https://www.faz.net/-gqe-u75c

Energie : Was kostet der Strom?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Trotz steigender Strompreise haben bislang nur wenige den Tarif gewechselt. Viele Kunden wissen nicht, wie viel Geld sie für Strom ausgeben und wie sich der Preis zusammensetzt. FAZ.NET beantwortet die wichtigsten Fragen.

          3 Min.

          Trotz der von der Politik geschürten Aufregung über dramatisch steigende Strompreise und die vermeintliche Preistreiberei der Stromkonzerne haben die wenigsten Verbraucher darauf reagiert. Nur knapp ein Drittel der Haushalte hat bisher den Anbieter oder auch nur den Tarif auf der Suche nach einem günstigeren Angebot gewechselt. 25 Prozent der Kunden haben nach Angaben des Verbands der Deutschen Elektrizitätswirtschaft (VDEW) einen neuen Tarif gewählt, nur jeder Zwanzigste einen anderen Anbieter. Viele wissen nicht, wie viel Geld sie für Strom im Monat ausgeben und wie sich dieser Betrag zusammensetzt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Woraus besteht der Strompreis?

          Der Strompreis setzt sich im Wesentlichen aus drei Teilen zusammen: aus dem Preis für die Erzeugung, wie er an der Strombörse EEX ermittelt wird, aus dem Zuschlag für den Transport vom Kraftwerk zum Kunden durch das Stromnetz und aus Steuern und Abgaben. Bei den Stromkosten eines Haushaltskunden macht die eigentliche Erzeugung etwa ein Viertel des Preises aus, die Durchleitung zum Kunden rund ein Drittel. Die staatlichen Belastungen betragen 40 Prozent. Der stattliche Staatsanteil begründet auch, warum die Strompreise in Deutschland höher sind als in Nachbarländern. Denn die Großhandelspreise an den europäischen Strombörsen sind in etwa gleich.

          Ein Drittel des Strompreises macht der Transport durch die Leitungen aus
          Ein Drittel des Strompreises macht der Transport durch die Leitungen aus : Bild: dpa

          Warum steigt der Strompreis?

          Der Strompreis wird durch veränderte staatliche Belastungen beeinflusst - so steigt er durch die höhere Mehrwertsteuer und sinkt als Folge der Absenkung der Netzentgelte. Ausschlaggebend sind daneben Bewegungen auf dem Erzeugungsmarkt. Preistreiber bei Öl, Kohle und Gas ist außerdem der Emissionshandel, wie die Energiekonzerne und der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium übereinstimmend feststellen. So haben die Konzerne die Kosten für die Kohlendioxidzertifikate in den Strompreis eingepreist, auch wenn sie ihnen kostenfrei zugeteilt worden waren. Begründet wird das damit, dass die Zertifikate einen wirtschaftlichen Wert hätten, den die Konzerne andernfalls auch durch Verkauf an der Börse realisieren könnten. Zudem sei es das Ziel des Emissionshandels, den Strompreis zu verteuern, damit weniger Treibhausgase emittiert werden.

          Welche Steuern und Abgaben enthält der Strompreis?

          Mit dem Strom zahlt jeder Kunde fünf unterschiedliche Steuern und Abgaben: Mehrwertsteuer, Stromsteuer, die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz für Wind, Solar und andere regenerative Quellen, die Umlage nach dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz und die von den Städten und Gemeinden erhobene Konzessionsabgabe für die Wegerechte der Leitungen. Die auf den Energiemarkt spezialisierte Unternehmensberatung AT Kearny hat ausgerechnet, dass die Strompreise in Deutschland seit der Strommarktliberalisierung im Jahr 1998 in etwa unverändert geblieben wären, wäre nicht gleichzeitig die Steuerlast auf dem Stromverbrauch privater Haushalte um 91 Prozent gestiegen. Allerdings waren auch die Erzeugungspreise von 1998 bis 2000 stark gefallen und haben seither wieder deutlich angezogen.

          Wer kontrolliert den Strompreis?

          Bisher haben die Wirtschaftsminister der Länder Tariferhöhungen genehmigen müssen, allerdings nur für Haushalts- und kleine Gewerbekunden. Die Möglichkeit, auf die Baden-Württemberg schon seit dem Jahre 2000 verzichtet, entfällt zum 30. Juni dieses Jahres. Danach gibt es lediglich eine staatliche Kontrolle für die Netzgebühren durch die Bundesnetzagentur. Die Kartellämter sollen den Wettbewerbsmissbrauch verhindern, üben aber keine Preisaufsicht aus.

          Wer kontrolliert die Netzbetreiber?

          Nach der Liberalisierung des Strommarktes haben die großen Erzeuger einen heftigen Preiswettbewerb um Kunden begonnen. Marken wie „Yello Strom“ entstanden. Viele Stadtwerke und regionale Netzbetreiber versuchten, über hohe Durchleitungsentgelte für die Fremdanbieter oder die Verweigerung der Durchleitung den Wettbewerb zu behindern. Sie wollten die eigenen Kunden halten oder zumindest an der Durchleitung gut verdienen. Der Gesetzgeber hat dem mit der Gründung einer Regulierungsbehörde für Strom und Gas, der Bundesnetzagentur, versucht einen Riegel vorzuschieben.

          Die Agentur prüft die Netzentgelte und hat den Anbietern zum Teil drastische Kürzungen verordnet. Im Strompreis der Haushaltskunden findet das kaum einen Niederschlag, denn die Netzentgelte setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen: dem Durchleitungspreis für das Höchst-, das Mittel- und das Niederspannungsnetz. Weil zum Beispiel ein Großverbraucher wie eine Aluminiumschmelze direkt am Hochspannungsnetz hängt, fallen hier weniger Übertragungskosten an als bei einem Haushalt. Denn bis der Strom die Steckdose erreicht, muss er alle Stufen des Netzes durchfließen.

          Was plant die Politik, um den Strompreis zu senken?

          Der konkreteste Plan stammt von Wirtschaftsminister Glos (CSU). Er will neue Kraftwerke an das Leitungsnetz bringen und so das Angebot auf dem Strommarkt erhöhen. In die gleiche Richtung zielen Überlegungen, das deutsche Netz besser mit den Anrainerstaaten zu verbinden. So könnte die Marktdominanz der vier Großanbieter Eon, RWE, EnBW und Vattenfall auf Dauer geschwächt werden. Zudem will Glos das Kartellamt in die Lage versetzen, mit Hilfe einer Beweislastumkehr besser gegen vermuteten Missbrauch von Marktmacht vorzugehen. Das lehnen Konzerne und Wirtschaftswissenschaftler als schädlichen Markteingriff ab. Hohe Milliarden-Gewinne der Konzerne seien kein Beleg für Marktversagen, sondern notwendig für anstehende Investitionen.

          Weitergehende Vorschläge erwägen die EU-Kommission und Hessens Wirtschaftsminister Rhiel (CDU). In der Europäischen Union wird darüber nachgedacht, den Konzernen die Netze abzunehmen und so vermutete Wettbewerbshindernisse zu beseitigen. Rhiel plädiert dafür, Großanbieter wie RWE oder Eon zum Verkauf von Kraftwerken zu zwingen. So sollen mehr Anbieter auf den Markt kommen, die den Wettbewerb verschärfen und den Preis drücken.

          Weitere Themen

          So bremst die Notbremse

          Corona-Maßnahmen : So bremst die Notbremse

          Keine Reisen in der Nacht, kein Fußball im Freien, die Biergärten bleiben geschlossen: Das sind die neuen Regeln im Überblick.

          Topmeldungen

          In Landkreisen mit hohen Inzidenzen bleiben die Biergärten verwaist.

          Corona-Maßnahmen : So bremst die Notbremse

          Keine Reisen in der Nacht, kein Fußball im Freien, die Biergärten bleiben geschlossen: Das sind die neuen Regeln im Überblick.
          Wer leakt seine Textnachrichten? Der britische Premierminister Boris Johnson am Freitag in Stoney Middleton im Nordwesten Englands beim Besuch eines Bauernhofs

          Suche nach Durchstecher : Wer hat Johnsons Nachrichten verbreitet?

          Seit Monaten werden persönliche Textnachrichten des britischen Premierministers geleakt. Als möglicher Urheber gilt dessen früherer Berater Dominic Cummings. Beobachter warnen vor einem Kampf, den Johnson nur verlieren könne.
          Gegen schicksalhafte Festlegungen in der Politik: Wolfgang Thierse

          Identitätspolitik : Schuld ist kein Schicksal

          Mit seiner Kritik an den Auswüchsen der Identitätspolitik hat Wolfgang Thierse für Aufsehen gesorgt. Die Universität Münster setzt die Debatte mit Thierse nun fort. Die allgemeine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.