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Energieversorgung : Gas-Streit erreicht Deutschland

  • Aktualisiert am

Kein Druck mehr auf der Gasleitung in der Ukraine Bild: REUTERS

Der Gas-Streit zwischen der Ukraine und Russland hat nun erstmals auch Auswirkungen auf deutsche Versorger. Die Gaskunden müssen nach Angaben der Energiewirtschaft aber nicht im Kalten sitzen: Die Speicher seien gut gefüllt. Die EU hat gegen die jüngsten Lieferausfälle protestiert. Die Situation sei völlig inakzeptabel.

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          Mit der Eiseskälte trifft der russisch-ukrainische Gasstreit auch die Bundesrepublik. Deutschlands größter Gasimporteur Eon Ruhrgas erwartete noch für den Dienstag den vollständigen Ausfall der Gaslieferungen, die bislang von Russland über die Ukraine an die deutsche Grenzlieferstation Waidhaus gepumpt wurden. Bereits am Morgen seien die Lieferungen massiv eingeschränkt worden. Auch Konkurrent Wingas berichtete von Mengenkürzungen bei den Lieferungen.

          Die deutschen Verbraucher müssen nach Angaben der Gasindustrie dennoch vorläufig nicht mit Problemen rechnen. Nach Angaben des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie reichen die Speicherkapazitäten in Deutschland für rund 40 Wintertage. Allerdings schränkte Eon Ruhrgas Chef Bernhard Reutersberg ein: „Auch unsere Möglichkeiten stoßen an ihre Grenzen, wenn diese drastischen Lieferkürzungen anhalten und die Temperaturen weiterhin auf sehr niedrigem Niveau bleiben.“
          Die Türkei, Rumänien, Griechenland und andere Balkanstaaten wie Kroatien meldeten bereits einen völligen Stopp der über die Ukraine bezogenen russischen Gaslieferungen.

          Lieferausfälle können kurzfristig ausgeglichen werden

          Russland liefert nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft etwa 37 Prozent des in Deutschland benötigten Erdgases. 26 Prozent kommen aus Norwegen, 18 Prozent aus den Niederlanden, 15 Prozent aus deutschen Quellen, vor allem im Norden der Bundesrepublik. 4 Prozent stammen aus
          Dänemark, Großbritannien und anderen Ländern.

          Um die derzeitigen Lieferausfälle aus Russland auszugleichen, könnten die Erdgasmengen aus anderen Ländern wie Norwegen oder den Niederlanden kurzfristig teilweise erhöht werden. „Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die Erdgaslieferungen über andere Transportwege zu erhöhen“, sagte der Geschäftsführer des
          Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Martin Weyand, am Dienstag in Berlin. Deutschland verfüge mit seinen 46 Erdgasspeichern über die höchste Erdgas-Speicherkapazität in Europa. Die Speicherkapazitäten entsprächen fast einem Viertel des Jahresverbrauchs 2007.

          EU: Liefereinschränkungen inakzeptabel

          Die EU reagierte mit Empörung auf die Einschränkung der Gaslieferungen an ihre Mitgliedsstaaten. Der Lieferstopp sei „ohne vorherige Warnung und in klarem Widerspruch zu den Zusicherungen der höchsten Verantwortlichen in Russland und der Ukraine“ erfolgt, kritisierten die EU-Kommision und die tschechische Ratspräidentschaft in einer gemeinsamen Erklärung. „Diese Situation ist inakzeptabel.“ Die EU forderte eine sofortige Wiederaufnahme der Lieferungen.“

          Russland und die Ukraine machten sich wechselseitig für die Lieferengpässe verantwortlich. Nach Angaben des ukrainischen Gasunternehmens Naftogaz hat Russland seine Erdgaslieferungen in die EU-Länder um etwa zwei Drittel gekürzt. Russland beschuldigte dagegen die Ukraine, für die Versorgungsengpässe verantwortlich zu sein. Trotz der Eskalation des Konflikts gab es keine Hinweise auf direkte Kontakte zwischen der Ukraine und Russland.

          Stattdessen wurde der stellvertretende Gazprom-Chef Alexander Medwedew in Berlin erwartet, wo er der Bundesregierung die Situation aus der Sicht von Gazprom erläutern wollte. Europa bezieht normalerweise ein Viertel seines Erdgases vom russischen Gazprom-Konzern.

          Etwa 80 Prozent des russischen Erdgases wird normalerweise durch die Ukraine transportiert. Deutschland und Polen beziehen russisches Gas auch über
          die Jamal-Pipeline, die durch Weißrussland verläuft. Die Transportkapazität der Leitung beträgt aber nur ein Viertel der ukrainischen Leitung. Die dritte Exportstrecke ist die Blue-Stream-Pipeline. Sie verläuft durch das Schwarze Meer in die Türkei. Gazprom hat im Zuge des Gasstreits die Exporte über die Blue-Stream- und die
          Jamal-Leitung erhöht.

          Türkei sucht nach alternativen Bezugsquellen

          Nach Angaben des bulgarischen Energieministeriums waren die russischen Gaslieferungen an die Türkei, Bulgarien, Griechenland, Mazedonien und Rumänien bereits in der Nacht zum Dienstag allmählich zurückgegangen. Gegen 2.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit habe die Ukraine dann aufgehört, Gas durch die Pipelines zu pumpen, berichtete Rumäniens Gasnetzgesellschaft Transgaz.

          Der türkische Energieminister Hilmi Guler erklärte, das Land bemühe sich die Versorgung aus anderen Quellen sicherzustellen. Bulgariens Piplinebetreiber Bulgargaz erklärte, die Reserven des Landes reichten für einige Tage.

          Der russische Gazprom-Konzern hatte am Montagabend angekündigt, er werde die für die EU bestimmten Lieferungen durch die Ukraine einschränken. Dies sei ein Ausgleich dafür, dass die Ukraine für die EU-Staaten bestimmtes Gas aus den Pipelines entnommen habe. Gazprom hatte seine Gaslieferungen an die Ukraine am 1. Januar eingestellt, für die EU bestimmtes Gas aber weiter durch Pipelines auf ukrainischem Territorium geleitet.

          Auswirkungen des Gasstreits auf einzelne Länder in Europa

          Deutschland: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft versicherte, dass sich die Verbraucher keine Sorgen machen müssten. Die Gasspeicher seien gut gefüllt. Die größte deutsche Ferngasgesellschaften verzeichneten aber einen deutlichen Rückgang der Lieferungen. Die Schwierigkeiten würden aber nicht zu Versorgungsengpässen für deutsche Kunden führen.

          Österreich: In Österreich griff der Gaskonzern OMV auf seine Reserven zurück, nachdem nur noch zehn Prozent der üblichen Mengen aus Russland ankamen. OMV zufolge hatte Gazprom einen Rückgang auf 30 bis 40 Prozent angekündigt.

          Slowenien: Auch in Slowenien sanken die Lieferungen von russischem Gas um 90 Prozent, wie der Versorger Geoplin mitteilte. Die Lage habe sich aber inzwischen wieder etwas entspannt.

          Kroatien und Griechenland: Die Öl- und Gasgesellschaft INA meldete, in Kroatien komme überhaupt kein russisches Gas mehr an. Sämtliche Gaslieferungen über die Ukraine nach Griechenland seien ausgesetzt worden, teilte das bulgarische Wirtschaftsministerium mit.

          Bulgarien und Mazedonien: Auch in Bulgarien selbst sowie in Mazedonien ist die Versorgung mit russischem Gas über die Ukraine vollständig versiegt. Das Wirtschaftsministerium in Sofia sprach von einer Krise. Bulgarien kann auf keine anderen Pipelines ausweichen. Das Land zapfte eigene Reserven an.

          Polen, Tschechien und Umgarn: In Polen sind die russischen Gaslieferungen drastisch zurückgegangen, wie das Warschauer Wirtschaftsministerium mitteilte. Die Regierung will nun die Gasversorgung für die Industrie kürzen. Der tschechische Pipelinebetreiber RWE Transgas Net meldete ebenfalls einen deutlichen Ausfall. In Ungarn ging die Gaslieferung schon am Montag um 20 Prozent zurück, wie ein Sprecher der E.ON-Großhandelssparte mitteilte. Am Dienstag habe sich dies noch verschärft.

          Slowakei: Die Regierung plant die Ausrufung des Notstands wegen ausbleibender Gaslieferungen aus Russland. Das berichtete die tschechische Nachrichtenagentur CTK am Dienstag unter Berufung auf den slowakischen Wirtschaftsminister Lubomir Jahnatek. Die Versorgung der Erdgaskunden solle aber nicht eingeschränkt werden.

          Italien: Gazprom kann Kreisen zufolge nur 20 Prozent der üblichen Liefermengen garantieren. Das Industrieministerium teilte mit, Gasimporte aus anderen Kanälen sollten nun erhöht werden.

          Rum änien: Die Versorgung Rumäniens mit russischem Erdgas brach um 75 Prozent ein, wie der staatliche Pipeline-Betreiber Transgaz mitteilte.

          Türkei: Nachdem die Lieferungen über die Ukraine-Pipeline gestoppt wurden, bezieht die Türkei nun mehr Gas über eine Leitung unter dem Schwarzen Meer.

          Frankreich: Nach Angaben des Versorgers GDF Suez gibt es in Frankreich bisher keine Probleme.

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