https://www.faz.net/-gqe-8eznl

Kommentar : Lernen von Japan

  • -Aktualisiert am

Schwere Zeiten für den Gouverneur der Bank von Japan Haruhiko Kuroda: Der erhoffte Aufschwung bleibt nämlich aus. Bild: Bloomberg

Die Verbraucher halten sich zurück, die Unternehmen schwimmen im Geld. Magere Wachstumsaussichten bremsen den Investitionswillen. Japan lernt eine bittere Lektion. Ein Kommentar.

          Nach der Finanzkrise in Amerika und Europa 2007/08 gehörte es zum guten Ton unter Notenbankern, von Japan zu lernen. Lernen, wie man den Leitzins auf null setzt, und lernen, welche Optionen der Geldpolitik am Nullzinsrand noch bleiben. Die quantitative Lockerung der Geldpolitik, der Ankauf von Staatsanleihen und Wertpapieren, hatte Vorläufer in Japan nach dem Platzen der Börsenblase 1990. Auch das Bemühen der Federal Reserve oder der Europäischen Zentralbank (EZB), sich mit verbalen Leitlinien für die Zukunft zu binden, geht auf die Bank von Japan zurück. Diese Zeit der einseitigen Aneignung von Wissen ist nun vorbei. Mit dem Schritt zu negativen Zinsen folgt die Bank von Japan im Grundsatz der EZB und im technischen Detail der Schweizerischen Nationalbank.

          Wie in Europa führte die Entscheidung zu Unruhe nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch in der Politik und in der Bevölkerung. 21 Mal musste der Gouverneur der Bank von Japan, Haruhiko Kuroda, seit Ende Januar in Parlamentsausschüssen schon Rede und Antwort stehen. Oft musste er erklären, warum es der Wirtschaft helfen soll, wenn Sparer oder Lebensversicherer durch noch niedrigere Zinsen geschädigt werden. Nach Umfragen lehnt mehr als die Hälfte der Japaner die Negativzinspolitik ab. Eine Flucht in das Bargeld aus Angst vor Strafzinsen auch auf Sparguthaben ist aber noch nicht zweifelsfrei auszumachen. Zwar stieg die Bargeldhaltung rapide, vor allem die Nachfrage nach der größten Banknote zu 10.000 Yen (80 Euro). Doch wie die angeblich größere Nachfrage nach Tresoren ist das eher eine Reaktion auf eine neue einheitliche Personennummer, die anregt, Geld vor dem Fiskus zu verstecken.

          An den Finanzmärkten löste der Negativzins auf Teile der Überschussreserven Wirbel aus. Geldmarktfonds schließen oder lehnen neues Kundengeld ab. Die Aktienkurse von Banken oder Lebensversicherern verloren deutlich, weil eine geringere Zinsspanne geringere Gewinne verheißt. Viele Banken verzichten deshalb auf Lohnerhöhungen. Manche Banken haben Schwierigkeiten, weil ihre Computerprogramme mit negativen Zinsen nicht umgehen können.

          In der ersten Reaktion auf den Negativzins verlor der Yen an Wert, die Aktienkurse stiegen, und die Renditen der Staatsanleihen sanken. So hatte Kuroda sich das gewünscht. Dann aber schwemmte die Unsicherheit über China und die Weltwirtschaft alles hinweg. Der Yen wertete seither als sicherer Hafen zum Dollar und zum Euro stark auf. Die Aktienkurse rutschten stark ab. In der Kombination von Anleihekäufen und Negativzins sind die Zinssätze am kurzen und am langen Ende gesunken. Manche Haushalte nutzen die Chance, um Hypotheken umzufinanzieren. Unternehmen nehmen zu sehr günstigen Konditionen langfristig Kapital auf. Eine Erholung der Kreditnachfrage aber ist bislang nicht zu sehen. Die verunsicherten Verbraucher halten sich zurück, und die Unternehmen schwimmen im Geld. Ihr Investitionswille wird nicht durch zu teure Kredite, sondern durch magere Wachstumsaussichten gebremst.

          Weitere Reformen im Sommer zu erwarten

          Kurodas Verzweiflungstat im Gefolge von Mario Draghi verdeutlicht, dass die Geldpolitik Wachstum nicht herbeizaubern kann und ihre Grenzen erreicht hat. Die Erholungstendenzen in Japan in den ersten Jahren der Abenomics gründeten darin, dass Kuroda den Yen drastisch entwertete. Das wird schwieriger, weil nun die EZB und andere in den Abwertungswettlauf eingetreten sind. Abhilfe muss in Japan aus dem Inland kommen. Doch die Wirtschaftspolitik der Abenomics hat sich festgelaufen.

          Weitere Reformen, um die Produktivität in der alternden Gesellschaft zu heben, sind frühestens nach der Oberhauswahl im Sommer zu erwarten. Doch der Wille schwindet. Abes Mannen denken lieber über neue Ausgaben nach, um die Konjunktur anzukurbeln. Noch vor der Wahl könnte die für 2017 geplante unpopuläre Erhöhung der Mehrwertsteuer kippen. Der Druck, entschieden den Staatshaushalt zu sanieren, sinkt. Als Segen könnte es sich da noch erweisen, dass dem Ministerpräsidenten Verbündete abspringen. Unternehmen und Gewerkschaften kehren zur Vernunft zurück. Anstatt sich von Regierung, Notenbank und Internationalem Währungsfonds wieder zu großzügigen Lohnerhöhungen drängen zu lassen, fallen die Zuwächse jetzt bescheiden aus. Das, nicht höhere Löhne und Inflation, ist die richtige Antwort auf die Wettbewerber aus China und Südostasien.

          Die Notenbank allein kann Japan nicht aus der Deflation zum stabilem Wachstum führen.

          Viel zu vorsichtig kommen aus der Notenbank nun die Hinweise, sie allein könne Japan nicht aus der Deflation zu stabilem Wachstum führen. Doch die Bank hat sich in eine Zwickmühle manövriert. Zieht man alle rhetorischen Floskeln ab, war die ultralockere Geldpolitik im Rahmen der Abenomics Beiwerk, um Zeit für Korrekturen hin zu mehr Markt und Wachstum zu geben. Mit dem Ankauf von Staatsanleihen und dem Negativzins aber macht die Notenbank es der Regierung nur leichter, sich weiter zu verschulden. Reformen und Sanierung des Staatshaushalts bleiben so auf der Strecke. Das ist eine Lektion, die Europa von Japan und Japan von Europa lernen könnte.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.