https://www.faz.net/-gqe-7gwnl

Energiewende : Die zwei Gesichter der Claudia K.

In der Öffentlichkeit erscheint die Energieökonomin Kemfert als Überfliegerin, in der Wissenschaft ist sie umstritten

          Das Gesicht, das Claudia Kemfert in der Öffentlichkeit präsentiert, hat fast jeder Deutsche schon gesehen: In Fernseh-Talkshows, Zeitungsinterviews und als Rednerin auf Konferenzen gibt die Berliner Ökonomin die hartnäckige Vorkämpferin der Energiewende. Sie, die junge Forscherin, wagt es, sich mit den mächtigen Kohlekonzernen anzulegen und mit deren „Mythen“ aufzuräumen. Zu ihren unbestrittenen Fähigkeiten gehört es, Dinge schlagzeilentauglich auf den Punkt zu bringen. Sie geht mit prägnanten Prognosen an die Öffentlichkeit. Die Solarenergie ist, nach der Pleite mehrerer Solarfirmen, am Ende? „Nein, am Anfang!“, schreibt die 44 Jahre alte Abteilungsleiterin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin im jüngsten Bericht des Instituts. Seit einiger Zeit strebt Kemfert auch in die Politik: Vergangenes Jahr stellte sie sich für das nordrhein-westfälische Schattenkabinett des dann gescheiterten CDU-Umweltministers Norbert Röttgen zur Verfügung. Nun ist sie vom hessischen SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel im Falle seines Wahlsiegs am 22. September als Koordinatorin in der Staatskanzlei für die Energiewende vorgesehen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Kemfert argumentiert mit der Autorität einer akademischen Karriere, die über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint. Gerade promoviert, stieg die gebürtige Delmenhorsterin an der Universität Oldenburg zur Juniorprofessorin auf. Nur vier Jahre später wechselte sie nach Berlin: 2004 übernahm sie das DIW-Ressort für Klima, Verkehr und Umwelt, zudem eine Sonder-Professur für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität. Kemfert veröffentlichte zahlreiche Papiere, in denen sie auf komplizierte mathematische Gleichgewichtsmodelle zurückgreift, und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Gemeinsam mit anderen DIW-Forschern schafft Kemfert es in Fachjournale, in der Begutachtung des DIW im Jahr 2012 durch die Leibniz-Gesellschaft wird Kemfert gelobt: „Es gelang der Leiterin, neue und wissenschaftlich sehr qualifizierte junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen.“

          Angesichts der Karriere im Eiltempo ist erstaunlich, wie angekratzt Kemferts Ruf in der Wissenschaft ist. Äußern sich Forscher sonst zurückhaltend über Arbeiten eines Kollegen, so sprudelt es aus vielen Wissenschaftlern nur so heraus, werden sie auf Kemfert angesprochen. Aus den Aussagen früherer Kollegen, Führungskräften energieökonomischer Forschungsinstitute und international erfolgreicher Ökonomen ergibt sich das Bild einer Frau, die die Fachwelt zuallererst mit dem Drang nach Öffentlichkeit, nicht mit wissenschaftlicher Reputation assoziiert.

          Mehrere Forscher werfen Kemfert vor, ihre Position in der zentralen Frage der Atomenergie opportunistisch verändert zu haben. „Wenn man nun überstürzt rasch und unüberlegt aus der Kernenergie aussteigt, droht die Gefahr, dass man jede Menge neue Kohlekraftwerke baut und damit die Klimaziele in Gefahr geraten“, sagte sie noch im März 2011, einige Tage nach dem Atomunglück in Fukushima. Heute klingt das ganz anders: „Es gibt keinen Grund zur Panik wegen der abgeschalteten Meiler“, schreibt Kemfert in ihrem vor einigen Monaten erschienenen Buch „Kampf um Strom“. Kemfert beharrt darauf, dass sich ihre Position nicht gewandelt habe. „Ich war nie eine Befürworterin der Atomkraft“, sagt sie, „es war mir nur darum gegangen, dass es früher besser gewesen wäre, ausschließlich im Einsatz befindliche Atomkraftwerke vorübergehend laufen zu lassen, um den starken Zubau neuer Kohlekraftwerke zu verhindern.“ Ein Forscher, der inhaltlich in vielen Fragen ähnliche Positionen wie Kemfert vertritt, sagt: „Ihr Meinungswechsel ist atemberaubend, das ist fein ausbalancierter Opportunismus.“ Und Kemferts Doktorvater, der emeritierte Oldenburger Professor Wolfgang Pfaffenberger, kritisiert: „Die Geschwindigkeit, in der sie Thesen zu wichtigen Themen geändert hat, hat mich schon verwundert“.

          Für Kopfschütteln in der Fachwelt hat auch Kemferts Hang zu gewagten Prognosen gesorgt - etwa zum Ölpreis. [...] Kemfert bestreitet, jemals [...] genaue Voraussagen getroffen zu haben, sie fühlt sich missverstanden und verkürzt dargestellt: „Eine präzise Vorhersage über die genaue Höhe des Ölpreises zu einem jeweiligen Zeitpunkt ist nicht möglich, es handelt sich um wissenschaftliche Szenarien über mögliche Ölpreisentwicklungen.“ Schon damals hat das DIW mit einer Stellungnahme reagiert. Ein einmaliges Missverständnis? Dazu passt nicht, dass sie noch 2009 damit zitiert wurde, dass eine Verdopplung des Ölpreises „nicht unwahrscheinlich ist“.

          An der Humboldt-Universität schied sie unter nicht ganz glücklichen Umständen aus. Es habe „großen Unmut“ und Enttäuschung bei interessierten Studenten gegeben, dass sie die Teilnehmerzahl für ihr Seminar auf 30 Personen beschränken musste, gibt Kemfert zu. Aber auch in der Professorenschaft gab es große Vorbehalte gegen sie. Nach Ende ihres Vertrages 2009 habe sich die Fakultät entschieden, sie nicht länger als Professorin zu beschäftigen, so ein Humboldt-Forscher. Kemfert dagegen begründet ihren Wechsel an die Hertie School of Governance mit der Möglichkeit dort mit „hoch qualifizierten und motivierten Studierenden aus allen Ländern der Welt zu lehren“. Das sei für sie inhaltlich „sehr attraktiv.“

          Man könnte manche Bemerkungen als Zeichen von Neid und Missgunst gegen eine Frau abtun, die es in der männerdominierten Forscherwelt weit gebracht hat - und eine Meinung vertritt, die vielen nicht passt. Doch wenn beispielsweise der eigene Doktorvater darauf hinweist, auf Kemferts DIW-Website sei anfangs fälschlicherweise den Eindruck erweckt worden, sie habe an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford und nicht in Oldenburg promoviert, dann gehört all das zum anderen Gesicht der DIW-Forscherin, das öffentlich kaum wahrgenommen wird. Kemfert spricht von einer „verkürzten und damit missverständlichen Formulierung“, die schon „im Jahre 2004“ korrigiert werden konnte.

          Johannes Pennekamp

          Weitere Themen

          Untersuchung von Tech-Konzernen angekündigt Video-Seite öffnen

          Amerikanische Justiz : Untersuchung von Tech-Konzernen angekündigt

          Die amerikanische Regierung kündigte Untersuchungen in die Wettbewerbspraktiken einiger großer Technologie-Unternehmen an. Sollten Gesetzesverstöße festgestellt werden, werde man "entsprechend handeln", hieß es am Dienstag in einer Erklärung des Justizministeriums in Washington.

          Topmeldungen

          Der radikale Konzernumbau der Deutschen Bank führt zu Milliardenverlusten im zweiten Quartal 2019.

          In drei Monaten : Die Deutsche Bank macht 3,1 Milliarden Euro Verlust

          Das größte und wichtigste deutsche Kreditinstitut will und muss sich radikal verändern. Die Belastungen durch den Umbau des Konzerns führen zu tiefroten Zahlen. Besonders betroffen ist die einst bedeutendste und berüchtigtste Sparte des Unternehmens.

          Anhörung von Robert Mueller : Der unfreiwillige Zeuge

          Ende März präsentierte Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht zur möglichen Wahlkampf-Affäre Trumps aus dem Jahr 2016. Jetzt muss er dazu im Kongress aussagen. Donald Trump spielt den Termin herunter, als sei es eine reine Formalität.
          Donald Trump gratuliert am Dienstagabend dem neuen amerikanischen Verteidigungsminister Mark Esper.

          Amerikas Verteidigungsminister : Ein Mann der Truppe

          Mark Esper ist mit überwältigender Mehrheit im Amt des amerikanischen Verteidigungsministers bestätigt worden. Die Gegenstimmen kamen im Senat vor allem von demokratischen Wahlkämpfern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.