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Elektrogeräte und ihre Garantiezeit : Garantiert schnell kaputt?

Am Ende nur noch Elektroschrott Bild: dpa

Laptop, Kühlschrank und Handy machen nach dem Eindruck von Verbrauchern immer schneller schlapp. Viele vermuten, dahinter steckt System. Ein Unternehmen aus Bensheim will mit einem Gütesiegel gegensteuern.

          Vor einiger Zeit hatte Edbill Grote, Geschäftsführer des Testhauses HTV in Bensheim, eine einschneidende Begegnung. Er traf einen Entwicklungsingenieur. Der habe ihm erzählt, er müsse bestimmte Bausteine in Kühlschränken so einplanen, dass das Gerät nach sieben Jahren ausfalle. „Da war ich erschüttert“, sagt Grote.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Endgültig aufgeschreckt wurde der Elektrotechniker aus Südhessen, wie er sagt, durch eine Dokumentation auf dem Fernsehsender Arte. Darin ging es um die Wegwerfgesellschaft, um riesige Elektroschrottdeponien in Afrika mit verheerenden Folgen für die Umwelt und um das Phänomen, von dem auch der Kühlschrankentwickler berichtet hatte: den bewusst geplanten, vorzeitigen Verschleiß, auch bekannt unter dem Begriff „geplante Obsoleszenz“.

          Immer dasselbe Prinzip

          Damit Geräte schneller kaputtgehen und Verbraucher schneller neue nachkaufen, bauen Hersteller, so der Vorwurf, den auch Grote der Industrie macht, sogenannte Sollbruchstellen ein. Die Ingenieure und Elektrotechniker des Bensheimer Test- und Programmierhauses, das auch für große Industriekunden arbeitet, haben im Selbstversuch Firmencomputer unter die Lupe genommen, die nach drei Jahren ohne Vorwarnung nahezu gleichzeitig den Betrieb aufgegeben hatten.

          Sie entlarvten dabei immer dasselbe Prinzip: Temperaturempfindliche Teile werden, obwohl noch ausreichend Platz an anderer Stelle wäre, zu nah an heiß werdende Teile gesetzt mit der Folge, dass sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen, im Idealfall kurz nach Ablauf der Garantie. „Hersteller können so etwas auf die Woche genau ausrechnen“, meint Grote.

          Auch auf andere Weise werde gepfuscht, etwa durch den Einbau zu kurzer Gleitkontakte in Waschmaschinen. Grundsätzlich kritisiert Grote den Einbau fester Akkus in elektrischen Geräten wie Zahnbürsten und Smartphones.

          Der Unternehmenschef, der 1986 mit zwei Kollegen die Firma gründete und inzwischen 220 Mitarbeiter beschäftigt, hat solchen Sollbruchstellen jetzt den Kampf angesagt. Mit einem sogenannten „HTV-Life-Gütesiegel“ sollen sich Hersteller dafür zertifizieren lassen, dass sie ihre Geräte nicht manipuliert haben. Das Siegel könnte nach Grotes Vorstellung direkt auf dem Produkt angebracht werden. Die Hersteller müssten dafür nicht viel zahlen, aber eidesstattlich versichern, dass sauber gearbeitet wurde. In Bensheim würde ein Muster geprüft und auch gelagert - auf die Langzeitkonservierung elektronischer Bauteile ist das Unternehmen HTV spezialisiert.

          Bei der Electronica in München, der größten Elektronikmesse der Welt, hat Grote im vergangenen Herbst seine Lösung vorgestellt. Der Unternehmer versichert, dass es ihm nicht um Zusatzgeschäft gehe, sondern darum, die Schrottberge in Afrika nicht noch weiter in den Himmel wachsen zu lassen. „Wir müssen das stoppen. Das ist unmoralisch“, sagt Grote.

          Noch freilich hat kein Hersteller angebissen. Mit einem großen Telefonhersteller sei man im Gespräch, und auch auf die Stiftung Warentest ist Grote zugegangen. Unternehmen verspricht er einen positiven Marketingeffekt. Sie könnten sich mit dem Siegel deutlich von Mitbewerbern abheben, unter Umständen auch einen höheren Preis am Markt durchsetzen.

          Die Theorie vom geplanten Defekt

          Zurückhaltend äußert sich der Elektrotechnik- Verband VDE zu den Manipulationsvorwürfen aus Bensheim. In Offenbach prüft und zertifiziert der VDE für Industrieunternehmen elektrische Geräte auch auf die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen hin. „Natürlich gibt es Fälle, in denen Geräte vorzeitig ausfallen können. Dass die Herstellerseite bewusst manipuliert, muss man aber im konkreten Fall belegen“, sagt Jürgen Ripperger, Leiter Projektmanagement am VDE-Prüfinstitut in Offenbach. „Unsere Produkttests können so etwas nicht bestätigen.“

          Ripperberger gibt zu bedenken, dass die Haltbarkeit eines Gerätes auch von der Qualität abhänge. „Wer einen sehr günstigen Drucker kauft, muss damit rechnen, dass die Qualität und damit auch die Haltbarkeit eingeschränkt ist.“ Gleiches gelte für das Nutzungsverhalten. Ein Mobiltelefon, das zum Beispiel im Skiurlaub extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt sei, werde vermutlich früher ausfallen als eines bei guter Pflege.

          Als eine „moderne Legende“ hat im vergangenen November die „Neue Züricher Zeitung am Sonntag“ die Theorie vom geplanten Defekt bezeichnet. Es sei ein fundamentales Missverständnis zu glauben, gute Ingenieursarbeit bestehe darin, möglichst langlebige Produkte zu entwerfen, heißt es darin. Dies würde zu Produkten führen, die niemand kaufe, weil sie für den tatsächlichen Bedarf stabiler als nötig ausgestattet seien. Und gerade Langlebigkeit sei ein Kostentreiber. Ein Beispiel: Die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Bohrmaschine vom Kauf bis zur Entsorgung beträgt in amerikanischen Haushalten etwa elf Minuten. Würde die Maschine so konstruiert, dass sie 2000 Stunden durchhalte, sei es das falsche, da viel zu teure Produkt, heißt es.

          Verbraucher mit Sollbruchstellen-Verdacht in defekten Geräten können diese unter der Adresse www.htv-life.com melden und bei Bedarf auch in Bensheim untersuchen lassen. Ein Beschwerdeportal hält seit vergangenem Jahr auch der Berliner Stefan Schridde unter www.murks-nein-danke.de bereit. Verbraucher, die sich betrogen fühlen, können hier Geräte konkret benennen und ihre Erfahrungen anderen Lesern mitteilen.

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