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Flüchtlinge : Milliardenrätsel Entwicklungshilfe

Hilfe sich selbst zu helfen: Wassergewinnung in Kenia Bild: Daniel Pilar

Die Förderbank KfW gibt den Entwicklungsländern so viel Geld wie nie. Doch helfen die Milliarden überhaupt, um Afrika voranzubringen und die Flüchtlingsströme einzudämmen?

          Norbert Kloppenburg präsentiert eine Erfolgsbilanz: 8,8 Milliarden Euro hat die nationale Förderbank KfW den Entwicklungs- und Schwellenländern im vergangenen Jahr zur Verfügung gestellt. „Das ist eine unglaubliche Steigerung“, sagte der KfW-Vorstand, als er am Dienstag in Frankfurt die Zahlen präsentierte. Die Zuschüsse und Finanzierungen, die zum Teil aus dem Bundeshaushalt stammen, waren damit um 2 Milliarden Euro höher als 2013. Diese „historisch höchste Summe“ sei eine gute Nachricht, denn „unseren Erfolg messen wir zum Teil an der Höhe der Zusagen“, betonte Kloppenburg, der seit mehr als drei Jahrzehnten in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Hunderttausende Flüchtlinge, die vor allem aus Afrika nach Europa drängen oder innerhalb des Kontinents vor Krieg und Verfolgung fliehen? Auch sie profitieren von dem Geld aus Deutschland, versichert Kloppenburg. Für 34 Projekte habe man im vergangenen Jahr zusätzlich 500 Millionen Euro (knapp 6 Prozent der Gesamtsumme) zugesagt, in erster Linie handele es sich um Nothilfe, etwa Nahrung und Trinkwasseranlagen in Auffanglagern im Libanon oder in Jordanien.

          In Krisenstaaten wie Libyen oder Irak könne man dagegen gar nicht oder nur vereinzelt aktiv werden. Mit zwei Dritteln fließt der mit Abstand größte Teil der KfW-Mittel in Projekte, die Klima- und Umweltschutz stärken sollen – zum Beispiel ein modernes Stromnetz in Indien oder das größte Solarkraftwerk der Welt in Marokko. Den Erfolg der Zahlungen kann Kloppenburg genau beziffern: 4,4 Millionen Menschen hätten durch das Engagement Zugang zu Bildung, 10,5 Millionen Tonnen CO2 seien eingespart worden.

          Wenn viel Geld tatsächlich viel Gutes bewirkt – müssten die reichen Industrienationen dann nicht noch viel mehr Geld als zuletzt knapp 0,3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes zur Verfügung stellen, um Afrika voranzubringen? Geht diese Rechnung auf?

          Kann das Geld sogar Schaden anrichten?

          William Easterly würde energisch mit dem Kopf schütteln. Der amerikanische Forscher ist einer der weltweit führenden Entwicklungsökonomen – und einer der schärfsten Kritiker westlicher Entwicklungshilfe. 600 Milliarden Dollar Hilfsgelder seien seit den sechziger Jahren nach Schwarzafrika geflossen, doch am Lebensstandard habe sich dadurch „praktisch nichts verändert“, prangerte er schon 2007 in einem Interview mit dieser Zeitung an. In den Folgejahren bis 2013 erhielt Afrika nach OECD-Angaben weitere 300 Milliarden Dollar. Vor kurzem sagte der Forscher, dass auch dieses Geld zu großen Teilen versandet und möglicherweise sogar Schaden verursacht hat, indem es unbeabsichtigt afrikanische Autokratien gefestigt habe. „Wir brauchen eine kopernikanische Wende in der Entwicklungshilfe“, ist Easterly überzeugt.

          Für die wahre Armutsursache in Afrika hält er die „unkontrollierte Macht des Staates über arme Menschen ohne Rechte“. Mehr politische und wirtschaftliche Freiheit seien der Schlüssel für neue Technologien, Handel und Geschäftsideen in Afrika, schreibt er in seinem jüngsten Buch, das der Forscher der New York University „Tyrannei der Experten“ genannt hat. Die Afrikaner selbst will er zu „spontanen Problemlösern“ machen. Die Hilfe der Fachleute aus dem Westen verurteilt Easterly als übergriffig und anmaßend. Seine Kritik hat auch deshalb Gewicht, weil Easterly selbst lange einer der Experten war, die er heute kritisiert. Viele Jahre arbeitete er für die Weltbank, eine der mächtigsten Organisationen der Entwicklungshilfe.

          Easterlys Thesen, die darauf hinauslaufen, die Entwicklungshilfe zu kürzen und zu konzentrieren, sind umstritten. Seit Jahren streitet er öffentlich mit Jeffrey Sachs, seinem größten Widersacher. Sachs, der ebenfalls in New York forscht, ist der geistige Vater der Millenniumsdörfer der Vereinten Nationen, in denen bestimmte Entwicklungsziele mit viel Geld exemplarisch umgesetzt werden. Sachs sieht darin ein Erfolgsmodell. Er plädiert dafür, die Entwicklungshilfe deutlich zu erhöhen und das Geld in länderübergreifenden Fonds zu sammeln. Wenn es besser kanalisiert werde, könne das Nebeneinander und Kleinklein der Staaten und Hilfsorganisationen beendet werden.

          Keine robusten, empirischen Belege  für nachhaltige Hilfe

          Nach mehr als 50 Jahren Entwicklungshilfe stehen die Forscher somit vor einem Rätsel. „Es gibt mehr als 200 Studien zu dem Thema, aber robuste empirische Belege dafür, dass Entwicklungshilfe das Wirtschaftswachstum nachhaltig fördert, gibt es nicht“, sagt Axel Dreher, der führende deutsche Entwicklungsökonom (Universität Heidelberg). Dreher will positive Effekte dennoch nicht gänzlich ausschließen. „Aber die Effekte können nicht sonderlich groß und stabil sein“, sagt er. In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Arbeit zeigte Dreher, dass hinter den Hilfsgeldern häufig politische Motive stecken.

          So hätten Industriestaaten ihre Zahlungen an Staaten erhöht, die zeitweise Macht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatten – und sich so politische Unterstützung gesichert. Dreher hält es zudem für möglich, dass selbst Projekte, die durchweg positiv evaluiert werden, zum Beispiel neue Brunnen oder Schulen, keinen nennenswerten Effekt haben. Denn möglicherweise hätten nationale Regierungen diese Projekte auch eigenständig durchgesetzt und würden durch die Hilfe einfach nur Geld sparen, das sie dann für weniger sinnvolle Dinge ausgeben. „Fungibilität“, nennen Ökonomen eine solche Verdrängung.

          KfW-Vorstand Kloppenburg sieht all das vollkommen anders. Wenn man auf die Lebenserwartung und Indikatoren zur Gesundheit schaue, dann habe sich in den vergangenen 30 Jahren „unglaublich viel verbessert“, sagt er. „Damals war ich in Burundi, heute leben die Menschen dort in einer viel besseren Situation“, sagt er. Vor allem südostasiatische Staaten wie Südkorea, die vor drei Jahrzehnten noch auf Hilfe angewiesen waren, seien auch dank der Entwicklungshilfe zu Wirtschaftsnationen aufgestiegen. Die Entwicklungshilfe zusammenzustreichen, hielte Kloppenburg für fatal. „Man würde eine oder zwei Generationen opfern, in der Hoffnung, dass dann aus dem Chaos heraus etwas Selbständiges entsteht.“

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