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Entwicklungspolitik : Kritik an sozialem Fokus der Entwicklungshilfe

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In der internationalen Entwicklungspolitik deutet sich ein Umdenken an. Die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) spricht sich dafür aus, die öffentliche Hilfe stärker in die Entwicklung der produktiven Kräfte der ärmsten Länder der Welt zu stecken.

          In der internationalen Entwicklungspolitik deutet sich ein Umdenken an. Die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) spricht sich dafür aus, die öffentliche Hilfe stärker in die Entwicklung der produktiven Kräfte der ärmsten Länder der Welt zu stecken.

          "Wir werden die Länder nicht entwickeln, wenn wir uns nur auf den sozialen Bereich konzentrieren", sagte Michael Herrmann von der Unctad, als er den aktuellen Bericht über die fünfzig ärmsten Entwicklungsländer mit dem etwas sperrigen Titel "Entwicklung der produktiven Kapazitäten" am Donnerstag in Berlin vorstellte.

          Geld für die produktiven Bereiche der Wirtschaft

          Herrmann, Mitverfasser des Berichts, mahnte, wieder mehr Mittel in den Ausbau der Infrastruktur und in die produktiven Bereiche der Wirtschaft zu stecken. Derzeit mache man den Fehler, zuviel Geld für Sozialpolitik auszugeben in der Hoffnung, daß dadurch das Wirtschaftswachstum anspringe. "Wir brauchen eine neue Balance zwischen dem Sozialen und der Produktion."

          Nähen statt Schuhputzen: Umdenken bei der Unctad

          Herrmann wies darauf hin, daß der Anteil der Hilfen für Soziales und Schuldenerlasse sich im Vergleich zu den frühen neunziger Jahren nahezu verdoppelt habe. Im Durchschnitt der Jahre von 1992 bis 1994 seien für diese Zwecke 35 Prozent der Entwicklungsgelder aufgewandt worden, zehn Jahre später seien es schon 62 Prozent gewesen. Gegenläufig hat sich nach seinen Angaben der Anteil der Ausgaben für Infrastruktur und Wirtschaft auf 24 Prozent halbiert.

          Weniger Schuhputzer, mehr Arbeiter in einer Näherei

          Dieser Trend ist nach den Worten Herrmanns durch die sogenannten Millenniumsziele beeinflußt worden. Im Jahr 2000 hatten sich rund 150 Staats- und Regierungschefs verabredet, den Anteil der in absoluter Armut lebenden Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Darüber hinaus formulierten sie weitere Ziele zu Bildung, Gesundheit und Gleichstellung der Geschlechter. Nach Ansicht des Koautors des Berichts wäre es sinnvoll, diese Ziele zu ergänzen. Er nannte drei: ein Wachstum von 7 Prozent im Jahr, eine Investitionsquote von 25 Prozent, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, und eine Verdoppelung des Anteils der Beschäftigten in der formellen Wirtschaft, konkret: weniger Schuhputzer und mehr Arbeiter in einer Näherei.

          Nach den Worten des Unctad-Wirtschaftsforschers sollten auch die Entwicklungsbanken wieder verstärkt Mittel für Investitionen in Straßen, Häfen oder Elektrizitätswerke bereitstellen. Die Kluft in der Infrastrukturausstattung sei ein wichtiges Entwicklungshemmnis. Frühere Fehler dürften kein Grund sein, diese Aufgabe länger zu vernachlässigen. Darüber hinaus sollte das Bankwesen, Forschungseinrichtungen und heimische Unternehmen stärker gefördert werden.

          Nach Angaben der Unctad hat die Gruppe der 50 ärmsten Länder der Welt im Jahr 2004 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5,9 Prozent erreicht. Dies sei durch eine Verdoppelung der Hilfen durch die reichsten Länder seit 1999 und die hohe Nachfrage nach Erdöl und anderen Rohstoffen getragen worden.

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