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Energiewende : Irrsinn in Irsching

Die Trauer darüber mildert es nicht, wenn man weiß, dass sie ihr Los mit Dutzenden anderen Gaskraftwerken im Land teil: Ob der Eigentümer Eon, RWE oder sonst wie heißt, damit ist kein Staat zu machen. „Ein Großteil der Anlagen ist unter Wasser“, klagt ein Energiemanager, „wir verdienen damit kein Geld.“ Hochmoderne Anlagen werden deshalb in die Frührente geschickt. Bei RWE überlegen sie bereits, die Turbinen in Deutschland abzubauen, und andernorts wieder zu errichten (so wie schon ganze deutsche Chemiefabriken nach China verfrachtet wurden). Nur: So leicht ist das nicht. Ein gebrauchtes Gaskraftwerk wird man nicht so leicht los wie einen gebrauchten VW-Golf. „Das ist ein komplexer Markt“, sagt ein RWE-Vorstand.

„Solar-Bauer“ als Beruf

Wie aber konnte es passieren, dass unsere Wunderturbine derart auf die abschüssige Bahn geriet? Schließlich ist sie tausend Mal verlässlicher als Sonne und Wind. Die Antwort ist simpel: Die Willkür der Politik lässt ihr keine Chance. Die regenerativen Energien haben Vorrang, immer und überall (und verschlingen Subventionen im Übermaß). Erst, wenn danach Strom fehlt, geraten konventionelle Kraftwerke in den Blick - da wiederum ziehen die alten Kohlekraftwerke davon, obwohl vielfach umweltschädlicher.

Der Grund: CO2-Zertifikate sind heute so billig, dass der Versuch, damit die Dreckschleudern aus dem Mark zu nehmen, misslingt. Den Schaden hat Deutschlands Klimabilanz und die blitzsaubere Turbine in Irsching.

Im Spezialtruck nach Irsching: Die Turbine wiegt mehr als 400 Tonnen.

Das Grundübel ist eine planwirtschaftlich organisierte Energiewende, die den Preismechanismus außer Kraft gesetzt hat. Die üppigen Anreize vom Staat für Sonne und Wind spornten die Leute an, sich wie wild Solarzellen aufs Dach zu setzen, mit zeitweise unfassbaren Renditen.

In Bayern hat sich so der Beruf des „Solar-Bauern“ etabliert; die Kühe auf der Weide sind nur noch Beiwerk. Mit den Folgen dieser auf Dauer unbezahlbaren Fehlsteuerung ringt die Politik von Tag zu Tag. Für kommenden Mittwoch ist nun der nächste Energiegipfel im Kanzleramt anberaumt. Ende der Woche will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sodann die Fraktionsspitzen einweihen, wie es weiter geht mit der Energiewende, in der traditionell ein Murks den vorherigen Murks reparieren soll.

Keine „Hartz-IV-Stütze für Konzerne“

Für das Schicksal von Irsching heißt das: Wer bezahlt für Kraftwerke, die nur an jenen Tagen gebraucht werden, an denen die Ökos schwächeln? Stichwort: Versorgungssicherheit. Um diese zu gewährleisten, muss die Bundesnetzagentur jede Stilllegung genehmigen. Bisher ist noch kein formeller Antrag von Eon zu Irsching eingegangen.

Wie die Sache ausgehen wird, steht schon fest: Die Behörde wird den Stop untersagen. „Südlich der Mainlinien sehen wir Stilllegungen sehr kritisch“, heißt es. So lange in Bayern und Baden-Württemberg nicht ausreichend Stromleitungen aus dem Norden ankommen, ist die Angst vor einem Blackout groß. Der Sonne allein ist im Voralpenland nicht zu trauen. In elf Fällen haben Energiekonzerne die Stilllegung im Süden beantragt, elf Mal hat die Netzagentur widersprochen, immer aus diesem Grund.

Wer aber trägt die Verluste der unrentablen Anlagen? Die Energiekonzerne pochen darauf, dass sie in Zukunft allein schon dafür belohnt werden, dass sie die Kapazitäten bereitstellen (auch wenn dort überhaupt kein Strom produziert wird). Das lehnt Gabriel ab, es gebe keine „Hartz-IV-Stütze für Konzerne“, sagt der SPD-Chef. So bleibt als politischer Verbündeter unserer Turbine Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer – nicht aus Freude am Fortschritt, sondern weil ihm das Gaskraftwerk um die Ecke allemal lieber ist als Stromtrassen, die im Zweifel nur Proteste provozieren. Deswegen kämpft der CSU-Chef vehement um Geld aus Berlin. Irsching wird so zum Symbol im Feilschen um Subventionen. Das hat unsere Turbine, das hat der deutsche Ingenieur nicht verdient.

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