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Entwicklungsökonom Paul Collier : „Wir locken die Menschen in den Tod“

  • Aktualisiert am

Paul Collier forscht über Migration. Sein Großvater emigrierte einst aus Deutschland nach Nordengland Bild: Andreas Pein

Der Entwicklungsökonom Paul Collier spricht im Interview über die Lehren aus der Tragödie von Lampedusa und die gesellschaftlichen Folgen von Ein- und Auswanderung.

          5 Min.

          Herr Collier, jeden Monat aufs Neue sterben Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu kommen. Was läuft da falsch?

          Die aktuelle Politik ist tödlich. Auf dem Weg über das Mittelmeer sind in den vergangenen Jahren Tausende junger Afrikaner ertrunken. Wir locken diese Menschen in den Tod, weil ihre einzige Chance, nach Europa zu kommen, darin besteht, irgendwelchen nordafrikanischen Gangstern einen Haufen Geld für einen Platz auf einem lecken Boot zu zahlen. Dafür braucht man Geld und Eigeninitiative, das sind nicht die Ärmsten, die da kommen.

          Also ist Europa noch zu großzügig zu den Bootsflüchtlingen?

          Wir machen ihnen falsche Hoffnungen. Wenn wir die Möglichkeiten für junge Afrikaner ausbauen würden, etwa hier in Europa zu studieren, dann würden wir ihnen glaubwürdige Chancen bieten. Es ist lächerlich, dass die Europäische Union die Leute erst ignoriert und sie dann mit Rechten überschüttet, sobald sie einen Fuß auf den Strand von Lampedusa setzen.

          Sie übertreiben. Auch jetzt werden doch die meisten zurückgeschickt oder in Italien wegen illegaler Einwanderung angeklagt. Wie viel strenger wollen Sie werden?

          Jeder, der mit dem Boot kommt, sollte automatisch zurückgeschickt werden. Erst wenn das durchgesetzt wird, werden die Leute aufhören, es zu versuchen.

          Wäre es in der Zwischenzeit nicht humaner, zumindest diejenigen reinzulassen, die es geschafft haben?

          Wenn wir den Leuten erlauben, herzukommen, wären es nicht mehr wenige. Wenn wir nur verhindern wollen, dass die Menschen ertrinken, sollten wir eine kostenlose Fähre übers Mittelmeer einrichten. Halb Afrika würde mitfahren. Die einzige realistische Lösung ist es, keinerlei Anreize zu schaffen, sich in ein leckes Boot zu setzen. Aber wir müssen das mit besseren Angeboten kombinieren, auf legalem Weg nach Europa zu kommen. Und später müssen die Leute eine Chance haben, in ihrem eigenen Land Arbeit zu finden.

          Was können denn die Europäer tun, damit die Flüchtlinge zu Hause Arbeit finden?

          Wir brauchen eine bessere Wirtschaftspolitik, die das Geschäftsklima in diesen Ländern verbessert. Deutschland zahlt Entwicklungshilfe an Brasilien – die brauchen das Geld nicht. Wenn es stattdessen an die ärmsten Länder ginge, wäre das schon ein wichtiger Schritt.

          Warum wollen Sie die Leute eigentlich unbedingt am Auswandern hindern?

          Das will ich gar nicht. Aber eine gute Migrationspolitik muss berücksichtigen, dass Ein- und Auswanderung langfristig schwerwiegende soziale Folgen für eine Gesellschaft haben können. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.

          Um Tragödien wie die von Lampedusa zu verhindern, will Collier jeden Bootsflüchtling automatisch wieder zurückschicken. „Erst wenn das durchgesetzt wird, werden die Leute aufhören, es zu versuchen“
          Um Tragödien wie die von Lampedusa zu verhindern, will Collier jeden Bootsflüchtling automatisch wieder zurückschicken. „Erst wenn das durchgesetzt wird, werden die Leute aufhören, es zu versuchen“ : Bild: AFP

          Was ist an den gesellschaftlichen Folgen so schwerwiegend?

          Ich will damit nicht sagen, dass die Folgen grundsätzlich negativ sind. Einwanderung macht eine Gesellschaft vielfältiger. Einwanderer sind innovativ und bringen neue Perspektiven. Aber Vielfalt reduziert auch das Vertrauen der Leute untereinander, sie kooperieren nicht mehr so bereitwillig und sind weniger großzügig zueinander. Vergleichen Sie sehr homogene Länder wie Deutschland und Japan mit Ländern wie Nigeria – in Nigeria ist es viel schwieriger, Geschäftsbeziehungen zu regeln und öffentliche Güter bereitzustellen. Und wenn Sie ein typisches europäisches Land mit Amerika vergleichen, dann ist Amerika natürlich vielfältiger, aber als Gesellschaft auch sehr viel weniger großzügig.

          Kann die Politik nicht beeinflussen, wie sich die Vielfalt auswirkt?

          Natürlich sollten wir überlegen, wie wir mit der Vielfalt umgehen können. Länder mit erfolgreicher Integrationspolitik können auch mehr Einwanderung vertragen. Aber wenn man einer multikulturellen Politik anhängt, ist vielleicht weniger Einwanderung besser. Ganz schlecht ist das, was die britische Regierung gerade macht: aus reinem Populismus weniger Studenten ins Land lassen, weil das die absoluten Zahlen senkt. Wer kommt, ist wichtiger als wie viele.

          Sie reden hauptsächlich von den Folgen für die Einwanderungsländer. Die Einwanderer selbst und diejenigen, die in ihren Heimatländern bleiben, sehen das wahrscheinlich anders, oder?

          Nicht wirklich. Nur die Gründe sind andere. Wenn ein paar Leute auswandern, ist das gut für ihr Heimatland. Viele Studien zeigen, dass bei moderaten Auswandererzahlen viele nur vorübergehend das Land verlassen und dann besser ausgebildet zurückkommen. Wenn zu viele auswandern, gehen all die klügsten Leute.

          Aber was sollen denn die Einwanderungsländer dagegen machen?

          Die wohlhabenden Länder sind die einzigen, die Wanderungsbewegungen kontrollieren können. Es wäre die reine Unterdrückung, wenn Länder ihren Bürgern verbieten könnten auszuwandern.

          Wo ist denn der Unterschied? Die Freiheit der Menschen wird doch in jedem Fall eingeschränkt.

          Nur Nordkorea hindert seine Bürger am Auswandern. Aber alle reichen Länder sollten sinnvolle Einwanderungsbeschränkungen haben und dabei die eigenen Interessen mit denen der armen Länder abwägen. Großbritannien hat zum Beispiel lange Zeit gezielt Ärzte aus Afrika angeworben und damit den Mangel dort verschärft. Das ist katastrophal.

          Wie sieht es mit Migration innerhalb der EU aus? Hier wird es kaum gelingen, Beschränkungen durchzusetzen. Es gilt Niederlassungsfreiheit, die letzten Restriktionen enden im Januar.

          Ja, das ist eine große Stärke Europas, die wir nur sehr vorsichtig antasten sollten. Aber als diese Regel eingeführt wurde, war die Grundlage eine gewisse Reziprozität – viele Deutsche in Großbritannien und viele Briten in Deutschland. Das ist eine hervorragende Idee.

          Freizügigkeit also nur für die Bewohner reicher Länder?

          Es gibt eine gewisse Asymmetrie zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern. Viele Rumänen wollen nach Deutschland kommen, aber nicht viele Deutsche nach Rumänien. Die Originalidee war eine andere. Reziprozität wieder in die Migrationspolitik zu integrieren stünde im Einklang mit europäischen Werten.

          Politisch ist das unwahrscheinlich. Welche anderen Möglichkeiten haben Länder wie Deutschland, die gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern, die sich etwa aus der Einwanderung aus Osteuropa ergeben?

          Innerhalb Europas müssen wir von Einwanderungspolitik hin zu Integrationspolitik. Wenn Sie die Einwanderung nicht kontrollieren können, müssen Sie dafür sorgen, dass sich die Einwanderer schnell in die Gesellschaft einfinden, also mehr Wert legen auf Spracherwerb, die Leute nicht in Gettos leben lassen.

          An welchem Punkt verliert diese Politik ihre Wirkung?

          Es kann schon sein, dass es nicht möglich ist, einen gut funktionierenden Wohlfahrtsstaat, ein hohes Maß an Multikulturalismus und eine hohe Zuwanderungsrate miteinander zu verbinden. Wir müssen entscheiden, wo unsere Prioritäten liegen. Einwanderungspolitik muss pragmatischer werden.

          Länder wie Dubai und Qatar sind sehr pragmatisch. Sie funktionieren wirtschaftlich hauptsächlich deswegen, weil Gastarbeiter dort unter miserabelsten Bedingungen schuften.

          Ich finde diese Länder sehr verstörend, weil ihr Geschäftsmodell darauf beruht, dass einige der ärmsten Menschen der Welt die Arbeit machen, damit einige der reichsten ungestört ein Luxusleben führen können. Das ist keine Lösung für globale Ungleichheit.

          Wie könnte man die Situation dort verbessern?

          Es wäre wünschenswert, dass die Arbeiter besser behandelt werden, aber die Regierungen haben keinen Anreiz dazu. Die sagen, wir zahlen soundsoviel, kommt ihr her? Und genügend Leute sind arm genug, um ja zu sagen.

          Eine schlechte Arbeit ist besser als nichts?

          Es hilft den Leuten zu überleben. Einige Ökonomen wünschen sich deswegen, dass westliche Länder das ähnlich handhaben und Gastarbeiter aus armen Ländern zu Niedriglöhnen beschäftigen. Ich finde das keine akzeptable Lösung.

          Und was ist mit den Rumänen, die in Deutschland zu Niedriglöhnen Schweine zerteilen und Büros putzen?

          Ich glaube, Leute aus ärmeren Ländern hierher zu locken, um sie Arbeit machen zu lassen, die wir nicht zu tun bereit sind, für Löhne, die wir niemals akzeptieren würden, ist ganz schlechte Politik. Das befeuert Rassismus, es verleitet uns zu Überheblichkeit gegenüber diesen Menschen.

          Komplette Personenfreizügigkeit, wie es manche Ökonomen fordern, wäre auch keine Lösung?

          Diese Leute betrachten Einwanderungskontrollen genau wie Kapitalkontrollen, die wollen einfach alles deregulieren. Dafür habe ich kein Verständnis. Nationalstaaten stellen nach wie vor zentrale Elemente gesellschaftlichen Wohlstands bereit. Damit das funktioniert, brauchen wir einen gewissen sozialen Zusammenhalt. Viele arme Länder haben diesen Zusammenhalt nicht. Wir sollten ihnen helfen, ihn aufzubauen, anstatt ihre besten Leute abzuwerben.

          Der Entwicklungsforscher

          Paul Collier ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Oxford und leitet dort das Institut zur Erforschung afrikanischer Volkswirtschaften. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Frage, wie Entwicklungsländer am schnellsten zu den reichen Ländern aufschließen können. In seinem Buch Exodus entwickelt er ein ökonomisches Modell, mit dessen Hilfe sich die Auswirkungen von Migration auf Einwanderungsländer, Einwanderer und ihre Herkunftsländer ergründen lassen. Neben seiner Forschung in der Entwicklungsökonomie hat ihn dazu auch seine Familiengeschichte inspiriert: Colliers Großvater Karl Hellenschmidt emigrierte einst aus Ernsbach in Baden-Württemberg ins englische Bradford.

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