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Entwicklungshilfe : Chinas Zug nach Afrika

China hat Interessen und verfolgt sie - auch in Afrika Bild: picture-alliance/ dpa

China engagiert sich in Afrika, orientiert sich dabei aber am eigenen Nutzen, nicht an den ethischen und ökonomischen Kriterien westlicher Länder. Deutschland sollte überlegen, ob es China, das die größten Devisenreserven der Welt besitzt, weiter finanziell unterstützt.

          China ist in Afrika. Was Geographen nur als billigen Scherz durchgehen lassen können, gilt unter westlichen Entwicklungspolitikern als eine realistische Situationsbeschreibung. Kein Kongress, kein Treffen auf internationaler Ebene, auf dem nicht über die neue Rolle der Volksrepublik auf dem Schwarzen Kontinent debattiert wird.

          Fragen über Fragen werden gewälzt: Was treibt die Chinesen an, die selbst von Deutschland noch Entwicklungshilfe kassieren, sich ihrerseits in Afrika zu engagieren? Wie wirkt sich ihr Vorgehen auf den Schwarzen Kontinent aus? Darüber hinaus fragen sich die traditionellen Geber: Was heißt die neue Konkurrenz aus Fernost für ihre Arbeit - kann man seine Standards noch halten?

          Chinesen nehmen weniger Rücksichten

          Die Fakten sprechen für sich: China gehört mittlerweile zu den großen Gebern in Afrika, mit zuletzt 1,2 Milliarden Dollar rangiert das Reich der Mitte mit seiner bilateralen Hilfe sogar vor Deutschland. Anders als die Regierung in Berlin stemmen die Machthaber in Peking große Infrastrukturprojekte. Während die Deutschen Mikrokredite vergeben, Solaranlagen fördern oder Budgethilfe gewähren, bauen die Chinesen so handfeste Dinge wie Straßen, Schienenwege, Häfen, Kraftwerke und Staudämme. Sie machen das auch gleich selbst, die Zahl der chinesischen Entwicklungsarbeiter auf dem Kontinent wird auf 80.000 geschätzt. Die alten Geber trennen zwischen Projektgestaltung und Ausführung. Sie haben gelernt, dass die Lieferbindung für die Empfängerländer gravierende Nachteile hat: Sie ist teurer, schwieriger zu handhaben und verführt zu Techniken aus der Heimat, die am Zielort nicht gehandhabt werden können.

          Solche Rücksichtnahmen auf die Interessen der geförderten Länder nehmen die Chinesen nicht. Sie haben auch keine Scheu, wenig produktive Prestigeobjekte wie Regierungspaläste oder Sportstadien zu finanzieren. Ob die Investition wirklich produktiv ist, ob sie die Umwelt schädigt, ob sie den Armen im Land nützt - solch heikle Punkte blenden sie nach Einschätzung von Beobachtern aus dem Westen weitgehend aus. Inwieweit das so bedachte Land die ihm gewährten Kredite zurückzahlen kann, ist die zentrale Frage, die offenbleibt.

          Engagement nach anderen Kriterien

          Die Chinesen lassen sich auch von fragwürdigen Regierungspraktiken nicht schrecken. Anders als die herkömmlichen Geber aus den Reihen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koppeln sie ihre Gaben nicht an Kriterien wie Korruptionsbekämpfung oder die Sorge um das Wohlergehen der Bevölkerung. Ihr Verhalten ist häufig gegensätzlich zu dem der anderen Geber. Wenn sich die demokratischen Länder aus Zimbabwe zurückziehen, weil dessen selbstherrlicher Präsident Robert Mugabe das einst blühende Land systematisch heruntergewirtschaftet hat, stoßen die kapitalistischen Kommunisten in die Lücke. Sie bauten dem Machthaber in Harare nicht nur eine prunkvolle Residenz, sondern lieferten ihm auch Waffen. Im Gegenzug haben die Chinesen Zugriff auf die Kupfervorkommen des Landes bekommen.

          Das altruistische Entwicklungsmotto "Man gebe Hilfe zur Selbsthilfe", bekommt angesichts des chinesischen Vorgehens einen ganz neuen Klang. Mit seinen Krediten an die rohstoffreichen, aber gleichwohl armen Länder sichert sich das Land mit den hohen Wachstumsraten den Stoff, den es für sein weiteres Gedeihen braucht. So soll in Angola der Kauf von Erdöl mit einer zinsverbilligten Kreditlinie von zwei Milliarden Dollar verbunden gewesen sein, die zudem zwölf Monate später verdoppelt worden sein soll. Dazu passt, dass das chinesische Außenhandelsministerium federführend darüber entscheidet, welches Land welche Leistung erhält.

          Geschäfte mit Erfolg für China

          Für China dürften diese Geschäfte aufgehen: Man sorgt so für Versorgungssicherheit, schafft sich neue Absatzmärkte und erhält auf internationaler Ebene eine größere politische Unterstützung. Ob die afrikanischen Länder in gleichem Maß profitieren, kann indessen bezweifelt werden. Sie werden schon bald dafür bluten müssen, wenn das Geld aus China nicht produktiv eingesetzt wurde. Es wäre bitter, wenn der Schuldenerlass für die ärmsten Länder in kurzer Zeit durch neue Kredite gleichsam leerlaufen würde.

          Doch nicht nur diese Gefahr lauert in Afrika. Auch die alten Industrieländer wollen ihre Entwicklungsarbeit stärker auf Afrika konzentrieren, um dem Ziel näher zu kommen, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Da sie gleichzeitig ihre gesamten Entwicklungsmittel erheblich aufstocken wollen, dürfte Schwarzafrika allein aus diesen Quellen zweifach mehr zufließen. Nicht ohne Grund warnte der OECD-Entwicklungsausschuss jüngst davor, dass einige afrikanische Länder im Jahr 2010 in einem historisch einmaligen Maß von Entwicklungsmitteln abhängig werden dürften. Das Verhältnis von Hilfsausgaben zu Wirtschaftskraft lässt sich nicht unbegrenzt steigern, ohne dass die dauernde Fürsorge des Auslands den notwendigen Reformdruck in den Empfängerländern ausbremst. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Länder, die wie Tansania besonders intensiv gefördert worden sind, sich langsamer als andere Länder entwickelt haben.

          Die alten Geberländer werden sich entscheiden müssen, wie sie auf die chinesische Herausforderung in Afrika reagieren. Ihre gemeinsamen Grundsätze basieren auf entwicklungspolitischen Jahrzehnten von Versuch und Irrtum. Wenn sie an dem herkömmlichen Verständnis von Hilfe zur Selbsthilfe festhalten, dürfen sie ihre Standards nicht senken. Deutschland kann auch anders handeln. Es sollte die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit China, das mittlerweile die größten Devisenreserven der Welt besitzt, beenden. Es ist höchste Zeit.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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