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Zuwanderung : Eine Million Asylanträge sollen 2016 entschieden werden

Frank-Jürgen Weise Bild: dpa

Im Jahr 2016 sollen die Asylanträge zügiger bearbeitet werden, verspricht Migrationsamtschef Weise - auch um Flüchtlinge schneller auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Doch wie viele sind arbeitsfähig?

          Deutschland will seine Probleme bei der Bearbeitung der Asylanträge bis Ende des Jahres in den Griff kriegen. „Wir wollen dieses Jahr mehr als eine Million Entscheidungen fällen“, sagte Frank-Jürgen Weise, der Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), während einer Veranstaltung in Frankfurt. Die Zahl setze sich zusammen aus rund 370.000 angestauten Altanträgen, dazu kämen bis zu 400.000 Flüchtlinge, die schon länger in Deutschland lebten und die man ermutigen wolle, einen Antrag zu stellen. Zudem rechnet Weise mit 500.000 neuen Fällen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Vor allem der große Rückstau sei nicht hinnehmbar. „Das ist beschämend für Deutschland“, sagte der Behördenchef, der auch Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit ist. Weise räumte ein, dass dadurch in der Bevölkerung der Eindruck entstanden sei, „die Politik hat keinen klaren Plan“, wie sie mit den hohen Flüchtlingszahlen umgehen solle. Das Bamf sei mit dieser Aufgabe alleingelassen worden, und man habe dort die Dimension der Aufgabe zu spät erkannt. Mittlerweile habe man ein tragfähiges Konzept, sagte Weise. „Wir haben aber ein Jahr zu spät angefangen, sonst wäre das nicht in dem Ausmaß passiert.“ Das Personal der Behörde wird auf rund 6000 Mitarbeiter nahezu verdreifacht.

          „Wir verkürzen nur die unerträglichen Wartezeiten.“

          Künftig soll die Erstbetreuung durch Ärzte, Dolmetscher und Behörden in den neuen Ankunftszentren erfolgen. Nach den entsprechenden Anhörungen dort werde man in 50 Prozent der Fälle nach 48 Stunden über die Chancen auf Asyl entscheiden können, versicherte Weise. Bei den anderen 50 Prozent handele es sich um kompliziertere Fälle - etwa wenn keine Papiere vorlägen. Über sie befänden Asylfachleute in den ebenfalls neu einzurichtenden Entscheidungszentren. Derzeit sei man dabei, diese Zentren zu organisieren. „Wir wollen der Bevölkerung damit sagen: Es gibt keine Überflutung, und wir haben einen Plan.“

          Der oberste Flüchtlingsmanager des Landes widersprach dem Eindruck, durch das effizientere Verfahren würden Asylanträge weniger sorgfältig bearbeitet. „Wir verkürzen nur die unerträglichen Wartezeiten.“ Bis vor kurzem habe es bis zu einem halben Jahr dauern können, ehe der passende Dolmetscher zur Verfügung gestanden habe. Mittlerweile könne man dank technischer Anwendungen wie Skype die richtigen Übersetzer zuschalten.

          Warnung vor überzogenen Erwartungen

          Als Chef der Arbeitsverwaltung hat Weise auch im Blick, wie viele Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt drängen. „Zwischen 2013 und 2015 sind rund 1,5 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen“, sagte er. Davon seien geschätzt 1,2 Millionen im Land geblieben. Der Rest sei in andere Länder weitergezogen, auch Doppelzählungen seien keine Seltenheit. Bei einer Schutzquote von 55 Prozent ergäben sich 660.000 Bleibeberechtigte, von denen wiederum 460.000 im erwerbsfähigen Alter und gesund seien. „Das ist zu schaffen“, befand Weise, auch wenn es in den Ballungszentren schwierig werden könne. In Befragungen gebe die Hälfte der Flüchtlinge an, dass sie zurückgehen möchte, wenn sich die Lage in der Heimat gebessert hat. „Die Erfahrung spricht jedoch dagegen“, schränkte Weise ein. Die größte Integrationshürde stelle die Sprache dar, vor allem beim Schreiben. Für eine gelungene Integration müsse man sofort Angebote machen, nicht erst nach einem halben Jahr. Laut Studien seien bis zu 80 Prozent der Asylbewerber formal nicht qualifiziert. Viele verfügten aber über Berufserfahrung. „Wir probieren derzeit Methoden aus, wie man diese Kompetenzen am besten feststellen kann.“

          Weise rechnet damit, dass bis zu 15 Prozent der anerkannten Asylbewerber binnen eines Jahres Arbeit finden. Gleichzeitig steige aber jetzt schon die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe. Das werde sich verstärken. Er warnte vor überzogenen Erwartungen: Deutschland könne die Fachkräftelücke nicht mit Flüchtlingen schließen. Asyl sei ein humanitäres Anliegen.

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