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Migration : Was hat Deutschland von der Einwanderung?

Der millionste Gastarbeiter in der Bundesrepublik bekam 1964 zur Begrüßung ein Moped und Blumen im Köln-Deutzer Bahnhof geschenkt - obwohl er damals noch kein Wort Deutsch sprach. Er arbeitete für einige Jahre als Zimmermann  in Süddeutschland und kehrte später wieder in sein Heimatland zurück.

Tatsächlich sind die meisten der sogenannten Gastarbeiter wieder gegangen: „Zwischen 1955 und 1973 sind insgesamt 14 Millionen Menschen aus den Anwerbeländern nach Deutschland gekommen, 11 Millionen sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt“, sagt Migrationsforscher Jochen Oltmer.

Anfang der 70er Jahre änderte sich die Einschätzung der Einwanderung in der deutschen Gesellschaft. Willy Brandt ordnete den Anwerbestopp an. Die Ölkrisen befeuerten diesen Wandel. Als die Arbeitslosigkeit auf damals unbekannte Höhen stieg, war es vorbei mit dem Werben um neue, junge Arbeitskräfte im Ausland. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis schien aus der Balance geraten zu sein. Tatsächlich endete der Zustrom von Arbeitskräften mit dem Anwerbestopp. Dass die Zahl der Ausländer in den kommenden Jahren dennoch weiter stieg, lag am Familiennachzug der verbliebenen Gastarbeiter. In der Koalitionsvereinbarung der ersten Regierung von Helmut Kohl hieß es: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Seine Regierung drängte darauf, dass viele wieder zurückkehrten, zeitweise gab es für Rückkehrer sogar eine „Rückkehrhilfe“ in Höhe von 10.500 DM, was die damalige Opposition als „Hau-Ab-Politik“ anprangerte.

Die Zahl der Türken – die einzige große muslimisch geprägte Gruppe in Deutschland – hat in den 90er Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Seither geht ihre Zahl kontinuierlich zurück. Heute kommen die meisten Zuwanderer aus christlich geprägten Ländern nach Deutschland. Die größte Gruppe der neuen Einwanderer bilden die katholischen Polen und die christlich-orthodoxen Rumänen. Im Jahr 2013 kamen netto, also nach Abzug der Abwanderer, mehr als 70.000 Polen und knapp 50.000 Rumänen.

Die Karte zeigt, dass die Türken zwar bis heute in den meisten deutschen Landstrichen dominieren. Im Osten aber, wo die Einwanderung der alten Bundesrepublik keine Rolle spielte, sind die Polen heute die häufigste Ausländergruppe. Und nicht nur dort: Auch in Norddeutschland, in Teilen von Bayern und Rheinland-Pfalz.

Die Farbigkeit der obigen Grafik in Ostdeutschland aber täuscht. Insgesamt betrachtet gibt es dort bis heute kaum Ausländer. Die Migranten konzentrieren sich in den wirtschaftlich florierenden Regionen – etwa im Süden in den Großräumen Stuttgart, München und im Rhein-Main-Gebiet um Frankfurt. Außerdem im Ruhrpott, dessen Kohle- und Stahlindustrie gerade noch einige Jahre florierte als Mitte der 50er Jahre die große Zuwanderung begann. Wo sich einmal Netzwerke von Einwanderern gebildet hatten, dort siedelten auch andere an, weil Neuankömmlinge einen Anknüpfungspunkt bei Verwandten oder Bekannten hatten.

Wie wird heute nun das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Einwanderung eingeschätzt? Die Folgen für die Staatskassen hat jüngst eine umfangreiche Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung beleuchtet. Der Mannheimer Ökonomen Holger Bonin analysierte dafür sämtliche Zahlungsströme zwischen Bürgern und öffentlichen Kassen: Wer zahlt wieviel Steuern? Wer zahlt wieviel Beiträge für  die Krankenversicherung und für die Rente? Und wer nimmt öffentliche Sozialleistungen in Anspruch, sei es Hartz IV, Wohngeld oder Rente?

Klar ist, das Ausländer im Schnitt öfter Arbeitslosengeld und andere Sozialtransfers in Anspruch nehmen. Die Deutschen sind im Schnitt höher ausgebildet, verdienen damit auch mehr Geld und zahlen daher als Arbeitnehmer auch höhere Steuern. Sie bekommen später aber auch höhere Renten ausbezahlt. Dies alles eingerechnet, kam Bonin zu dem Schluss, dass die heute in Deutschland lebenden Ausländer im Jahr 2012 insgesamt mehr Steuern und Sozialbeiträge gezahlt haben, als sie den laufenden öffentlichen Kassen entnommen haben. Im Schnitt errechnete er einen laufenden Überschuss von 3300 Euro je Ausländer.

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