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Energie : Weltgrößtes Solarkraftwerk geht bei Leipzig ans Netz

  • Aktualisiert am

33.500 Solarmodule wandeln Licht in Energie um Bild: dpa/dpaweb

Der frühere Industriestandort Espenhain südlich von Leipzig war zu DDR-Zeiten wegen seiner Umweltverschmutzung berüchtigt. Jetzt sollen von hier aus mehr als 1800 Haushalte mit Solarstrom versorgt werden.

          Im Leipziger Südraum, in einem der wichtigsten deutschen Braunkohlegebiete, ist ein neuer Energieträger auf dem Vormarsch: das Sonnenlicht. Auf der Deponie einer ehemaligen Brikettfabrik in der Gemeinde Espenhain ist am Mittwoch das nach Betreiberangaben größte Solarstromkraftwerk der Welt eröffnet worden. Auf einem Festakt im Beisein von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) nahmen die Shell Solar GmbH, die Gesellschaft für Solarenergie mbH (Geosol) und die West-Fonds Immobilien-Anlagengesellschaft mbH das Kraftwerk gemeinsam in Betrieb.

          Es erreicht den Angaben zufolge eine Nennleistung von 5 Megawatt (MWp) und lasse damit alle bestehenden Anlagen hinter sich. Doch der Rekord könnte von kurzer Dauer sein: Im Kreis Merseburg-Querfurt in Sachsen-Anhalt eröffnet im September der Shell-Konkurrent BP Solar ein Kraftwerk für 3,4 und später 5,4 MWp, in Göttelborn nördlich von Saarbrücken ist eine Anlage von City Solar mit 7,4 MWp im Gespräch.

          Jährlich 3700 Tonnen Kohlendioxyd vermieden

          Der Strom aus der neuen Anlage in Espenhain, der in das öffentliche Netz des Energieversorgers Envia eingespeist wird, reicht den Informationen zufolge für die umweltfreundliche Versorgung von 1800 Haushalten. Würde die Energie aus fossilen Brennstoffen gewonnen, fielen jährlich 3700 Tonnen Kohlendioxyd an, die so vermieden werden könnten, hieß es.

          Die Solarmodule stehen auf einem „räumlichen Spinnennetz” aus Robinienholz

          Der Bau der Anlage soll rund 22 Millionen Euro gekostet haben. Geosol firmierte dabei als Initiator und Projektentwickler, Shell Solar als Generalunternehmer und Lieferant der Module, Westfonds als Finanzierer. Die Investmentgesellschaft erwarb den Solarpark und brachte ihn in ihren geschlossenen "West-Fonds Solar 1" ein.

          Daß man mit Alternativenergien Geld verdienen kann, verdanken die Betreiber nicht zuletzt der Förderpolitik ihres Ehrengastes Trittin. Nach dem sogenannten Vorschaltgesetz des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erhalten Solarstromerzeuger 20 Jahre lang einen staatlichen garantierten und subventionierten Abnahmepreis von zunächst 0,457 Euro je Kilowattstunde. Voraussetzung ist, daß sie 2004 ans Netz gehen.

          Pflichtschuldiger Dank an Trittin

          Kurt Döhmel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Shell Holding GmbH in Hamburg, versäumte es denn auch nicht, dem grünen Minister für sein Engagement zu danken. Der Markt für Photovoltaik werde 2004 in der Leistung von 130 auf 300 Megawatt und im Umsatz von 750 Millionen auf mehr als eine Milliarde Euro steigen. Die Investitionen betrügen 2004 etwa 200 Millionen Euro. Döhmel versprach, Trittins Einsatz für die Photovoltaik dadurch zu unterstützen, daß Shell Solar die Herstellungskosten für seine Solarmodule jedes Jahr um 5 Prozent senkt. „Wir brauchen diese Entwicklung in die Megawattbereiche, damit durch die Massenproduktion von Solarzellen Solarstrom schneller billiger wird“, sagte Trittin am Mittwoch. Döhmel unterließ es als Vertreter eines internationalen Ölkonzerns aber nicht, auf die noch immer "außerordentlich bescheidene Größe" der Sonnenenergie-Gewinnung hinzuweisen. Innerhalb der erneuerbaren Energien bringe es der Solarstrom auf einen Anteil von einem halben Prozent, im Endenergieverbrauch werde nicht einmal die Promillegrenze überschritten.

          Der Feierlaune in Espenhain und dem Stolz auf das Erreichte taten diese Einschränkungen keinen Abbruch. Tatsächlich macht der "Solarpark" seinem Namen alle Ehre. Er erstreckt sich über 21,6 Hektar, von denen 16 von einem Generatorenfeld mit 33.500 Solarmodulen bedeckt sind. Zwei weitere Hektar sind als Biotop ausgewiesen.

          Für Trittin ist die Branche ein wichtiger Arbeitgeber der Zukunft. In diesem Jahr rechnet die Photovoltaik-Industrie mit einem Wachstum von mehr als 50 Prozent. „In rund 20 Jahren dürfte der globale Jahresumsatz über 100 Milliarden Euro betragen“, sagte der Minister. Deutschland bemühe sich um die weltweite Führung in dieser Technologie. „Dafür ist es wichtig, daß Deutschland langfristig Erfolg auch beim Aufbau des lokalen Marktes hat“, sagte Trittin.

          In 15 Jahren könne die Technologie zur Gewinnung von Sonnenenergie wettbewerbsfähig sein. Der Preise für Sonnenstrom sei in den vergangene Jahren um mehr als 50 Prozent gesunken. Diese Entwicklung wolle die Bundesregierung weiter unterstützen. Bislang liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Stromerzeugung bei 10 Prozent. Bis 2020 will die Bundesregierung ihn verdoppeln. Laut Trittin könnten dann bis zu 400 000 Menschen für die Branche arbeiten.

          Das Ende himmelstinkender Verschmutzung

          Obwohl die Braunkohleverstromung südlich von Leipzig weitergeht, liegt hier der Strukturwandel wortwörtlich in der Luft: Zu DDR-Zeiten, sagen die Bewohner, habe die Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft "zum Himmel gestunken", wobei das Espenhainer Absetzbecken als besonders belastet galt. Die seit der Wiedervereinigung erreichte Umweltverbesserung springt am Leipziger Stadtrand am meisten ins Auge. Rund um Markkleeberg wachsen die gefluteten Tagebauten zu attraktiven Badeseen zusammen. Nicht zufällig hat sich hier "Belantis" angesiedelt, der einzige Vergnügungspark in den neuen Ländern. Die Freizeitindustrie profitiert von demselben Trumpf, auf den auch der Solarpark setzt: Die Region gilt als eine der sonnenreichsten Deutschlands.

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