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Ende eines politischen Exportschlagers : Abwracken rund um die Welt

Abgewrackt: Restkarossen werden ohne Motor und ohne Flüssigkeiten zum Paket verpresst Bild: Wolfgang Eilmes

Die deutsche Abwrackprämie wurde von Regierungen in Europa und Amerika kopiert. Die Segnungen der Schrottprämie haben sogar die Walachei in Rumänien erreicht. Bald ist damit Schluss. Dann beginnt das Sterben der Autohändler.

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          Die Abwrackprämie wirkt weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Sie verändert das Leben der Menschen, zum Beispiel in Rumänien. In dem kleinen Städtchen Pitesti, gut hundert Kilometer westlich von Bukarest, mitten in der Region Walachei, steht ein großes Werk von Renault. 350.000 Autos der Billigmarke Dacia können die Franzosen dort im Jahr bauen lassen. 14.000 Beschäftigte arbeiten in Pitesti, ihr Monatslohn beträgt nur 400 Euro. Anfang dieses Jahres sackten die Verkaufszahlen in den wichtigen Dacia-Märkten Rumänien und Russland plötzlich um die Hälfte ab, Folge der Wirtschaftskrise. „Wir mussten für fünf Wochen Kurzarbeit einführen. Niemand wusste ja damals, dass die Prämie kommt“, sagt Reinhard Zirpel, Vorstand bei Renault in Deutschland.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Es wusste damals auch niemand, dass die Abwrackprämie zum politischen Exportschlager würde, dass mehr als ein Dutzend Regierungen in Europa und Amerika dem deutschen Beispiel folgen und zusammen gut 12 Milliarden Euro einsetzen würden, um die Autokäufer anzulocken - allen voran die Bundesregierung mit 5 Milliarden Euro. Die Krisenhilfe hat den Konsum wie gewünscht schnell angekurbelt: Für den Kauf von Autos gaben deutsche Haushalte im ersten Halbjahr nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 36 Milliarden Euro aus - fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Und die ausländischen Prämien haben die Autoproduktion in Deutschland ebenso stabilisiert, wie umgekehrt die deutsche Prämie ausländischen Kleinwagenherstellern zugute kommt.

          Auf den Rausch folgt der Kater

          Anfang des Jahres hatte Renault-Vorstand Zirpel mit 35.000 verkauften Dacias in Deutschland gerechnet - tatsächlich werden es nun wohl fast 80.000. „Die Mehrzahl unserer Kunden hätte ohne die Prämie nur einen Gebrauchtwagen gekauft. So konnten sie sich einen neuen Dacia leisten - dank Prämie ab rund 5000 Euro.“ Die Kurzarbeit in Pitesti wurde aufgehoben, aber vielleicht muss sie bald schon wieder eingeführt werden, für 2010 rechnet Zirpel nur noch mit 40.000 bis 50.000 Dacias für Deutschland.

          Auf den Rausch folgt der Kater. Marktforscher, Industrieverbände und Unternehmensberatungen schätzen, dass in Deutschland 2010 nur 2,7 Millionen neue Autos verkauft werden - rund 1 Million weniger als im laufenden Jahr. Schließlich haben die meisten Prämien-Nutzer ihren Autokauf nur vorgezogen, aus Angst, nichts mehr abzubekommen. Denn der Countdown läuft: Experten streiten noch über den genauen Tag. Aber irgendwann zwischen dem 5. und dem 15. September wird beim Bundesamt für Wirtschaft der zweimillionste Antrag eingehen. Nach zwei Millionen Mal 2500 Euro ist dann Schluss, einen Nachschlag gibt es nicht.

          „Eigentlich müsste jemand Frau Merkel einen Blumenstrauß schicken“

          Keine Angst müssen vor diesem Tag die Gebrauchtwagenhändler, die Schrotthändler und die Kfz-Werkstätten haben. Ihnen hat die Prämie ohnehin nur die Preise verdorben. Die kleineren unter den sogenannten „freien“ Werkstätten, die nicht an einzelne Hersteller gebunden sind, rechnen in den kommenden Jahren laut Verband mit einem Rückgang des Geschäfts mit Wartung und Reparaturen um 30 Prozent. Zwei Millionen ihrer bislang besten Kunden - das sind die mit den über zehn Jahre alten Autos - haben ihr Gefährt der Schrottpresse überlassen.

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