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Energiesicherheit : Deutschland entkam nur knapp dem Strom-Blackout

Alles im Griff? Tennet-Schaltwarte Bild: dapd

Ein Bericht der Bundesnetzagentur an ihren politischen Beirat enthüllt, wie wackelig es mittlerweile um die Energiesicherheit bestellt ist. Ende März sei es nur mit starken Eingriffen in den Kraftwerksbetrieb gelungen, einen Blackout abzuwenden.

          Der Winter war eigentlich schon vorüber, als es im Stromnetz Ende März noch einmal kräftig knirschte. Nur mit weitreichenden Eingriffen in den Kraftwerksbetrieb sei es gelungen, „einen sicheren Systembetrieb zu gewährleisten“, schreibt die Bundesnetzagentur in einem Bericht an ihren politischen Beirat. Windräder und Photovoltaikanlagen arbeiteten auf Hochtouren, gleichzeitig floss überreichlich Strom aus ostdeutschen Braunkohlekraftwerken. Im süd- und ostdeutschen Netzgebiet von Tennet und 50Hertz waren die Leitungen am Anschlag, auch auf der polnischen Seite drohte eine Überlastung.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Am 25. März spitzte sich die Lage zu. Für die Hochspannungsleitungen vom bayerischen Redwitz ins thüringische Remptendorf und für die grenzüberschreitende Verbindung ins polnische Krajnik riefen die beiden deutschen Netzgesellschaften und der polnische Betreiber PSE die Warnstufe aus. Windräder wurden in den Leerlauf geschaltet, konventionelle Kraftwerke umgesteuert, um Leitungen stabil zu halten. In Richtung Polen regelte 50Hertz den Lastfluss um insgesamt 12800 Megawattstunden herunter, um das Netz auf der anderen Seite der Grenze nicht in Gefahr zu bringen. Drei Tage, bis zum 27. März, blieb die Lage angespannt.

          Diese sehr kritische Situation war eine Ausnahme. Verglichen mit 2011/2012 sei der Winter insgesamt ziemlich glimpflich verlaufen, sagte eine Behördensprecherin. Die Zahl dieser Eingriffe ist zurückgegangen, die Reservekraftwerke mussten nur Ende Januar einmal in Betrieb genommen werden. Einen detaillierten Bericht will die Netzagentur voraussichtlich kommende Woche vorlegen. Oliver Krischer, Energieexperte der Grünen, blickt weniger locker auf die Wintermonate zurück. „Hätte die Kältewelle im März nur eine Woche länger gedauert, wäre es wieder richtig eng geworden“, sagte er. Seine Warnung gilt den Gasvorräten, die auf „rekordverdächtige Tiefstände“ gesunken waren. Im Vorjahr hatten einige Gaskraftwerke den Betrieb vorübergehend einstellen müssen, nachdem Russland die Erdgaslieferungen gedrosselt hatte und ihnen der Brennstoff ausging. Eine sichere Gasversorgung gilt als Schlüsselelement der Energiewende, weil schnell regelbare Gaskraftwerke das schwankende Aufkommen von Wind- und Sonnenstrom ausgleichen müssen.

          Große Gasmengen wurden ausgelagert

          Waren die Speicher in den Jahren zuvor zum Ende des Winters jeweils zu deutlich mehr als 40 Prozent gefüllt, betrug der Füllstand jetzt weniger als 18 Prozent, berichtet die Netzagentur. In Erwartung eines milden Winters hätten Speicherbetreiber die hohen Gaspreise im Dezember zum Verkauf genutzt. Mit der anschließenden Kältewelle gingen die Börsenpreise weiter hoch, und es wurden weitere große Gasmengen ausgelagert. Das Bundeswirtschaftsministerium spielt die Schwierigkeiten herunter. In seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage verweist Staatssekretär Stefan Kapferer auf die derzeit „entspannte Liefersituation“ für Erdgas. Dennoch werde mit der Netzagentur und der Gaswirtschaft überlegt, ob zusätzliche Vorkehrungen für eine ausreichende Lagerhaltung notwendig seien. Auch die Unternehmen der Gaswirtschaft seien in der „Systemverantwortung“. Den Grünen reicht das nicht. Krischer verlangt „klare Regelungen“, die eine Mindestreserve in Speichern sichern.

          Unterdessen berichtete der Bundesverband der Deutschen Energiewirtschaft (BDEW) über einen deutlichen Anstieg des Gasverbrauchs im ersten Quartal. Grund für das Absatzplus von knapp 9 Prozent auf 345 Milliarden Kilowattstunden im Vergleich zum Vorjahresquartal sei die unerwartet lang anhaltende Winterwitterung gewesen, die den Einsatz von Erdgas zur Wärmeerzeugung und in Kraftwerken mit kombinierter Strom- und Wärmerzeugung habe steigen lassen, teilte der Verband mit. Dagegen sei der Stromverbrauch in den ersten drei Monaten um 2 Prozent auf 135 Milliarden Kilowattstunden gesunken. Als Gründe dafür wurden die schwache Konjunktur, der fehlende Schalttag und das frühe Osterfest mit seinen Feiertagen genannt.

          Bei sinkender Stromnachfrage wuchs der Beitrag der Erneuerbaren zur Stromversorgung um 2 Prozent. Angesichts niedriger Preise für CO2-Zertifikate stieg der Absatz von Steinkohlestrom zur Erzeugung von Strom und Wärme sogar um 14,5 Prozent, wie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen am Montag mitteilte. Der Verbrauch an Braunkohle sei wegen der Stilllegung von Altanlagen um 2,6 Prozent zurückgegangen. Die Einspeisung von Strom aus Wind und Sonne seien witterungsbedingt deutlich unter Vorjahresniveau geblieben.

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