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Energie : Der große Energie-Poker

„Signifkante Übernahme” in Planung: RWE Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die europäische Energiebranche gerät in Bewegung. Der italienische Energiekonzern Enel zeigt Interesse am französischen Wasser- und Stromversorger Suez. Gaz de France sucht ebenfalls nach Partnern.

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          Harry Roels, Vorstandsvorsitzender des Essener Energiekonzerns RWE, mahnt zur Besonnenheit. „Da ist viel Spekulation im Raum - vielleicht auch Testosteron. Ich mahne Coolness an.“ Doch das Übernahmefieber in der europäischen Energie- und Versorgerbranche kann Roels mit diesen Worten nicht senken.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Eons Offerte mit 55 Milliarden Euro Transaktionsvolumen für den spanischen Versorger Endesa war wohl erst der Anfang der Bereinigung auf dem Energiemarkt des Kontinents. Die prall gefüllten Kassen der Versorger lassen weitere milliardenschwere Übernahmen erwarten: Der große italienische Energiekonzern Enel zeigt Interesse am französischen Wasser- und Stromversorger Suez. Gaz de France sucht in Europa nach Partnern, womöglich auch in Spanien. „Vor allem in Italien und Spanien geht was“, sagt Jörg Fabri, Energiefachmann der Beratungsgesellschaft Arthur D. Litte.

          Auch RWE werde in dem Übernahmepoker nicht tatenlos zusehen: „Endesa war noch eine Nummer zu groß für RWE. Aber in spätestens einem Jahr sehen wir eine signifikante Übernahme von RWE“, erwartet Fabri. RWE läßt zwar den Zeitpunkt offen, signalisiert aber ebenfalls Interesse an Akquisitionen: „Wenn der richtige Zug vorbeikommt, werden wir am Bahnhof stehen, und wir werden Geld in der Tasche haben“, sagte Roels. Zudem bieten Europas Strom- und Gasmärkte wegen der hohen Preise für Strom und Gas gerade jetzt sehr lukrative Investitionsmöglichkeiten.

          Liberalisierung der Märkte

          Vor allem in der Stromproduktion lassen sich wegen der stark gestiegenen Großhandelspreise für Strom hohe Gewinnmargen erwirtschaften. Zudem geben Verbindungen zwischen Strom- und Gasunternehmen die Möglichkeit, Preisschwankungen leichter auszugleichen. „Am Ende des Bereinigungsprozesses werden in Europa wohl sieben oder acht große Konzerne den Markt beherrschen, die in mehreren Ländern präsent sind und gleichzeitig Strom und Gas anbieten. Dazu zählen neben Eon und RWE auch EDF, Enel, Suez mit einem Partner und Vattenfall“, meint Fabri.

          Auslöser der Übernahmewelle ist die grenzüberschreitende Liberalisierung der Märkte für Strom und Gas in Europa. Der Prozeß ist in Großbritannen schon weit fortgeschritten; die kontinentalen Branchenriesen Electricite de France (EDF), Eon und RWE haben sich bereits in den britischen Markt eingekauft. Auf dem Festland ist die Übernahmewelle noch nicht recht in Schwung gekommen. In Deutschland haben der schwedische Vattenfall-Konzern und die EDF mit ihrer Beteiligung an ENBW zwar Fuß gefaßt, aber keine dominante Stellung erzielt. Länder wie Frankreich oder Spanien haben ihre großen nationalen Versorger bisher vor ausländischen Unternehmen geschützt.

          In Frankreich sind gerade wieder hektische Bemühungen ausgebrochen, eine Übernahme des Versorgungsunternehmens Suez und seiner belgischen Strom-Tochtergesellschaft Electrabel durch den italienischen Energieproduzenten Enel zu verhindern. Die französische Regierung, die für ihre offene Ablehnung der Arcelor-Übernahme durch Mittal kritisiert wurde, äußert sich diesmal nicht offiziell, arbeitet aber im Hintergrund. Die Regierungschefs Italiens und Frankreichs, Silvio Berlusconi und Dominique de Villepin, telefonierten zu dem Thema. „Probleme? Wir werden sehen. Wir führen einen Dialog mit der französischen Regierung“, sagte Berlusconi auf die Frage eines Journalisten nach dem Gespräch. Medienberichten zufolge hatte de Villepin eine Übernahme von Suez durch Enel als „völlig feindlich“ eingestuft.

          Aktientausch

          Derzeit wird in Industrie- und Regierungskreisen offenbar eine Annäherung zwischen Suez und der staatlich kontrollierten Gesellschaft Gaz de France favorisiert, an der die Regierung nach dem Börsengang des vergangenen Jahres noch mit 80 Prozent beteiligt ist. Nach dem Privatisierungsgesetz darf der staatliche Anteil nicht unter 70 Prozent sinken. Daher denkt man nun an einen Aktientausch in begrenztem Umfang, der angesichts des weiterbestehenden staatlichen Anteils wie eine Giftpille für ausländische Interessenten wirken könnte. Der französische Suez-Konkurrent in der Wasser- und Abfallwirtschaft, Veolia, hat indes Spekulationen zurückgewiesen, er stünde im Fall einer Suez-Übernahme durch Enel für den Kauf des Wasser- und Abfallbereiches außerhalb von Frankreich bereit.

          „Weder direkt noch indirekt“ sei man beteiligt, teilte Veolia mit. Auch der Suez-Betriebsrat hat sich klar gegen eine feindliche Übernahme durch Enel ausgesprochen und befürwortet ebenfalls eine Stärkung der bereits bestehenden Kooperation mit Gaz de France. Somit hält Frankreich vorerst zusammen. Zudem hat der belgische Investor Albert Frere, der gut 7 Prozent der Suez-Anteile hält, dem französischen Unternehmen seine Loyalität versprochen.

          „Ich bin ein treuer und stabiler Aktionär und solidarisch mit dem Präsidenten und dem Aufsichtsrat“, ließ er sich zitieren. Ungeachtet der sich in Vorbereitung befindlichen Abwehrstrategie stieg der Kurs von Suez am Freitag erneut um mehr als 4 Prozent, wodurch sich das Plus seit Wochenbeginn auf mehr als 10 Prozent addiert. Die Aktie von Gaz de France gewann im gleichen Zeitraum rund 8 Prozent. Auch der führende französische Stromproduzent EDF verzeichnete am Freitag weitere Kursgewinne. Er hatte sich am Vortag an Akquisitionen im europäischen Ausland interessiert gezeigt, verfügt aber über begrenzte Mittel.

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