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Energiemarkt : Gasprom kündigt kräftige Preiserhöhung an

  • Aktualisiert am

Der Gasprom-Konzernzentrale in Moskau Bild: AFP

Der russische Energiekonzern Gasprom hat eine kräftige Erhöhung der Gaspreise angekündigt und sorgt damit für Aufregung in der Branche. Eon Ruhrgas beruhigt: In Deutschland seien die Preise sicher.

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          Der russische Energiekonzern Gasprom hat mit der Ankündigung hohe Wellen geschlagen, den Gaspreis im kommenden Jahr kräftig anzuheben. Das Unternehmen erwarte eine Preissteigerung auf 354 Dollar je 1000 Kubikmeter, sagte der Vorstandsvorsitzende Aleksei Miller am Freitag. Schon zuvor hatte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Alexander Medwedjew auf einem Analysten-Treffen in Moskau für das kommende Jahr von einen durchschnittlichen Erdgaspreis für europäische Abnehmer zwischen 300 bis 400 Dollar je 1000 Kubikmeter gesprochen.

          20 bis 60 Prozent mehr

          Bei einem derzeit angenommenen Durchschnittspreis von 250 Dollar je 1000 Kubikmeter würde dies eine Steigerung zwischen 20 und 60 Prozent bedeuten. Zudem warnte Medwedjew davor, dass die Vorschläge der EU-Kommission, die den Zugang des russischen Gaskonzerns zu den europäischen Transportnetzen einschränken würden, zu Preissteigerungen führten.

          Den Sorgen, diese Preiserhöhungen könnten auch deutsche Abnehmer belasten, trat Burckhard Bergmann, der Vorstandsvorsitzende von Eon Ruhrgas, entgegen. Eine energiepolitisch motivierte kräftige Preiserhöhung für Erdgas der russischen Gasprom werde es im nächsten Jahr nicht geben, sagte Bergmann im Gespräch mit dieser Zeitung. „In den langfristigen Lieferverträgen sind die Gaspreise vertraglich an die Preisentwicklung hauptsächlich von Heizöl gebunden“, sagte Bergmann weiter. „Deshalb kann und wird die Gasprom auch nicht einseitig die Preise hochschrauben.“

          Langfristige Lieferverträge

          Im Gegensatz zu Erdöl gibt es für Erdgas keinen Weltmarktpreis. Gasprom verkauft den größten Teil seines Erdgases über langfristige Lieferverträge, wobei der Preis mit einer Zeitverzögerung an den Erdölpreis gekoppelt ist. Das Unternehmen gibt keine Auskunft darüber, wie sich die Preisformel, hauptsächlich die Anteile von Heizöl, anderen Erdölprodukten oder gar von Kohle, im „Warenkorb“ der Erdgassubstitute zusammensetzt. Außerdem haben die einzelnen Abnehmer unterschiedliche Berechnungsformeln, welche die jeweiligen Marktverhältnisse spiegeln.

          Eine wichtige Komponente der Preisbildung sind offensichtlich die Erdölpreise, die in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Medwedjew sagte jedoch nicht, mit welchem Erdölpreis das Unternehmen in der nächsten Zeit rechnet. Dimitri Medwedjew, der Aufsichtsratsvorsitzende von Gasprom und stellvertretende russische Ministerpräsident, hatte kürzlich gesagt, dass ein Erdölpreis von 150 Dollar je Barrel (159 Liter) im Bereich des Möglichen liege.

          Vereinbarung mit Turkmenistan

          Auch der im Gasprom-Aufsichtsrat tätige Bergmann gibt zu, dass von den sich in jüngerer Zeit knapp unter 100 Dollar je Barrel auf Rekordniveau bewegenden Erdölpreisen trotz Dollar-Schwäche ein Druck zur Verteuerung der Erdgasimporte ausgehe. Auf der Basis der Ölpreisbindung werde der Importpreis mit einigen Monaten Verzögerung zwischen Lieferanten und Abnehmern regelmäßig angepasst. Sollte es dabei keine Verständigung geben, werde ein Schiedsgericht eingeschaltet.

          Auch Gasprom sieht sich Forderungen nach höheren Erdgaspreisen gegenüber. Turkmenische Regierungsvertreter forderten am Freitag eine Steigerung von mindestens 30 Prozent für turkmenische Erdgaslieferungen an Gasprom. Im vergangenen Jahr hatte der russische Konzern mit Turkmenistan eine Vereinbarung getroffen, einen Preis von 100 Dollar je 1000 Kubikmeter in den Jahren von 2007 bis 2009 zu zahlen. Gasprom verkauft das turkmenische Erdgas über die Gesellschaft Rosukrenergo vorwiegend in die Ukraine. Derzeit steht Gasprom mit dem westlichen Nachbarn und den baltischen Staaten in Verhandlungen um den Erdgaspreis für die kommenden Jahre.

          Warnung an die EU-Kommission

          Gasprom verknüpfte die „Preiserhöhung“ mit einer Warnung an die EU-Kommission: Der Plan, die Transportnetze von Vertrieb und Produktion zu trennen, stoße auf Widerstand; ebenso die diskutierte Einschränkung von Beteiligungen an europäischen Strom- und Erdgasnetzbetreibern für Energiekonzerne aus Nicht-EU-Staaten. Der russische Konzern, der das russische Erdgas-Transportnetz kontrolliert und das Exportmonopol innehat, ist seit langem bestrebt, Zugang zu den europäischen Endverbrauchern zu erhalten. In Deutschland hält Gasprom 50 Prozent minus einer Aktie am Versorgungsunternehmen Wingas, einem Gemeinschaftsunternehmen mit der BASF-Tochtergesellschaft Wintershall. Durch mögliche Einschränkungen in der EU für Gasprom könnten notwendige Investitionen unterlassen werden, sagte Medwedjew.

          Experten warnen seit längerem, dass Gasprom aufgrund der veralteten Infrastruktur schon bald seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Das russische Ministerium für Wirtschaftsentwicklung und Handel warnte in dieser Woche, dass es von 2010 an zu Erdgasverknappungen am heimischen Markt kommen könne. Daran sind auch die regulierten Erdgaspreise in Russland schuld, die weit unter dem Exportpreis liegen. Vom kommenden Jahr an sollen die Erdgaspreise in Russland jedoch um 25 Prozent steigen. Bis ins Jahr 2011 ist die Freigabe der Preise geplant.

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