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Elizabeth Holmes : Die jüngste Milliardärin der Welt

Elizabeth Holmes Bild: Getty

Elizabeth Holmes ist die Frau gegen Schmerzen. Sie machte aus der Angst vor Spritzen ein Geschäft. Jetzt will sie Amerikas Gesundheitssystem revolutionieren.

          3 Min.

          Steve Jobs war berühmt dafür, sich fast immer gleich zu kleiden. Der 2011 verstorbene Mitgründer von Apple zeigte sich bei öffentlichen Auftritten regelmäßig mit schwarzem Rollkragenpullover, Jeans und Turnschuhen. Angeblich hatte er Dutzende von identischen Kleidungsstücken im Schrank. Eine ähnliche Marotte pflegt Mark Zuckerberg, der Vorstandsvorsitzende von Facebook, dessen Markenzeichen graue T-Shirts sind. Zuckerberg hat einmal gesagt, er wolle keine Energie damit verschwenden, sich jeden Tag aufs Neue Gedanken über sein äußeres Erscheinungsbild zu machen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Einen ähnlichen Hang zur täglichen Uniform hat auch Elizabeth Holmes, die ein durchgehend schwarzes Ensemble aus Hosenanzug und Rollkragenpullover bevorzugt. Die 31 Jahre alte Holmes mag noch nicht so berühmt sein wie Jobs oder Zuckerberg, aber sie schickt sich an, zur neuen Vorzeigeunternehmerin Amerikas zu werden. In der gerade veröffentlichten „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt ist sie die jüngste Frau - ihr Vermögen wird auf 4,5 Milliarden Dollar geschätzt.

          Dieser Reichtum kommt von Theranos, einem von ihr gegründeten und geführten Diagnostikunternehmen aus dem kalifornischen Silicon Valley, mit dem sie sich vornimmt, das Gesundheitssystem zu revolutionieren. Mehr als die eigenwillige Bekleidung ist es dieser Weltveränderungsanspruch, der manche Menschen Parallelen zwischen Holmes und Technologievisionären wie Jobs ziehen lässt. Zum Beispiel Channing Robertson, einst Universitätsprofessor von Holmes, der von seiner früheren Studentin so überzeugt ist, dass er heute ihr Angestellter ist.

          Mit Theranos will Holmes den Markt für Labortests aufmischen, der allein in den Vereinigten Staaten ein geschätztes Umsatzvolumen von mehr als 70 Milliarden Dollar hat. Hinter der Idee für Theranos steckt ein sehr persönliches Motiv, denn Holmes hat Angst vor Spritzen. Theranos verspricht Bluttests ohne schmerzhafte Einstiche. Ein kleiner Pieks im Finger - und wenige Tropfen Blut sollen mit der Methode des Unternehmens reichen, um eine ganze Fülle von Tests vornehmen zu können. Die Prozedur soll nicht nur weniger schmerzen als traditionelle Blutentnahmen, sondern auch deutlich billiger sein.

          Nie wieder: „Hätte ich es doch nur früher gewusst!“

          Das wird nach der Vorstellung von Holmes dazu führen, dass sich viel mehr Menschen als bislang Bluttests unterziehen. Sie zitiert gerne eine Statistik, wonach 40 bis 60 Prozent aller von Ärzten angeordneten Bluttests nicht stattfinden - unter anderem, weil die Patienten kneifen. Und sie führt oft das Beispiel ihres Onkels an, der an Krebs gestorben ist und nach ihrer Auffassung bei früherer Diagnose vielleicht hätte gerettet werden können. Die Vision von Holmes: „Eine Welt, in der niemand sagen muss: Hätte ich es doch nur früher gewusst!“ Bei Investoren kommt das gut an. Theranos hat in einer Finanzierungsrunde 400 Millionen Dollar eingesammelt und wurde dabei mit 9 Milliarden Dollar bewertet.

          Holmes hält rund die Hälfte der Anteile, woraus sich ihr von „Forbes“ errechnetes Vermögen ergibt, das sie freilich bislang nur auf dem Papier hat. Theranos hat prominente Geldgeber wie Larry Ellison, den Mitgründer des Softwarekonzerns Oracle. Bekannte Namen finden sich auch im Verwaltungsrat des Unternehmens, darunter ungewöhnlich viele Vertreter mit Verbindungen in die Politik wie der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger. Theranos hat derzeit 700 Mitarbeiter. Zu Umsätzen und anderen Finanzdaten macht das Unternehmen keine Angaben.

          Holmes hatte schon immer große Ambitionen. Im Alter von neun Jahren fing sie an, Chinesisch zu lernen. Nach ihrem Schulabschluss begann sie an der Universität Stanford Chemieingenieurwesen zu studieren, bis ihr nach ihrem ersten Jahr während eines Praktikums in Singapur die Idee für ihr Unternehmen kam. Sie beschloss, das Studium abzubrechen, zunächst noch gegen den Rat ihres Professors Robertson. Damit folgte sie dem Beispiel anderer berühmter Studienabbrecher wie Mark Zuckerberg und Bill Gates. Ihre Eltern überzeugte sie, die eigentlich für Studiengebühren vorgesehenen Ersparnisse als Startkapital zu verwenden. 2003 wurde Theranos gegründet, Holmes war damals 19 Jahre alt.

          Bluttests bald in ganz Amerika zu kaufen

          Der breiten Öffentlichkeit blieb das Unternehmen lange verborgen. Das war von Holmes so gewollt, der es lieber war, nicht allzu viel Aufmerksamkeit von den großen Laborkonzernen wie Quest auf sich zu ziehen. Sie wollte in Ruhe an der Technologie für die Tests arbeiten, um die sie bis heute ein großes Geheimnis macht. Holmes selbst wagt sich etwas mehr ins Rampenlicht und tritt bei öffentlichen Anlässen wie Konferenzen auf, seit Theranos vor etwa eineinhalb Jahren begonnen hat, seine Tests stärker direkt an Endverbraucher zu vermarkten.

          Damals wurde eine Allianz mit Amerikas größter Drogeriekette Walgreen geschlossen, die derzeit in rund zwanzig ihrer mehr als 8000 Filialen Bluttests von Theranos anbietet. Die Partnerschaft soll künftig auf Walgreen-Filialen im ganzen Land ausgeweitet werden, und Holmes hat das Ziel ausgegeben, dass eines Tages jeder Amerikaner im Umkreis von acht Kilometern eine Teststation von Theranos finden kann.

          Holmes neigt dazu, rigide zu sein, ob es nun bei der Auswahl ihrer Kleidung ist oder bei ihren Essensgewohnheiten. Sie ist strikte Veganerin und ernährt sich mit Vorliebe von Gemüsesäften mit Zutaten wie Spinat, Petersilie, Gurken und Sellerie. Wie kürzlich in einem langen Porträt über sie in der Zeitschrift „New Yorker“ zu lesen war, gönnt sich Holmes auch keine Zeit fürs Privatleben. Henry Kissinger und seine Frau sollen sogar versucht haben, sie zu verkuppeln - ohne Erfolg.

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