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Erklär mir die Welt (11) : Warum ist Inflation gefährlich?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Inflation ist normal. Wenn sie aber aus dem Ruder läuft, richtet sie großen Schaden an: Der Wert des Geldes verfällt. Investitionen bleiben auf der Strecke. Zum Glück sind die Zeiten der rasanten Inflation vorbei.

          5 Min.

          Eigentlich waren es himmlische Zeiten. Jeder Deutsche war Millionär, über Nacht wurde er zum Milliardär, und schließlich hielt er Billionen in der Hand. Und konnte dafür doch nichts kaufen. Denn das viele Geld, das er im Schubkarren über die Straßen schob, war nichts mehr wert. Oft erzählt wurde die Geschichte des amerikanischen Abgeordneten, der im Jahr 1923 Deutschland besuchte und für sieben Dollar sagenhafte vier Milliarden Mark bekam; die Mahlzeit im Gasthaus kostete ihn eineinhalb Milliarden Mark, und dem Kellner gab er vierhundert Millionen Mark Trinkgeld. Die große Inflation hatte Deutschland in den zwanziger Jahren heimgesucht und weite Bevölkerungskreise arm gemacht.

          Aber was ist das überhaupt: Inflation? Wenn die Kugel Vanilleeis beim Italiener um die Ecke schon wieder teurer geworden ist, die Tankfüllung wegen der steigenden Ölpreise und Steuern mehr kostet und in der Wurstpackung zum selben Preis statt 100 nur noch 80 Gramm Lyoner stecken. Dann herrscht Inflation - zumindest, wenn sich Eis, Benzin und Wurst im Warenkorb einer Durchschnittsfamilie finden und dieser Warenkorb immer teurer wird.

          Die Verbraucherpreise steigen - das ist die einfache Definition von Inflation. Falsch ist sie nicht, doch die Ökonomen haben es gern etwas genauer. Sie wollen wissen, warum die Preise anschwellen. Die heute noch tonangebenden Monetaristen fanden eine überzeugende Antwort: Inflation ist ein Geldmengen-Phänomen. Sie entsteht immer dann, wenn die Geldmenge schneller wächst, als sich Güter und Dienstleistungen in einem Land vermehren. Dann verliert das Geld an Wert, und genau das ist Inflation, lautet das Diktum des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman.

          Je mehr Geld es gibt, umso billiger wird es.

          Wenn jeder Geld druckt...

          Das ist gerade so wie mit den Tomaten im Sommer: Werden viele Tonnen der roten Früchte zur selben Zeit reif, sind sie auf dem Markt billig zu haben. Mit Geld verhält es sich nicht anders: Je mehr es gibt, desto billiger wird es, desto tiefer sinkt seine Kaufkraft.

          So war es auch im Sommer 1923: Die Reichsbank brachte mehr und mehr Banknoten in Umlauf - und nicht nur sie. Im Grunde genommen druckte jeder, der wollte, Geld. Großunternehmen wie Hoechst oder Thyssen stellten einfach neue Scheine her, um ihren Arbeitern den Lohn in die Hand drücken zu können. Anfangs zahlten sie die Löhne noch wöchentlich aus, dann täglich. Und sie zahlten immer mehr, weil der Wert des Geldes um so schneller verfiel, je mehr davon in Umlauf kam. Am Ende wollte niemand mehr Geld in der Hand halten, weil es schon nach einer Stunde an Wert eingebüßt hatte.

          Geldentwertung ist kein Phänomen moderner Zeiten, das gab es schon vor der Entdeckung der Papierwährungen. Regenten aller Art sind immer wieder der Versuchung erlegen, beim Gewicht der Münzen oder dem Anteil an Gold und Silber zu schummeln. Auch kolonialistische Raubzüge brachten den Wert der Edelmetalle unter Druck, wenn die Schiffe aus den fernen Erdteilen plötzlich in der Heimat landeten - mit allzuviel Gold und Silber an Bord.

          ...laufen die Preise aus dem Ruder

          Aber warum soll allzuviel Geld ein Fluch sein? Ist Inflation nicht vielmehr - die Hyperinflation einmal außen vor - der Normalzustand der Wirtschaft? Ja, das ist sie. Und das ist auch gut so. Da die Preise von Waren leichter steigen als fallen, erfüllt die Inflation eine wichtige Aufgabe: Sie erlaubt es, daß beispielsweise Kinokarten relativ billiger werden als Theaterkarten, ohne daß ihre Preise tatsächlich sinken müssen.

          Sie steigen nur unterschiedlich stark und zeigen damit an, welches Gut oder welche Dienstleistung gerade begehrter ist. Moderate Inflation hält die Wirtschaft also am Laufen. Unternehmer wissen, welche Waren gefragt sind, wovon sie mehr produzieren müssen und was ein Ladenhüter ist. Die Preise signalisieren Knappheit.

          Genau diese Funktion können Preise nicht mehr erfüllen, wenn die Inflation galoppiert. Unternehmer und Verbraucher wissen nicht mehr so genau, was die Preise bedeuten, wenn eine Schicht Inflation auf ihnen liegt. Ändern sich die Preise schnell und in großen Sprüngen - so wie 1923 in Deutschland -, sind die Produzenten verwirrt.

          Investoren und Banken werden kurzatmig

          Der Bauer kann nicht sagen, ob seine Kunden Millionen für ein Kilogramm Kartoffeln zahlen, weil die Früchte so begehrt sind oder weil die Verbraucher den rechten Überblick über ihre dicken Geldbündel verloren haben. Laufen die Preise aus dem Ruder, funktioniert die Geldwirtschaft nicht mehr. Der Blick auf die Preistafel ist sowenig hilfreich wie der in eine Landkarte mit falsch eingezeichneten Straßen.

          Nimmt die Geldentwertung überhand, verlieren die Banknoten ihre wichtigste Eigenschaft: Sie sind nicht länger allgemein anerkanntes Zahlungsmittel. In Ländern wie Argentinien oder Brasilien, die jahrzehntelang unter hohen zweistelligen Inflationsraten litten, etablierte sich der amerikanische Dollar als Zweitwährung. Im Nachkriegsdeutschland wurde mit Zucker oder Zigaretten gezahlt. Eine Wirtschaft, die der Inflation freien Lauf läßt, verkommt zu einem reinen Warenumschlagplatz. Es wird immer weniger investiert und produziert.

          Der Kern des Problems: Wenn ich nicht weiß, wieviel mein Geld, meine Investition, mein Kredit, meine Waren und Dienstleistungen morgen wert sind, verkürzt sich die Perspektive der Investoren, Banken und Verbraucher. Ist auf Noten und Münzen kein Verlaß mehr, konzentriert sich alles wirtschaftliche Handeln auf heute. Investitionen, deren Ertrag sich erst am Ende einer langen Kette zeigt - Ideen finden, Kapital aufnehmen, produzieren, vermarkten, verkaufen -, werden aufgeschoben. Zu ungewiß ist, ob am Ende noch genügend Geld verdient wird. Der Investor verkümmert zum Händler, und die Gesellschaft verliert Produktivität, Wirtschaftskraft und Wohlstand.

          Inflation schadet den Lohnabhängigen

          Auch die Banken agieren nur noch kurzatmig. Sie werden für Kredite einen hohen Risikoaufschlag fordern und lange Laufzeiten scheuen. Wer weiß, was das Geld, das zurückgezahlt wird, noch wert ist? Kredite werden teuer, die Zinsen steigen und bremsen das Wachstum.

          Nur der Staat ist Inflationsgewinnler. Der Finanzminister weiß: Das Papiergeld, in dem er sich verschuldet hat, ist nichts als ein Zahlungsversprechen - und das ist mit zunehmender Inflation weniger wert. Kann er es nicht mehr einlösen, freut er sich über eine beschleunigte Geldentwertung: Die Schuld, die er begleichen muß, wird leichter. Das erklärt auch, warum Regierungen nicht immer geneigt sind, dem Auftrieb der Inflation Einhalt zu gebieten.

          Moralisch betrachtet, schadet die Inflation vor allem den Schwachen, denen, die nichts besitzen außer ein paar Staatsanleihen, die noch nicht einmal Kredit bekommen. Wer im wesentlichen vom Geldlohn seiner Arbeit lebt, ist in der Inflation arm dran. Der Wert von Sparbüchern, Lebensversicherungen und Renten verfällt. Besser geht es allen, die reale Werte besitzen: Immobilien, Gold oder Land - und das sind nicht die Armen einer Gesellschaft. So läßt sich mit Recht sagen: Hohe Inflation ist unsozial.

          Wettbewerb und Stabilitätspolitik

          Nun ist rasende Geldentwertung wie in den zwanziger Jahren eine extreme Ausnahmeerscheinung. In den meisten Industrieländern ist die Inflationsrate in den neunziger Jahren auf zwei oder drei Prozent zurückgegangen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Miele und Volkswagen jedes Jahr die Preise erhöhen konnten. Heute müssen sie sich ebenso wie die Computerhersteller und Fluggesellschaften auf Preiskämpfe einstellen.

          Es geht so weit, daß der Ökonom Roger Bootle Ende der neunziger Jahre bereits den Tod der Inflation ausrief. Wie konnte es soweit kommen? Da wird vor allem der Sieg der Notenbanken ins Feld geführt, die eine glaubwürdige Stabilitätspolitik verfolgten. Entscheidender ist aber wohl der Sieg des Wettbewerbs: Handelsschranken sind gefallen, aus den aufstrebenden Ländern drängen billige Waren zu uns.

          Der Preiswettbewerb hat sich beschleunigt, und die Macht der Produzenten ist gebrochen. Deshalb glaubt Bootle, daß die schleichende Geldentwertung beendet ist, mit der sich die Industrieländer seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges herumschlagen mußten. Und das ist gut so.

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