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Textilbündnis : Des Entwicklungsministers neue Kleider

  • -Aktualisiert am

Ein Euro: Bessere Arbeitsbedingungen kosten Jeanskäufer wenig. Bild: Reuters

Gerd Müller will die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Welt verbessern. Die Branche aber verweigert die Gefolgschaft.

          Für Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist es eine einfache Rechnung: „Es geht um einen Euro bei der Jeans“, sagte er am Mittwoch in Berlin während der Vorstellung seines Textilbündnisses für bessere Arbeitsbedingungen in den Kleidungsfabriken der Entwicklungsländer. Weil die Lohnkosten nur ein bis zwei Prozent der Herstellungskosten ausmachten, verteuerten anspruchsvollere Regeln für die Herstellung eine solche Hose nur marginal – und trotzdem könnten die Näherinnen dann ihre Kinder zur Schule schicken oder sich einen Arztbesuch leisten, so Müllers Argumentation.

          Dass die ganze Geschichte in Wahrheit aber unendlich komplizierter ist – von den Hungerlöhnen für Näherinnen in Bangladesch über lebensgefährlich marode Fabriken bis zur Kinderarbeit –, zeigte am Donnerstag die Tatsache, dass die Großen der Branche Müller mit seiner Initiative ziemlich allein gelassen haben. Interessanter als die Liste der 29 teilnehmenden Unternehmen und Verbände ist die Aufzählung derjenigen, die zwar am Anfang mit an Bord waren, vor dem Ziel aber noch abgesprungen sind: Adidas etwa, oder Aldi und Lidl, der Textildiscouter Kik, H&M, Puma, C&A und auch die Otto Group. Auch der Gesamtverband Textil und Mode hat sich dem Bündnis nicht angeschlossen, ebenso wenig der Einzelhandelsverband HDE. Unter den Teilnehmern sind einzig der T-Shirt-Produzent Trigema von der Schwäbischen Alb und die Outdoor-Marke Vaude bekanntere Namen.

          Entmutigen lassen will sich Müller dennoch nicht. „Es sind noch nicht alle dabei, aber die Tür ist offen“, sagte er. Zugeschlagen haben auch die Abwesenden die Türen nicht. Doch sie bleiben sehr skeptisch. Der HDE etwa versprach vage, die Branche werde ihren Beitrag leisten, „die Voraussetzungen für den Beitritt möglichst vieler Unternehmen zum Textilbündnis zu schaffen“. Noch aber sei der Aktionsplan des Ministers „nicht geeignet, Verbesserungen für die in Schwellenländern arbeitenden Menschen in der notwendigen Breite zu erreichen“. Notwendig seien vielmehr „realistische und umsetzbare Ziele“, die für die Mehrheit der Textilhandelsunternehmen national und international tragfähig seien. Zu den Unterzeichnern dieser Stellungnahme gehören unter anderem Aldi, Kik, C&A, Lidl, Otto und Tchibo.

          Entwicklungsminister Gerd Müller

          Auch der Gesamtverband Textil und Mode hatte einige Forderungen des Bündnisses zuvor schon als „nicht realisierbar“ zurückgewiesen, darunter die weltweite Durchsetzung deutscher Sozialstandards außerhalb der eigenen Unternehmen und den Verzicht auf bestimmte chemische Stoffe. Wo deutsche Unternehmen eigene Fabriken hätten, herrschten überdurchschnittliche Arbeitsbedingungen, teilte der Verband mit. Viele deutsche Firmen aber produzierten im Ausland nicht selbst, sondern seien nur Auftraggeber – und hätten daher keinen maßgeblichen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen.

          Müller aber ließ die Kritik der Textilbranche und deren Darstellung, sie könne ihre Lieferkette nicht lückenlos kontrollieren (an einem Oberhemd sind nach Branchenangaben bis zu 140 Firmen beteiligt), nicht gelten. „Ich nenne den Großen gerne Mittelständler, die diesen Nachweis erbringen können“, sagte er. „Man muss es allerdings wollen, dazu gibt es keine Alternative.“ Wer sage, die Einhaltung der nun vereinbarten Standards sei nicht möglich, in dessen Haus sei dringend „eine Sitzung des Managements“ nötig. „Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Tod durch Chemikalien – das ist nicht verhandelbar. Und 15Cent pro Stunde und sofortige Kündigung bei Schwangerschaft sind menschenunwürdig.“ Unter Anspielung auf den Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh mit mehr als 1100 Toten vor eineinhalb Jahren sagte Müller, er habe nicht warten wollen, bis die nächste Fabrik einstürzt.

          Dass der Zeitraum für die Entscheidung, beizutreten oder nicht, zu knapp bemessen gewesen sei, bestreitet der Minister ebenfalls. Schließlich sei schon seit April über das Thema diskutiert worden. Nun hofft Müller auf Druck durch den Verbraucher. Denn der werde es nicht akzeptieren, dass die großen Konzerne nicht den Mut hätten, nach vorne zu gehen, ist er sich sicher. „Diejenigen, die die Standards nicht erfüllen wollen, müssen das am Markt erklären.“ Um den Verbrauchern die Übersicht zu erleichtern, plant Müller für 2015 ein Online-Portal, das über die vielen Textilsiegel aufklärt. Für die Bündnisteilnehmer soll es zudem ein eigenes Siegel geben: den grünen Knopf.

          Konkret verpflichten sich die Teilnehmer des Bündnisses dazu, in von ihnen selbst beauftragten Produktionsstätten der ersten Zulieferstufe auf existenzsichernde Löhne hinzuarbeiten und schädliche Chemikalien aus ihrer Lieferkette zu verbannen. Obwohl das schwierig ist, soll zunehmend auch auf weitere Zulieferer entlang der Lieferkette Einfluss genommen werden. Das Ziel: soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen. Solange aber die Platzhirsche der Branche nicht mitmachen, dürfte der Druck, der von Müllers Textilbündnis ausgeht, überschaubar bleiben.

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