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Ende des Steinkohlebergbaus im Saarland : „Wir werden den Bergbau im Herzen bewahren“

„Der Bergbau ist die Wurzel der saarländischen Gesamtkultur“: Wirtschaftsminister Heiko Maas (SPD) Bild: dapd

Als SPD-Landesvorsitzender setzte sich Heiko Maas für den Bergbau im Saarland ein, als Wirtschaftsminister muss er nun seine Abwicklung organisieren.  Im F.A.Z.-Interview spricht er über die Bedeutung der Kohle für die saarländische Identität - und die Chancen des Strukturwandels.

          3 Min.

          Herr Maas, über Jahrhunderte wurde das Saarland vom Steinkohlebergbau geprägt. Was bedeutet das Ende der Förderung für das Land?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Das ist nicht nur ein industriegeschichtlich, sondern auch kulturhistorisch ein gewaltiger Einschnitt. Letztlich gibt es dieses Land vor allem wegen seiner Kohlevorräte, wegen ihnen haben sich Deutschland und Frankreich immer um das Saargebiet gestritten. Auch die Mentalität der Bergleute hat die Identität des Saarlandes entscheidend geprägt. Diese besondere saarländische Nähe ist auch durch die Bergmannstugenden entstanden, die sich unter Tage bedingungslos auf den anderen verlassen konnten. Der Bergbau ist die Wurzel der saarländischen Gesamtkultur. Das Gesicht des Landes wird nach dem 30. Juni ein anderes sein.

          Das Saarland ringt um seine Existenz wie selten zuvor – ist das Ende der Kohle ein weiterer Schlag ins Kontor eines schwindenden Selbstbewusstseins?

          Für viele Saarländer geht mit der Kohle zweifelsohne ein großes Stück Heimat verloren. Umso wichtiger ist es jetzt, es nicht dabei zu belassen, das Ende der Kohle zu betrauern, sondern die Chancen zu nutzen, die damit verbunden sind. Durch die Schließung der Gruben gibt es beispielsweise allein 2400 Hektar brachliegender Flächen, für die wir eine sinnvolle neue Verwendung finden müssen.

          Wie wollen Sie die Kohleareale künftig nutzen?

          Es sind viele Szenarien denkbar: Gewerbeflächen, eine Nutzung als Wohnraum, Photovoltaikanlagen auf früheren Haldenflächen. Die RAG prüft derzeit, ob in den stillgelegten Bergwerkschächten Pumpspeicherkraftwerke angelegt werden können. All diese Möglichkeiten erörtert ein Lenkungskreis, den die Landesregierung gemeinsam mit der RAG gegründet hat. Damit eine Weiterentwicklung möglich ist, muss ein Großteil der Flächen aber erst einmal aus der Bergaufsicht herausgenommen werden.

          Politik im Schacht: Am 12. Juni tagte das saarländische Kabinett unter Tage - in 1745 Metern Tiefe. Bilderstrecke

          Das kostet alles viel Geld, das das Saarland nicht hat. Wie soll eine so gigantische Konversionsleistung finanziert werden?

          Es gibt eine Vereinbarung mit der RAG aus dem Jahr 2007, wonach das Unternehmen dem Saarland bis 2018 in zehn Tranchen 100 Millionen Euro an Strukturhilfen zur Verfügung stellt. Diese Mittel, von denen 30 Millionen Euro schon überwiesen sind, können genutzt werden, um die Konversion der Bergbauflächen zu finanzieren, aber auch in Wirtschaft, Forschung und Entwicklung an der Saar fließen. Darüber hinaus müssen wir mit der RAG aber weiter darüber reden, wer welche Lasten aus den freiwerdenden Flächen übernimmt.

          Der mehr als angespannte saarländische Haushalt wird durch den Strukturwandel nicht noch weiter belastet?

          Es werden sicher zusätzliche Kosten entstehen. Trotzdem sind die Chancen, die im Strukturwandel liegen, groß. Nehmen Sie etwa die Zulieferbetriebe aus dem Bergbau: Sie sind mittlerweile auf dem internationalen Markt tätig, obwohl der Bergbau an der Saar zu Ende geht. Das saarländische Know-how aus dem Bergbau wird jetzt nach China exportiert – für gutes Geld.

          Die saarländischen Bergleute haben mit dem Ende der Kohle quasi über Nacht ihre Lebensgrundlage verloren – hat Ihre Vorgängerregierung arbeitsmarktpolitisch alles richtig gemacht?

          Die saarländische Politik hat gemeinsam mit der RAG eine sozialverträgliche Lösung für die Bergleute gefunden. Viele können schon mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen, die jüngeren haben die Möglichkeit, im Bergwerk in Ibbenbüren weiterzuarbeiten. Es wird einige wenige geben, die auch 2018, wenn der Bergbau in Ibbenbbüren ausläuft, noch nicht die Altersgrenze erreicht haben. Aber das ist ein kleiner Teil von Leuten, für die wir noch Lösungen finden müssen. Ich sehr zuversichtlich, dass kein Bergmann im Saarland ins Bergfreie fällt.

          Die bergbaubedingten Grubenbeben haben das Saarland in den letzten Jahren entzweit; der Riss ging mitten durch Familien. Jetzt scheint plötzlich auch mancher Bergbaugegner Trauer zu verspüren – ist der Konflikt befriedet?

          Die vielen wehmütigen Reaktionen, die viele Saarländer in diesen Tagen zeigen, beweisen, dass diese Konflikte der Vergangenheit angehören. Allen Saarländern, auch den Bergbaugegnern, ist bewusst, dass hier gerade eine Epoche zu Ende geht. Schließlich hat der Bergbau alle im Saarland geprägt – Bergleute wie Bergbaugegner.

          Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass der Bergbau im Saarland ausgerechnet jetzt beendet wird, wo die Kohle durch den Atomausstieg manchem wieder als Brückentechnologie gilt?

          Wir stellen den Bergbau ja nicht aus freien Stücken ein, sondern weil ein Abbau ohne Gefahr für Leib und Leben nicht mehr möglich ist. Das schmerzt, sicher, zumal wir in der Primsmulde Kohle fast zu Weltmarktpreisen gefördert haben. Und natürlich ist es eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die SPD, die dem Bergbau immer sehr positiv gegenüber stand, im Saarland jetzt seine Abwicklung mitorganisieren muss.

          Das saarländische Kabinett hat vor ein paar Tagen eine Sitzung unter Tage abgehalten, um ein Zeichen für den Bergbau zu setzen. Wie wird das Saarland künftig der Kohle gedenken?

          Wir werden in den kommenden Monaten mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen das Ende des Bergbaus begehen, unter anderem mit einer großen Dauerausstellung im ehemaligen Bergwerk Reden, in der unsere Geschichte gerade für die jungen Menschen und Kinder erlebbar bleiben soll. Auf einer der großen Bergehalden wird zudem eine große Landmarke errichtet werden; ein Denkmal, das weithin sichtbar sein wird. Außerdem überprüfen wir gerade, wie viele der Industriebauwerke, also Fördertürme, Stollen, Berghalden, künftig als Denkmäler ausgewiesen werden können. Die Zeugnisse des Bergbaus werden uns noch weit über unsere Zeit hinaus beschäftigen. Wir werden den Bergbau als unser aller Erbe im Herzen immer bewahren – das sind wird dem Land, den Menschen und uns selbst schuldig.

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