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Arm und Reich : Die Schere geht nicht weiter auf

Bis zum Porsche reicht’s noch nicht für jeden. Bild: dpa

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer? So ist es in Deutschland nicht. Neue Zahlen zeigen: Auch für Leute mit kleinem Einkommen bessert sich das Leben.

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          Die Armut in Deutschland wächst nicht, und die Schere der Einkommen geht nicht weiter auf. Neue Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegen, dass sich die Unterschiede zwischen armen und reichen Familien im Jahr 2012 nicht weiter erhöht haben.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In den vergangenen Monaten hatte eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands heftige Debatten ausgelöst. Demnach sei die Armut auf Rekordhöhe. Dabei hatte der Wohlfahrtsverband die Armutsschwelle nicht auf einen bestimmten Betrag angesetzt, sondern ließ sie mit dem Einkommen eines typischen Deutschen (dem „Medianeinkommen“) wachsen. Das führte zu heftiger Kritik.

          Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die Unterschiede zwischen Arm und Reich nun auf mehreren Wegen gemessen. Alle Zahlen stammen aus dem so genannten „Sozioökonomischen Panel“, einer Umfrage, in der jährlich rund 30.000 Deutsche nach ihrem Leben befragt werden.

          Könnt ihr euch neue Möbel leisten?

          In der ersten Rechnung werden die Einkommen der Haushalte im so genannten „Gini-Koeffizienten“ zusammengefasst. Der steht bei 0, wenn alle das gleiche Einkommen haben, und bei 1, wenn einer alles hat. Dabei wird auch berücksichtigt, dass ein gewisser Lebensstandard für Familien mit vielen Kindern mehr Geld kostet als für Single-Haushalte. Laut DIW ist dieser Gini-Koeffizient im Jahr 2012 bei rund 0,48 stagniert.

          In einem zweiten Ansatz fragten die Forscher, was sich die Deutschen leisten können: zum Beispiel, ob sie auch mal Freunde zum Essen einladen können, ob sie sich neue Möbel leisten können oder ob sie einen Farbfernseher haben. Wer mehrere dieser Fragen verneint, gilt als arm. In dieser Rechnung sinke die Zahl der Armen seit einigen Jahren, schreibt das DIW.

          Deutschland geht es besser als dem Rest

          Damit bleibt ein Trend intakt, der Deutschland schon seit einigen Jahren vom Rest der Welt unterscheidet: Während in vielen Ländern die Einkommen tatsächlich ungleicher werden, ist dieser Trend in Deutschland ungefähr seit dem Jahr 2006 beendet. Nach wie vor sind die Einkommen deutlich ungleicher als zur Jahrtausendwende, doch die Schere geht nicht weiter auf. Für die Nettoeinkommen nach Steuern und Sozialleistungen gilt ähnliches, allerdings sind die Bewegungen nicht so ausgeprägt.

          Dass sich Arm und Reich nicht mehr auseinanderentwickeln, dafür gibt es zwei Gründe, wie Ökonomen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung schon vor einigen Monaten festgestellt haben. Als in der Finanzkrise Aktien- und Anleihenkurse sanken, haben viele reiche Haushalte Geld verloren. Das galt fast überall in der industrialisierten Welt. In Deutschland aber hat sich gleichzeitig die Lage der Armen verbessert, weil sie nach den Arbeitsmarktreformen von „Agenda 2010“ und „Hartz IV“ leichter Arbeit gefunden haben.

          Unsicher ist, ob alles auf Dauer so bleibt. Zwar deutet wenig darauf hin, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert. Doch in den vergangenen Jahren sind einige Aktien- und Anleihenkurse gestiegen. Sobald die Ökonomen die Auswirkungen der Kursanstiege berücksichtigen können, könnte die Ungleichheit wieder steigen – vielleicht aber leiden die Reichen auch unter den niedrigen Zinsen. In den Daten des DIW finden sich Anzeichen dafür, dass die Ungleichheit wieder wachsen könnte. Signifikant sind die aber noch nicht.

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