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Erdbebenschäden : Japan steht vor einer Rezession

Bild: F.A.Z.

Schon jetzt zeichnen sich vielfältige Störungen des Wirtschaftslebens in Japan ab. Allein durch die Produktionsausfälle droht nach Ansicht von Fachleuten eine Rezession. Ob es noch viel schlimmer kommt, hängt von der Entwicklung rund um die beschädigten Atomkraftwerke ab.

          Nach dem schweren Erdbeben in Japan zeichnen sich vielfältige Störungen des Wirtschaftslebens der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ab. Fabriken werden stillgelegt, Bürger und Unternehmen zum Stromsparen aufgerufen. „Das Erdbeben wird beträchtliche Folgen für die wirtschaftliche Aktivität einer großen Zahl von Branchen haben“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Sonntag.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Durch die Produktionsausfälle droht Japan nach Ansicht von Fachleuten eine Rezession, also das Schrumpfen der Wirtschaft in mindestens zwei Quartalen in Folge. Nach drei Quartalen des Wachstums war die Wirtschaft schon im Schlussquartal 2010 leicht geschrumpft. Hoffnung macht den Ökonomen, dass der Wiederaufbau der Katastrophengebiete umfangreiche Investitionen nötig macht. Doch hänge alles von der Entwicklung rund um die beschädigten Atomkraftwerke ab.

          Mit einer Liquiditätsspritze von mehreren Billionen Yen wird gerechnet

          Zunächst will die Bank von Japan alles tun, um die Stabilität der Finanzmärkte zu gewährleisten: Bis Sonntag versorgte sie 13 Finanzinstitute mit insgesamt rund 55 Milliarden Yen (umgerechnet 483 Millionen Euro) Sonderhilfen. Am Montag will die Zentralbank den Markt dem Vernehmen nach mit weiterer Liquidität versorgen. Gerechnet wird mit mehreren Billionen Yen. Die Tokioter Aktienbörse soll den Handel wie gewohnt aufnehmen.

          Toyota, der größte Autohersteller Welt, stellt am Montag hingegen den Betrieb in seinen zwölf Fabriken ein. Auch andere Autohersteller sind betroffen: Nissan setzte die Produktion an seinen vier Fertigungsstandorten in Japan aus. In zwei Werken war es zu kleineren Bränden gekommen. Honda teilte mit, dass vier heimische Fabriken und ein Forschungszentrum am Montag geschlossen bleiben. Der Elektronikkonzern Sony hat die Produktion in sechs Werken in der betroffenen Region unterbrochen. Eine Fabrik wurde überschwemmt, die anderen fünf wurden den Angaben zufolge nicht schlimmer beschädigt. Hersteller von Halbleitern werden vermutlich ihre Chip-Produktionsanlagen neu justieren müssen, was zwei Wochen in Anspruch nehmen kann.

          Keine Sorgen vor einer weltumspannenden Rezession

          Grundsätzlich ist es für die japanische Volkswirtschaft aber ein Glück im Unglück, dass das Beben vor allem den Norden der Insel getroffen hat, befinden sich die meisten Produktionsanlagen doch im Süden. Japan war mit seiner Bevölkerung von gut 127 Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten die dominierende Wirtschaft Asiens: Bis 2009 rangierte das Land hinter den Vereinigten Staaten auf Rang zwei in der Wirtschaftskraft. Im Krisenjahr 2009 erwirtschaftete das Land aber immer noch gut 8 Prozent des Welteinkommens. Erst 2010 verdrängte China den regionalen Konkurrenten in der Weltrangliste der Wirtschaftsmächte auf Rang drei, wobei beide Länder inzwischen wichtige Handelspartner füreinander sind.

          54 Prozent der japanischen Ausfuhren gehen in den asiatischen Raum. Von dort kommen 45 Prozent der Importe. Allein nach China gehen 19 Prozent der Ausfuhren, und von dort kommen 22 Prozent der japanischen Einfuhren. Deutschland wiederum bezieht weniger als 3 Prozent seiner Einfuhren aus Japan. Auch Verflechtungen durch Zuliefer-Beziehungen sind von untergeordneter Bedeutung. Zum Vergleich: die Vereinigten Staaten kamen 2009 auf einen japanischen Anteil an ihren Einfuhren von mehr als 16 Prozent. Mit Blick auf den Absatz ist die Bedeutung des japanischen Marktes für den deutschen Außenhandel sogar noch geringer. Nur gut 1 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in das asiatische Land.

          Auch als Investitionsstandort spielt Japan für Deutschland keine herausragende Rolle. Insgesamt hat der bilaterale Handel einen Umfang von rund 30 Milliarden Euro. Sorgen vor einer neuen weltumspannenden Rezession sind nach Einschätzung von Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise ebenfalls unbegründet. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen hänge allerdings stark von der Entwicklung um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima ab. Wenn es zu einer Atomkatastrophe komme, werde das „schon nachhaltige Folgen“ für die japanische Ökonomie haben.

          Die größte Schwierigkeit der Japaner ist die Staatsverschuldung, die mit mehr als 200 Prozent der Wirtschaftsleistung größer ist als in allen anderen Industriestaaten. Der Wiederaufbau wird weiteres Geld kosten. Fachleute gehen wegen der deshalb zu erwartenden Mittelrückflüsse aus dem Ausland nun von einem weiter steigenden Außenwert des Yen aus. Verwiesen wird auch auf den „Kobe-Effekt“: In der Stadt Kobe hatte 1995 ein Erdbeben verheerende Schäden angerichtet und einen Konjunkturdämpfer verursacht. Der war aber durch den Wiederaufbau mehr als wettgemacht worden. Der Versicherungsschaden durch das Beben vom Freitag wird derzeit auf 25 Milliarden Euro geschätzt.

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