beherzigen, die da lauten: „Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, seid bescheiden und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern habt das Wohl der anderen im Auge.“ Denn, so steht es warnend bei Jakobus: „Da wo Neid und Eigennutz ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat.“ Eigennutz ist demnach vom Teufel, und unter Androhung von Höllenqualen gilt es, den Menschen zu bessern. Ganz ähnlich geht es im Buddhismus zu: Auf Erlösung vom ewigen Rad der Wiedergeburten in einer Welt voller Mühsal darf nur hoffen, wer der Begierde nach Wohlstand, Macht und Freude entsagt.

          Altruismus mag das schönere Leitbild für eine Gesellschaft sein, das wirklichkeitstauglichere bleibt der Eigennutz. Das haben die vielen fehlgeschlagenen Versuche gezeigt, stabile Gesellschaftsordnungen zu errichten, die ohne die Triebfeder des Eigennutzes auskommen - und dementsprechend auf Wettbewerb und Besitzrechte verzichten. Der Mensch wird eben nicht als selbstloses, aufopferungsvolles Wesen geboren, sondern von der Natur vor allem mit dem festen Willen ausgestattet, sich in einer widrigen Welt im Überlebenskampf den bestmöglichen Platz zu sichern. Der Biologe Richard Dawkins geht sogar noch weiter: Seit den siebziger Jahren sorgt seine These für Diskussion, der Mensch sei nur eine Marionette seiner „egoistischen“ auf ihr Überleben ausgerichteten Gene.

          Gemeinwohl muß nicht auf der Strecke bleiben

          Der englische Philosoph Thomas Hobbes prägte im 17. Jahrhundert das Bild, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf. Dem widerspricht die Naturforschung nur bedingt. Der niederländische Primatenforscher Frans de Waal sagt, von Natur aus sei der Mensch ein Tier, das in Kleingruppen denke. Kooperativ und liebevoll sei er fast ausschließlich zu den Mitgliedern jener Gruppe, der er sich zugehörig fühle. In überschaubaren Gruppen hat der Altruismus also seinen Platz, für größere, anonyme Gemeinwesen taugt er nicht als Organisationsprinzip.

          Und dennoch gilt: Auch in Gesellschaften, die auf Eigennutz basieren, muß das Gemeinwohl nicht auf der Strecke bleiben. Seit Adam Smith ist der Eigennutz rehabilitiert als gutes Organisationsprinzip einer freien Gesellschaft in einer Welt, in der die Ressourcen und Güter begrenzt sind und in der daher ein steter Kampf um die Verteilung dieser Güter stattfindet. Der schottische Moralphilosoph Smith beschrieb 1776, welche Vorteile ein so mächtiger natürlicher Trieb wie der Eigennutz für das Fortkommen einer Gesellschaft hat: „Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von der Bedachtnahme auf das eigene Interesse.“ Anders als die meisten anderen Lebewesen sei der Mensch auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen, und er werde auf diese vergeblich hoffen, wenn er sich nur auf den guten Willen verlasse. Erfolgversprechender sei es, ihr Eigeninteresse zu seinen Gunsten zu wecken, und ihnen - über ein Tauschgeschäft - klarzumachen, daß die Hilfe auch für den anderen von Nutzen ist, erläutert Smith in seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“.

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