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Energiepolitik : Polen setzt auf das erste Atomkraftwerk

Bild: F.A.Z.

Während Deutschland über längere Laufzeiten für seine alten Kernkraftwerke streitet, baut das Nachbarland Polen neue Meiler - und privatisiert Schritt für Schritt seine großen Energieversorger.

          svs. POSEN, 13. September. Polen hat auf dem europäischen Energiemarkt eine bedeutende Stellung. Seine Lage in Mitteleuropa macht es zu einem wichtigen Transitland für Öl und Gas aus Russland, außerdem ist es der größte Kohleproduzent in der EU. Noch ist der Staat der dominierende Akteur in der Energiewirtschaft. Doch bis zum Ende des Jahres sollen weite Teile des polnischen Strommarkts privatisiert werden. Derzeit schauen deshalb fünf Bieter in die Bücher des drittgrößten Versorgers Enea aus Posen. Womöglich könnte der Verkauf noch im Herbst besiegelt werden, heißt es aus Unternehmenskreisen. Es geht um einen Anteil von 51 Prozent, der Staat hofft auf Einnahmen von bis zu 5 Milliarden Zloty (1,3 Milliarden Euro).

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Im Juni hatte Warschau schon 52 Prozent des südpolnischen Wettbewerbers Tauron für umgerechnet 1,1 Milliarden Euro an die Börse gebracht. Als weiteres Schwergewicht steht der Danziger Energa-Konzern zum Verkauf. Um das Paket von knapp 83 Prozent bemüht sich unter anderen der Branchenprimus PGE, was die Konkurrenz irritiert. Aus Wettbewerbsgründen wäre es besser, PGE übernehme Energa nicht, heißt es; die polnischen Wettbewerbshüter haben schon Bedenken angemeldet. An PGE wiederum hält der Staat noch 85 Prozent. Allerdings kündigte Schatzminister Aleksander Grad jetzt an, sich im kommenden Jahr von 10 Prozent "oder ein wenig mehr" trennen zu wollen.

          Veraltete Stromnetze

          Derzeit ist der polnische Staat noch an rund 1000 Unternehmen beteiligt. Die Erlöse aus einem auf fünf Jahre angelegten Privatisierungsplan sind im Haushalt allerdings schon fest eingeplant. Allein in diesem Jahr sollen auf diesem Weg 25 Milliarden Zloty (6,3 Milliarden Euro) in die Staatskasse fließen. Die polnische Regierung steht deshalb beim Verkauf von Enea und Energa unter Druck: Auf der einen Seite ist sie wegen des hohen Haushaltsdefizits auf die Einnahmen angewiesen, auf der anderen Seite wirft ihr die Opposition vor, das Tafelsilber des Staats zu verscherbeln.

          Kohlekraftwerk Laziska: Der Großteil des polnischen Stroms wird aus Kohle erzeugt

          Im Schatzministerium wird die Privatisierung freilich vor allem mit der Notwendigkeit von Investitionen in die schlechte Infrastruktur begründet, die der Staat selbst nicht tätigen könne. Allein in die veralteten Stromnetze muss demnach eine zweistellige Milliardensumme gesteckt werden. Wegen dieses hohen Finanzbedarfs hat sich der Essener RWE-Konzern aus Exklusivverhandlungen für Enea zurückgezogen. Auch der schwedische Wettbewerber Vattenfall hat wohl kein Interesse, seinen Anteil von 19 Prozent zu erhöhen. Nun sind noch die slowakische Tochtergesellschaft der italienischen Enel-Gruppe sowie EdF und GDF Suez aus Frankreich, Iberdrola aus Spanien sowie die Beteiligungsfirma des polnischen Milliardärs Jan Kulczyk im Rennen. Polnischen Medienberichten zufolge sollen die Franzosen das höchste Angebot abgegeben haben.

          Enea beschäftigt rund 10 000 Mitarbeiter und versorgt etwa 2,3 Millionen Kunden. 98 Prozent des Stroms werden aus Kohle erzeugt. Zwar wird gerade in Kozienice ein neuer Block gebaut, der höchsten Umweltstandards genügen soll. "Um die Abhängigkeit von der Kohle zu reduzieren, wollen wir unseren Energiemix aber verändern", sagte ein Sprecher dieser Zeitung. Diese Strategie entspricht dem Energiekonzept von Ministerpräsident Donald Tusk bis zum Jahr 2030. Die Regierung geht davon aus, dass der Verbrauch innerhalb von rund 20 Jahren um 145 Prozent auf 217 Terawattstunden steigen wird. Hauptenergieträger soll zwar die heimische Stein- und Braunkohle bleiben, erneuerbare Energien - vor allem Windenergie und Biomasse - sowie Atomkraft sollen jedoch ein weitaus höheres Gewicht erlangen und schließlich zusammen rund ein Drittel des Bedarfs der knapp 40 Millionen Polen decken.

          Kernenergie wird in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert

          Im Januar hat die Regierung den Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks beschlossen, das bis spätestens 2022 ans Netz gehen soll. Baubeginn soll 2016 sein, der bevorzugte Standort ist die Ortschaft Zarnowiec in Pommern. Auf lange Sicht plant Polen mit einer AKW-Leistung von rund 6000 Megawatt, wofür rund fünf größere Meiler nötig wären. Für den Betrieb der zweiten Anlage rechnet sich Enea gute Chancen aus. Anders als in Deutschland werde die Kernenergie in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert. "Viele Leute sehen darin eine billige Energiequelle", fasst der Unternehmenssprecher die Stimmungslage zusammen. Außerdem könne so die Abhängigkeit von Energieimporten etwa aus Russland verringert werden. Und gerade in schwächeren Regionen seien die mit dem Bau verbundenen Investitionen und Arbeitsplätze willkommen; einige der Bewerberkommunen liegen nicht weit von der deutschen Grenze entfernt.

          Der Einstieg in den polnischen Markt ist nach Meinung von Heiko Steinacher nicht nur für deutsche Energieversorger eine Option. Der Vertreter der deutschen Außenhandelsgesellschaft Germany Trade & Invest in Warschau sieht gerade für Anlagenbauer, Technikanbieter sowie Dienstleister im Energiesektor ein großes Potential. Deutsche Technik habe beste Aussichten, wenn in den kommenden Jahren neue Kraftwerke gebaut und bestehende modernisiert würden.

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