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Erdöl : Kasachstan will die Macht der westlichen Konzerne beschneiden

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Mehr Macht für Kasachstan: Staatspräsident Nursultan Nasarbajew Bild: dpa

Ein Konsortium unter Führung des italienischen Energiekonzerns Eni will das größte Ölfeld in Kasachstan erschließen. Nun stoppt die Regierung das Projekt. Staatspräsident Nasarbajew will mehr Einfluss. Das erinnert an Shell in Russland und das Ölfeld Sachalin.

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          Nach Russland will auch Kasachstan die Macht westlicher Konzerne bei der Ausbeutung seiner riesigen Energievorkommen beschneiden. Der staatliche Konzern Kazmunaigaz solle das Ölfeld Kaschagan im Kaspischen Meer künftig gleichberechtigt mit dem internationalen Konsortium unter Führung des italienischen Eni-Konzerns ausbeuten, sagte der kasachische Regierungschef Karim Massimow am Donnerstag in Astana.

          Noch gebe es darüber „freundschaftliche Verhandlungen“, sagte Massimow. „Aber wenn die kasachischen Forderungen nicht akzeptiert werden, haben wir einen Plan B, von dem ich später erst erzählen werden“, fügte er hinzu.

          In Russland war dem Shell-Konzern in einem ähnlichen Fall die Lizenz für das riesige Gas- und Ölförderprojekt Sachalin II entzogen worden. Shell trat Ende des vergangenen Jahres die Kontrolle an den staatlichen russischen Energieriesen Gazprom ab.

          Mehr Einfluss auf Ölfelder gefordert: Kasachstans staatlicher Energiekonzern Kazmunaigaz in Astana

          Eni wurde auf dem Ölfeld Kaschagan gestoppt

          Der Eni-Konzern musste seine Arbeiten auf dem Ölfeld Kaschagan vor kurzem wegen Verstößen gegen Umweltauflagen einstellen. Noch gebe es „freundschaftliche Verhandlungen“ über eine gemeinsame Leitung des Projekts, sagte Massimow. „Aber wenn die kasachischen Forderungen nicht akzeptiert werden, haben wir einen Plan B, von dem ich erst später erzählen werden.“

          Kaschagan gilt als einer der größten Ölfunde der vergangenen 30 Jahre. Bei der Ausbeutung hat Eni die Führung in dem Joint Venture Agip KCO, an dem zahlreiche internationale Energiekonzerne beteiligt sind, darunter Total, Shell und Exxon Mobil.

          Kasachischer Staatskonzern hält nur 8 Prozent

          Ministerpräsident Massimow lud den Vorstandsvorsitzenden von Eni, Paolo Scaroni, und EU-Energiekommissar Andris Piebalgs ein, an den Verhandlungen über Kaschagan teilzunehmen. Bisher hält der staatliche kasachische Kazmunaigaz-Konzern lediglich etwas mehr als 8 Prozent an dem Projekt.

          Die kasachische Regierung hat allerdings schon mehrfach gefordert, der Anteil müsse auf rund 40 Prozent aufgestockt werden. Ein Sprecher des Gemeinschaftsunternehmens Agip KCO sagte der Nachrichtenagentur AFP, es sei zuversichtlich, dass die „Probleme in Übereinstimmung mit dem bisherigen Verträgen geregelt werden können“.

          Keine neue Entwicklung

          Eni liegt mit dem kasachischen Staat im Streit wegen des Ölfelds. Kasachstan kritisierte den Konzern unter anderem dafür, den Start der Ausbeutung des Ölfelds auf 2010 verschoben zu haben. Zudem ist die Regierung in Astana verärgert über die Explosion der Kosten für die Ausbeutung. Sie dürften sich Schätzungen zufolge auf rund 136 Milliarden Dollar (rund 100 Milliarden Euro) belaufen, veranschlagt waren rund 57 Milliarden Dollar.

          Neu ist das Vorgehen Kasachstans nicht. So trieb man etwa die kanadische Firma Hurricane Hydrocarbons aus dem Land, indem man diese beständig unter Druck setzte. 1999 musste das Unternehmen sogar Konkurs anmelden, als sich etwa die staatliche kasachische Ölraffinerie kurzerhand weigerte, Öl zu kaufen.

          2002 konnte das Unternehmen einen dubiosen Übernahmeversuch, hinter dem in letzter Konsequenz die größte kasachische Staatsbank steckte, durch Ausgabe einer eigens für diesen Zweck konstruierte Anleihe gerade noch verhindern. 2003 benannte man sich sogar in Petrokazkhstan um.

          Nach „ehrlicher“ Wahl Zeit für eine Machtprobe

          Im Mai 2005 erließ Kasachstan ein Gesetz, das das Abfackeln von bei der Ölproduktion anfallendem Erdgas einschränkte. In der Folge musste Petrokazakhstan seine Produktionsziele für 2005 aufgeben. Dann tauchten die Steuer- und Wettbewerbsbehörden bei den Kanadiern auf. Das Unternehmen war immerhin der drittgrößte Ölproduzent in Kasachstan, bis man 2005 schließlich das Handtuch warf und an den staatlichen chinesische Ölkonzern CNPC verkaufte.

          Nachdem die Partei des autoritär herrschende Präsident Nursultan Nasarbajew vor wenigen Wochen 88 Prozent der Stimmen und alle Parlamentssitze einfuhr, scheint dieser nun die Zeit für eine Machtprobe mit den großen Ölfirmen für gekommen zu halten. Kritik internationaler Beobachter am Verlauf der Parlamentswahl wies der Präsident seinerzeit einfach zurück und erklärte die Wahl für „ehrlich“.

          Nasarbajew sieht sich als „Vater der Kasachen“ und gehört zur Riege der hohen Sowjetfunktionäre, die es nach dem Zusammenbruch des „Vaterlandes aller Werktätigen“ mit Schlauheit und Geschick verstanden, die Macht in ihren ehemaligen Sowjetrepubliken an sich zu bringen und zu behaupten.

          Die Situation wird vielfach so beschrieben, dass ohne Nasarbajew in Kasachstan nichts geht. Das Land ist stromlinienförmig auf den Patriarchen ausgerichtet. Was Kasachstan dennoch bis auf weiteres Ansehen einbringt, sind die schlimmeren politischen Zustände in Usbekistan oder Turkmenistan, die als schwarze Folie dienen, vor der Kasachstan fast schon als Hort der Freiheit erstrahlt.

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