https://www.faz.net/-gqe-7ial3

Energiewende : Grünen-Vordenker will Ökostrom-Subventionen deckeln

  • -Aktualisiert am

An guten Standorten für Windräder sollen 6 Cent Förderung reichen. Bild: Lüdecke, Matthias

Neun Cent Förderung für neue Ökostromanlagen sind genug, sagt der Chef der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende, Rainer Baake. Das wäre das Ende für neue Biogasanlagen, könnte aber die EEG-Umlage stabilisieren.

          Als grüner Umweltstaatssekretär hat Rainer Baake im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mitgeschrieben. Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. 13 Jahre und viele Dutzend Ökostrom-Fördermilliarden später, nun als Chef der Umwelt-Denkfabrik Agora Energiewende, schreibt er wieder eine EEG-Reform. Baake weiß, dass er sich abermals den Zorn vieler zuziehen wird – diesmal von der anderen Seite.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Denn um die Rolle des Ökostroms in der Energiewende und seine Bezahlbarkeit langfristig zu sichern, will er dessen Förderung ändern – und kürzen. Maximal 8,9 Cent die Kilowattstunde solle es für neue Anlagen geben. An guten Windstandorten reichten sogar 6 Cent. Der Vergleich mit den aktuellen Fördersätzen macht die Dramatik der „grundsätzlichen Vergütungsobergrenze“ deutlich: Für neue Windanlagen an Land gibt es 9 bis 10 Cent je Kilowattstunde, für Photovoltaik 10 bis 14 Cent, Windanlagen auf See bekommen bis zu 18 Cent, Biogasanlagen je nach Anlage bis zu 25 Cent, Geothermie sogar 30 Cent.

          Baake will den Ausbau der Stromerzeugung auf See drosseln

          Baake hat seinen Vorschlag für eine Fördergrenze von 9 Cent für Neuanlagen nicht aus der Luft gegriffen. Er hat durchrechnen lassen, welcher Kraftwerkstyp zu welchen Kosten Strom produzieren kann. Fazit: „Egal ob Kohle, Gas, Wind oder große Photovoltaik-Anlagen: Die Stromerzeugung aus neuen Anlagen kostet etwa 8 bis 9 Cent die Kilowattstunde.“ Daraus zieht er den Schluss: „Wenn wir uns beim weiteren Ausbau auf die kostengünstigen Erneuerbaren konzentrieren, dann sind die Stromkosten nicht höher, als wenn wir Kohle- und Gaskraftwerke bauen.“ Nur mit dem Unterschied, dass Erneuerbare bei der Elektrizitätsproduktion kein Kohlendioxid freisetzen.

          Im Kern laufe das „EEG 2.0“ auf eine Konzentration auf Wind- und Sonnenstrom hinaus, erläuterte Baake dieser Zeitung das Konzept. Hier seien weitere Kostensenkungen möglich, so dass Investoren mit 9 Cent über die Runden kämen. Biogas oder Geothermie wären aus dem Rennen: zu teuer.

          Drosseln will der frühere Grünen-Politiker auch den Ausbau der Stromerzeugung auf See. Der ist nicht nur besonders teuer, sondern hat mit technischen und ökologischen Widrigkeiten zu kämpfen und hinkt den Ausbauplänen hinterher. Nur die bis 2016 fertiggestellten Parks sollen die aktuelle Förderung bekommen. Danach sollen 500 Megawatt Neubau zu 14 Cent je Kilowattstunde im Jahr ausgeschrieben werden. Am Ende würden damit bis zum Jahr 2020 Windparks mit 6000 MW Leistung installiert, nicht einmal die Hälfte der im Leitszenario der Regierung ausgewiesenen 13000 MW. Neuanlagen sollen Strom künftig direkt vermarkten. So soll vermieden werden, dass in Überschusssituationen bei „negativen“ Strompreisen Elektrizität eingespeist wird.

          Mit dem Konzept würde der Ausbau regenerativer Energien nicht abgewürgt, ist sich der Chef der von zwei Stiftungen mit 12 Millionen Euro finanzierten Agora sicher. Im Gegenteil: Falls der als notwendig erachtete Zubau von je 3000 MW Leistung Wind- und Sonnenstrom im Jahr überschritten würde, soll die jährlich sinkende Förderung für Neuanlagen stärker reduziert werden. Hürden für die Photovoltaik wie der „Förderdeckel“ von 52 Gigawatt, Zoll auf Anlagen aus China und die Begrenzung von Freiflächenanlagen auf Autobahn-Randstreifen sollten weg.

          Streichen will Baake auch allerlei Begünstigungen vor allem für große Stromverbraucher. Einerseits sollen die Ausnahmen von der EEG-Umlage zusammengestrichen werden, was 750 Millionen Euro ausmachen würde. Andererseits will er den Mindestbeitrag für die bevorzugten Industrieverbraucher von heute 0,05 Cent auf 0,5 Cent je Kilowattstunde anheben, was 450 Millionen Euro in die EEG-Kassen spülen würde. Baake begründet das damit, dass die Großkunden von dem wegen des Ökostromangebotes gesunkenen Börsenstrompreis profitierten.

          Mit den Eigenerzeugern von Elektrizität will er eine rasant wachsende Gruppe in die Finanzierung von Umlagen und Netzentgelten einbeziehen. Oft würden Betriebe nur in die Eigenerzeugung investieren, weil sie diese Kosten vermeiden wollten. Würden sie an der EEG- und Netzfinanzierung beteiligt, brächte das bis zu 3 Milliarden Euro ein und würde den Druck auf die Umlage mildern. Das Modell könnte im ersten Halbjahr 2014 verabschiedet und Anfang 2015 in Kraft gesetzt werden, sagt Baake. Einen angenehmen Nebeneffekt verspricht er auch: „Ein so radikal vereinfachtes EEG 2.0 würde die EEG-Umlage in den nächsten Jahren auf dem für 2014 erwarteten Niveau von 6,3 Cent stabilisieren.“

          Öffnen

          Rund liefe die Energiewende damit immer noch nicht. Und das immer größer werdende Problem der Versorgungssicherheit wäre auch damit nicht behoben: Klassische Kohle- oder Gaskraftwerke, die immer zur Verfügung stehen, lohnen den Betrieb nicht, weil viel Sonnen- und Windstrom im Netz ist, der witterungsabhängig und damit nicht sicher verfügbar ist.

          Während Umweltverbände und Energiewirtschaft hier bereits mit eigenen Modellen für „Kapazitätsmärkte“ oder „Versorgungssicherheitszertifikate“ für Reformen werben, ist die Agora Energiewende zurückhaltend. Anders als beim EEG empfiehlt Baake hier keine Schnellschüsse, sondern einen über zwei Jahre angelegten Debattenprozess. An dessen Ende könnte ein Gesetz stehen, das 2018 in Kraft tritt. Früh genug, um etwaige Versorgungsengpässe im kommenden Jahrzehnt zu beheben.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.