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Entwicklungshilfe : Niebel setzt auf Kleinstkredite

  • Aktualisiert am

„Mikrokredite sind also ein urliberales Instrument”: Dirk Niebel Bild: ddp

Für seine erste öffentliche Rede als Entwicklungshilfeminister hatte Dirk Niebel schillernde Prominenz an seiner Seite: Der „Banker der Armen“, Muhammad Yunus trat gemeinsam mit Niebel auf. Kein Wunder, dass ein flammendes Bekenntnis zur Mikrofinanzierung folgte.

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          Während seines ersten großen öffentlichen Auftritts im Amt des Entwicklungshilfeministers hat Dirk Niebel (FDP) angekündigt, in der Entwicklungszusammenarbeit stark auf das Instrument der Mikrofinanzierung zu setzen. Bei einer Veranstaltung im Rahmen des Berlin-Besuchs des Friedensnobelpreisträgers und Kleinstkredit-Erfinders Muhammad Yunus, sagte Niebel, er halte Mikrofinanzierung für eine der kostengünstigsten und zugleich effizientesten Möglichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit und der Armutsbekämpfung.

          Dass auch arme Menschen Zugang zu Krediten erhalten, sei eine wichtige Voraussetzung für diese Bevölkerungsschichten, um sich aus eigener Kraft Wohlstand zu erarbeiten und frei leben zu können, sagte Niebel. „Mikrokredite sind also ein urliberales Instrument.“

          Niebel plädiert für Mikroversicherungen gegen Dürre und Missernten

          Unter Mikrokrediten versteht man kleinste Darlehen von oft nur 100 bis 200 Dollar, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern an arme Bevölkerungsschichten ausgegeben werden, die ansonsten keinen Zugang zu Bankdienstleistungen haben. Meistens dienen diese Kredite der Gründung von Kleinstunternehmen.

          Muhammad Yunus: Der Gründer des Mikrofinanz-Gedankens bekam 2006 den Friedensnobelpreis
          Muhammad Yunus: Der Gründer des Mikrofinanz-Gedankens bekam 2006 den Friedensnobelpreis : Bild: AFP

          Niebel kündigte an, er habe im Zusammenhang mit der Mikrofinanzbranche drei Hauptprobleme auf seine Minister-Agenda gesetzt: Die bessere Versorgung kleiner und mittlerer Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern mit Kapital, die Bekämpfung der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf das Kleinstkreditsystem und die Weiterentwicklung von Mikrofinanz-Instrumenten für den ländlichen Raum.

          Niebel beklagte insbesondere, dass für mittelkleine Unternehmen in Entwicklungsländern nicht genügend Zugang zu Krediten bestehe: Er denkt dabei insbesondere an Unternehmen, die gerade groß genug seien um einige wenige Angestellte zu beschäftigen: „Diese Betriebe sind zu groß um Mikrokredite zu erhalten und zu klein, um für die normalen Geschäftsbanken interessant zu sein. Doch gerade diese Unternehmen schaffen Arbeitsplätze“, sagte der Minister. Auch sie bedürften der Förderung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

          Zudem erklärte der neue Entwicklungshilfeminister, die Überwindung des Hungers in Drittweltländern bleibe oberstes Ziel. Kleinstkreditinstitutionen erreichten jedoch vor allem die Menschen in den Städten und machten der Landbevölkerung vielerorts noch zu wenig Angebote. „Die meisten Hungersnöte hingegen treffen vor allem die Menschen auf dem Land“, sagte Niebel. Er plädierte dafür, den Kleinstversicherungs-Sektor weiterzuentwickeln und Mikroversicherungen gegen Dürre, Überschwemmungen und Missernten auszuweiten.

          In der Krise überschulden sich auch Kleinstkreditnehmer

          Niebel wie auch Friedensnobelpreisträger Yunus betonten, durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise stehe auch der Markt für Mikrokredite in Entwicklungs- und Schwellenländern vor neuen Herausforderungen. „Die Krise führt auch in Entwicklungsländern dazu, dass Kleinstkreditnehmer sich überschulden“, erklärte Niebel. „Manche Mikrofinanzinstitutionen sind gar von Insolvenz bedroht.“ Yunus sagte, der neue Entwicklungshilfeminister habe eine „schwierige Rolle“ zu spielen

          Der frühere FDP-Generalsekretär Niebel war im Zuge der Koalitionsverhandlungen ganz überraschend zum Entwicklungshilfeminister gekürt worden, nachdem die FDP lange die Auffassung vertreten hatte, das Ministerium solle abgeschafft und die Entwicklungshilfeaufgaben ins Außenministerium integriert werden.

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