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Energieversorgung : Russischer Gaslieferstopp bedroht EU

Dreht Russland den Gashahn zu? Der Winter naht und Europa blickt gen Osten. Bild: AFP

Nach dem Ergebnis des Stresstests hofft Kommissar Oettinger auf Solidarität der EU-Staaten und eine schnelle Einigung im Gasstreit. Wie realistisch ist das?

          3 Min.

          Als Russland am 16. Juni im Streit mit der Ukraine die Gaslieferungen einstellte, sahen darin nur wenige in Europa eine unmittelbare Bedrohung. Die Gasspeicher waren gut gefüllt, der Winter weit entfernt. Zudem schien nicht ausgemacht, dass die Unterbrechung der Lieferungen an die Ukraine wie 2009 Lieferausfälle für die EU nach sich ziehen würde. Dennoch beauftragten die Staats- und Regierungschefs die Europäische Kommission Ende Juni damit, die EU-Gasversorgung einem Stresstest zu unterwerfen. Am Donnerstag präsentierte EU-Energiekommissar Günther Oettinger das Resultat in Brüssel. Das hat es in sich: Dreht Russland der EU den Gashahn zu, müssten im schlimmsten Fall Millionen frieren. Der Gaspreis stiege stark, und die Industrie müsste die Produktion zurückfahren.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Wie stark ein russisches Embargo die EU träfe, hängt nach Angaben der Kommission vor allem davon ab, ob die Mitgliedstaaten miteinander kooperieren. Im Winter 2009, als Russland für nicht einmal zwei Wochen die Lieferung von Gas an die Ukraine einstellte, gelang das nicht. Darunter litten vor allem Bulgarien und die Slowakei. Nach dem Stresstest-Szenario der EU-Kommission – einem sechs Monate dauernden kompletten Lieferstopp – wäre vor allem Estland betroffen. Wenn es kein Gas von anderen Staaten bekäme, hätte das Land nach nur fünf Tagen nicht einmal mehr genug Gas, um Krankenhäuser und Privathaushalte zu versorgen. Ähnlich stark wären ebenfalls in der EU Bulgarien und Finnland betroffen. Beide beziehen faktisch ihr gesamtes Erdgas aus Russland. Finnland kann seine Versorgung aber immerhin relativ leicht auf andere Energieträger, vor allem Biomasse, umstellen. Die Slowakei ist heute weniger abhängig vom russischen Gas als noch 2009.

          „Niemand in der EU muss frieren, wenn wir Solidarität zeigen“: Günther Oettinger

          Unterbräche Russland nur die Lieferungen durch die Ukraine, müssten Finnland und die baltischen Staaten keine Engpässe fürchten. An der Lage in Südosteuropa änderte sich nichts. Deutschland wäre trotz des Ausfalls der Lieferungen durch die Nord-Stream-Pipeline nicht spürbar betroffen. Ändern würde sich das, wenn die EU-Länder zusammenarbeiten. Dann hätte Norddeutschland ebenso wie Österreich oder Italien knapp 10 Prozent weniger Gas zur Verfügung. Andererseits ließe sich durch Gaslieferungen von West nach Ost oder Süd nach Nord die Situation in den anderen EU-Staaten so weit abmildern, dass zumindest die Haushalte und wichtige Einrichtungen geheizt werden könnten. „Niemand in der EU muss frieren, wenn wir Solidarität zeigen“, sagte Oettinger. Er zeigte sich überzeugt, dass das gelingen würde. Der Stresstest sei ein erster Schritt dahin. „Wir zeigen unseren russischen Partnern, dass es keinen Sinn macht, Gas als politische Waffe einzusetzen, weil wir vorbereitet sind“, sagte er.

          Die Speicher der Ukraine sind nur zur Hälfte voll

          Die Industrie müsste allerdings auch im Falle einer funktionierenden Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten in den stark betroffenen Ländern mit Lieferengpässen oder einem Lieferstopp rechnen. Keine genauen Angaben machte die EU-Kommission dazu, wie stark der Gaspreis durch das Sechs-Monats-Embargo steigen würde. Das sei nicht Kern des Stresstests gewesen, hieß es dazu aus der Kommission. In der EU-Behörde würde jedoch als Richtwert auf Schätzungen der Internationalen Energieagentur zu den Folgen eines russischen Lieferstopps auf den Weltmarktpreis für Flüssiggas verwiesen. Diese geht davon aus, dass sich der Preis verdoppeln könnte.

          Grundsätzlich ist die EU nach Angaben der Kommission in der Lage, das russische Gas auch kurzfristig weitgehend durch Lieferungen aus anderen Quellen zu ersetzen. Würde Russland gar kein Gas mehr liefern, fehlten von September bis Februar knapp 22 Prozent der benötigten Menge in der EU und den Nachbarstaaten. Davon könne die EU ein Drittel durch Flüssiggas, 20 Prozent aus Gasspeichern, 13 Prozent von Norwegen und 4 Prozent durch eigene Produktion abdecken. Die Gasspeicher der EU sind momentan mit knapp 90 Prozent gut gefüllt. Die Speicher der Ukraine sind hingegen nur etwa zur Hälfte voll. Das ist nach früheren Angaben der Kommission zu wenig, um sicherzustellen, dass es im Winter zu keinen Unterbrechungen im Gastransit kommt.

          Letztlich geht die Kommission aber davon aus, dass es zu gar keiner Unterbrechung der Lieferungen aus Russland kommt. Er sei verhalten optimistisch, dass sich Russen und Ukrainer schon in der kommenden Woche auf eine Lösung für den zwischen beiden Ländern schwelenden Gasstreit einigen könnten, sagte der Energiekommissar. Dann wollen sich die zuständigen Energieminister sowie die Chefs der Konzerne Gasprom und Naftogas in Brüssel treffen, um über ein Kompromisspaket für den Winter zu verhandeln. Im Anschluss soll Russland die seit Mitte Juni unterbrochenen Gaslieferungen an die Ukraine wiederaufnehmen. Das Kompromisspaket sieht vor, dass die Ukraine einen großen Teil der Gasschulden an Russland sofort zahlt. Der ebenfalls umstrittene Preis soll 385 Dollar je 1000 Kubikmeter betragen. Russland verlangt bisher 485 Dollar. Bis Anfang April hatte es noch 268 Dollar berechnet.

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