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Energieriesen Eon und RWE : Dinosaurier am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Mit modernen Gaskraftwerken ist derzeit kaum Geld zu verdienen Bild: dpa

Die Energiewende hat Eon und RWE als attraktive Anlageobjekte schwer beschädigt. Eine Gesundung ist nicht in Sicht. Bei den Dinosauriern herrscht Krisenstimmung.

          Wie macht man ein kleines Vermögen? Ganz einfach: indem man ein großes an der Börse vernichtet. An diesem Kalauer haben vor allem treue Aktionäre von Eon und RWE wenig Freude. Seit Anfang 2008 haben sich die Börsenwerte der beiden größten deutschen Stromproduzenten regelrecht atomisiert. Eon büßte bis zum Sommer 70 Milliarden Euro oder drei Viertel des Wertes vom Januar 2008 ein. Ähnlich dramatisch verloren langjährige RWE-Aktionäre fast 50 Milliarden Euro.

          Aus der Strommarktliberalisierung sind Eon und RWE als Dinosaurier hervorgegangen. Anderthalb Jahrzehnte später zwingt sie die Energiewende mit enormem Preisverfall an der Strombörse zum Kampf gegen das Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit. So herrscht Krisenstimmung unter den Dinosauriern. Konzernunternehmen müssen verkauft, Kohle- und Gaskraftwerke eingemottet oder stillgelegt, Tausende Arbeitsplätze aufgegeben, Investitionsbudgets zusammengestrichen und Dividenden stark gekürzt werden. Dies ist das Instrumentarium, mit dem die Versorger selbst die Erträge aufbessern können.

          Die Rechnung von Eon und RWE geht nicht auf

          Aber es ist inzwischen weniger der in guten Jahren gewachsene Speckgürtel, der die Wettbewerbsfähigkeit von Eon und RWE so beeinträchtigt. Vielmehr leiden sie als größte Stromproduzenten auch am heftigsten unter der unkoordinierten Stromschwemme aus Solar-, Wind- und Biomassekraftwerken. Solarzellen mit weit überdurchschnittlichen und für 20 Jahre von Marktrisiken befreiten Renditen wurden in der Finanzmarktkrise zum Anlagehit. Die großzügige Förderpolitik für regenerative Energie bewirkte einen explosionsartigen Ausbau vor allem der für die Verbraucher unerträglich teuren Photovoltaik.

          Lange hielten sich Eon und RWE von umlagefinanzierter regenerativer Kraftwerkstechnik fern. Dafür setzten sie ihre geballte Finanzkraft für den Neubau von Großkraftwerken mit fossilen Brennstoffen ein und nahmen gewaltige Schuldenberge in Kauf. Diese effizienteren Anlagen, darunter vor allem bei Eon viele Gaskraftwerke, sollen eigentlich das Sicherheitsnetz für den witterungsabhängigen Wind- und Solarstrom bilden. Doch die Rechnung geht nicht auf.

          Und es wird noch schlimmer

          Inzwischen stammt ein Viertel der Stromproduktion aus regenerativen Quellen. Das nur von der Witterung, nicht vom Bedarf bestimmte Wind- und Solarstromangebot drückt die teureren konventionellen Kraftwerke aus dem Markt. Durch die Spielregeln an der Börse sinken die Großhandelspreise im Tages- und Termingeschäft. Der Stromverbraucher hat den Schaden. Ihm wird die Differenz zwischen der festen Einspeisegebühr für Solar- und Windstrom und dem Großhandelserlös für diesen Strom in Rechnung gestellt. Diese Differenz steigt halt mit sinkendem Börsenpreis. Seit dem Abschalten von acht Kernkraftwerken im Frühsommer 2011 haben sich die Großhandelspreise überraschend fast halbiert. Auf diesem niedrigen Preisniveau spielen nur noch wenige Kraftwerke auch die Kapitalkosten ein. Die einst üppigen Stromergebnisse werden in zwei Jahren vollends versiegen, wenn alle früher mit noch höheren Preisen abgeschlossenen Termingeschäfte abgewickelt sind.

          Eon und RWE stehen in dieser Notlage nicht allein. Stadtwerke mit eigenen Kraftwerken und unabhängige Stromproduzenten leiden ebenfalls unter den extrem niedrigen Börsenpreisen, die auch auf den Großhandel der Nachbarländer überschwappen. So wollen Betreiber erstmals Kraftwerke nicht allein des Alters wegen, sondern auch mangels Wirtschaftlichkeit stilllegen.

          Eon und RWE als Anlageobjekte nicht mehr attraktiv genug

          Es ist sehr wahrscheinlich, dass die nächste Bundesregierung die üppigen Privilegien der erneuerbaren Stromerzeugung kappen wird. Zu der überfälligen Überarbeitung gehören zwingend neue marktwirtschaftliche Regeln für die Vermarktung von Ökostrom. Denn wenn immer mehr konventionelle Kraftwerke aus dem Markt geworfen würden, dürfte das Sicherheitsnetz für wind- und sonnenarme Stunden reißen. Jedoch darf die Politik nicht auf Druck der notleidenden Stromwirtschaft wieder neue Subventionen gewähren. So fordern auch Eon und RWE die Einführung eines Kapazitätsmarktes. Bei diesem Modell müssten die Verbraucher eine Art Versicherungsprämie für Reservekraftwerke zahlen.

          Die Energiewende hat Eon und RWE als attraktive Anlageobjekte schwer beschädigt. Beide haben erheblich Ertrags- und Investitionskraft eingebüßt. Eine Gesundung durch höhere Großhandelspreise ist nicht in Sicht. Die angestrebten neuen Geschäftsfelder sind im Augenblick mehr Hoffnungsträger als kalkulierbare Gewinnquelle. Der Eon-Konzern sucht sein Glück außerhalb der Europäischen Union, RWE will sich mehr als Dienstleister im kleinteiligen Netz- und Verteilergeschäft betätigen.

          In jüngerer Zeit haben sich die Börsenkurse der beiden Unternehmen etwas erholt, wohl weil Anleger von der Politik bessere Rahmenbedingungen für das Stromgeschäft erwarten. Die niedrigen Kurse sorgen bisher nicht für Übernahmephantasie. Offensichtlich ist potentiellen Käufern der deutsche Strommarkt noch ein unkalkulierbares Risiko.

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