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Entschädigung für Strauss-Kahn : IWF will im Juni neuen Direktor bestimmen

Trennungsentschädigung trotz Rücktritt: Dominique Strauss-Kahn Bild: dpa

Der zurückgetretene IWF-Chef Strauss-Kahn erhält 250.000 Dollar als Trennungsentschädigung. Für seine Nachfolge sammelt der IWF bis zum 10. Juni Vorschläge. Großbritannien stützt die Französin Lagarde als Kandidatin.

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          Der Internationale Währungsfonds (IWF) will bis Ende Juni einen neuen Geschäftsführenden Direktor gefunden haben. Das Exekutivdirektorium hat sich auf ein Auswahlverfahren geeinigt, das gegenüber den letzten Ernennungsverfahren verkürzt wurde. Bis zum 10. Juni nimmt der Fonds Vorschläge entgegen. Die Vorschlagsfrist für Kandidaten ist gerade lang genug für eine mögliche Kandidatur der französischen Finanzministerin Christine Lagarde. Denn bis zum 10. Juni muss auch der französische Cour de Justice de la Republique entscheiden, ob er ein Ermittlungsverfahren gegen Lagarde in der sogenannten Tapie-Affäre einleitet. Lagarde wird vorgeworfen, ihre Stellung als Ministerin zugunsten des Geschäftsmanns Bernard Tapie missbraucht zu haben. Sie bestreitet die Vorwürfe. Das Risiko eines Ermittlungsverfahrens müsse ausgeschlossen sein, bevor die EU sich auf Lagarde einigen könne, hieß es zuletzt in Brüssel und in Berlin.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Am Sonntag erklärte der britische Schatzkanzler George Osborne, Großbritannien werde Lagarde als IWF-Kandidatin unterstützen. „Sie ist die beste Person für die Aufgabe“, sagte Osborne. Persönlich denke er auch, dass es gut sei, den ersten weiblichen IWF-Chef zu bestimmen. Auch andere europäische Staaten wie Italien, Schweden und Luxemburg haben sich schon hinter die Französin gestellt. Eine innereuropäische Einigung aber steht noch aus. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte am Wochenende abermals Lagardes Qualitäten. Ihre Äußerungen seien aber „keine Bestätigung einer Kandidatur“, sagte sie. „Mit Christine Lagarde, so sie sich dann entscheidet zu kandidieren, hätte Europa beste Chancen, den Posten wieder zu besetzen“, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble der Zeitung „Bild am Sonntag“.

          Nach Leistung und nicht nach Nationalität

          Mexiko erwägt nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, seinen Zentralbankgouverneur Agustín Carstens als Kandidaten vorzuschlagen. Brasilien, das unter den Schwellenländern am lautstärksten für einen Geschäftsführenden Direktor aus dieser Ländergruppe eintritt, signalisierte indes, dass es auch mit einem Europäer an der IWF-Spitze leben könne. Finanzminister Guido Mantega sagte, man könne gute Kandidaten in Schwellen- oder entwickelten Ländern, wie in der Europäischen Union, haben. „Wichtig ist, dass der neue IWF-Direktor die von Strauss-Kahn gemachten Reformen bei der Demokratisierung des Fonds fortsetzt.“ Mantega lobte Lagarde, aber auch den Inder Montek Singh Ahluwalia.

          In Europa beliebt: Christine Lagarde
          In Europa beliebt: Christine Lagarde : Bild: dapd

          Die Finanzminister von Australien und Südafrika, Wayne Swan und Pravin Gordhan, forderten am Sonntag gemeinsam, dass der neue IWF-Chef nach Leistung und nicht nach Nationalität ausgesucht werden solle. Die Minister, die einer Arbeitsgruppe der G20 vorstehen, bezeichneten die Tradition, nach der ein Europäer den IWF leite, als überholt.

          Bislang zeichnet sich nicht ab, dass die Schwellenländer sich auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen werden. China hält sich mit Kandidatennamen zurück. Thailand und die Philippinen haben den Finanzminister Singapurs, Tharman Shanmugaratnam, ins Spiel gebracht. Er steht seit April dem Lenkungsausschuss des IWF vor und wird allseits für seine gute Arbeit gepriesen. Die Vereinigten Staaten hatten erklärt, sie würden Kandidaten unterstützen, die die breite Unterstützung der Fondsmitglieder erhalten. Sollte es mehrere Kandidaten geben, will der IWF bis spätestens Mitte Juni ohne geographische Vorlieben eine Liste von drei Kandidaten zusammenstellen, die veröffentlicht wird. Das Exekutivdirektorium strebt an, sich nach Anhörungen dieser Bewerber dann bis Ende Juni im Konsens auf den neuen IWF-Chef zu einigen. Der gesamte Prozess würde damit sechs Wochen dauern, fünf Wochen weniger als 2007 bei der Ernennung des zurückgetretenen Dominique Strauss-Kahn.

          Strauss-Kahn erhält 250.000 Dollar

          Der zurückgetretene Geschäftsführende Direktor des IWF, Dominique Strauss-Kahn, erhält nach Angaben des IWF eine vertraglich zugesicherte Trennungsentschädigung von 250.000 Dollar. Jährlich steht ihm zudem eine ergänzende Pensionszahlung in Höhe von rund 65 Prozent seiner regulären Rentenansprüche zu, wie aus seinem Dienstvertrag hervorgeht. Derzeit sind das rund 40.000 Dollar. Sein steuerfreies Jahressalär lag zuletzt bei rund 450.000 Dollar, hinzu kamen rund 80.000 Dollar „für einen angemessenen Lebensstil“. Zum Vergleich: Der amerikanische Präsident Barack Obama verdient 400.000 Dollar im Jahr, die er im Gegensatz zu IWF-Mitarbeitern versteuern muss. Diese Details offenbaren, dass der IWF Arbeitsverträge nach anderen Kriterien gestaltet, als er dies arbeitsmarktpolitisch empfiehlt: Schon im Alter von 62 Jahren steht Strauss-Kahn wie jedem Fondsmitarbeiter voller Anspruch auf Pensionsleistungen zu, die er durch Einzahlungen in den Rentenfonds erwarb. Sein Gehalt wurde per Vertrag jährlich an die Inflationsentwicklung im Großraum Washington angepasst. In seinen Kreditprogrammen lehnt der IWF Inflationsindexierungen üblicherweise im Interesse flexibler Arbeitsmärkte ab. pwe.

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